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{'item': 'W265 2176316-2'}

RIS Dokument GerichtBundesverwaltungsgericht Entscheidungsdatum27.01.2022 GeschäftszahlW265 2176316-2 Spruch, W265 2176316-2/11E IM NAMEN DER REPUBLIK! Das Bundesverwaltungsgericht erkennt durch die R

§ 2Abs. 1 Z 13 Asyl

G 2005 (Spruchpunkt I.) und hinsichtlich der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten in Bezug auf den Herkunftsstaat Afghanistan gemäß § 8 Abs.

§ 2Abs. 1 Z 13 Asyl

G 2005 (Spruchpunkt II.) abgewiesen. Weiters wurde dem Beschwerdeführer kein Aufenthaltstitel aus berücksichtigungswürdigen Gründen gemäß § 57 AsylG 2005 erteilt, gegenüber ihm gemäß § 10 Abs. 1 Z 3 AsylG iVm § 9 BFA-VG eine Rückkehrentscheidung gemäß § 52 Abs. 2 Z 2 FPG erlassen und gemäß § 52 Abs. 9 FPG festgestellt, dass seine Abschiebung gemäß § 46 FPG nach Afghanistan zulässig ist (Spruchpunkt III.). Die Frist für seine freiwillige Ausreise gemäß § 55 Abs. 1 bis 3 FPG wurde mit zwei Wochen ab Rechtskraft der Rückkehrentscheidung festgesetzt (Spruchpunkt IV.).

  1. Mit Bescheid des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl vom 15.10.2017 wurde der Antrag des Beschwerdeführers hinsichtlich der Zuerkennung des Status der Asylberechtigten gemäß Paragraph 3, Absatz eins, in Verbindung mit Paragraph 2, Absatz eins, Ziffer 13, AsylG 2005 (Spruchpunkt römisch eins.) und hinsichtlich der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten in Bezug auf den Herkunftsstaat Afghanistan gemäß Paragraph 8, Absatz eins, in Verbindung mit Paragraph 2, Absatz eins, Ziffer 13, AsylG 2005 (Spruchpunkt römisch zwei.) abgewiesen. Weiters wurde dem Beschwerdeführer kein Aufenthaltstitel aus berücksichtigungswürdigen Gründen gemäß Paragraph 57, AsylG 2005 erteilt, gegenüber ihm gemäß Paragraph 10, Absatz eins, Ziffer 3, AsylG in Verbindung mit Paragraph 9, BFA-VG eine Rückkehrentscheidung gemäß Paragraph 52, Absatz 2, Ziffer 2, FPG erlassen und gemäß Paragraph 52, Absatz 9, FPG festgestellt, dass seine Abschiebung gemäß Paragraph 46, FPG nach Afghanistan zulässig ist (Spruchpunkt römisch drei.). Die Frist für seine freiwillige Ausreise gemäß Paragraph 55, Absatz eins bis 3 FPG wurde mit zwei Wochen ab Rechtskraft der Rückkehrentscheidung festgesetzt (Spruchpunkt römisch vier.).
  2. Mit Erkenntnis des Bundesverwaltungsgerichts vom 24.08.2018, Zl. W105 2176316-1/13E, wurde eine dagegen erhobene Beschwerde nach Durchführung einer mündlichen Verhandlung als unbegründet abgewiesen.
  3. Mit Beschluss des Verfassungsgerichtshofes vom 26.11.2018, Zl. E 4037/2018-7, wurde auch die Behandlung einer gegen dieses Erkenntnis erhobenen Beschwerde abgelehnt.
  4. Am 29.10.2020 stellte der Beschwerdeführer den gegenständlichen (zweiten) Antrag auf internationalen Schutz in Österreich.
  5. Am selben Tag fand vor einem Organ des öffentlichen Sicherheitsdienstes die niederschriftliche Erstbefragung des Beschwerdeführers statt. Dabei gab er unter anderem an, afghanischer Staatsangehöriger, Angehöriger der Volksgruppe der Tadschiken und schiitischer Muslim zu sein sowie aus der Provinz XXXX zu stammen. Zu den Gründen seines Folgeantrags führte der Beschwerdeführer aus, das erste Mal, als er befragt worden sei, habe er angegeben, dass ihn mehrere Personen in Afghanistan töten hätten wollen. Da er jetzt geheiratet habe, und seine Ehefrau Schiitin sei, wolle seine Familie seinen Tod. Seine Bekannten bzw. seine Familie seien nämlich Sunniten. Jetzt seien alle der Meinung, dass er ein Ungläubiger sei. Zudem gebe er an, in Afghanistan schon verlobt gewesen zu sein. Er sei dann einfach gegangen. Deshalb wolle ihn jetzt auch die Familie seiner Ex-Verlobten umbringen. Er fürchte den Tod durch seine Familie.
  6. Am selben Tag fand vor einem Organ des öffentlichen Sicherheitsdienstes die niederschriftliche Erstbefragung des Beschwerdeführers statt. Dabei gab er unter anderem an, afghanischer Staatsangehöriger, Angehöriger der Volksgruppe der Tadschiken und schiitischer Muslim zu sein sowie aus der Provinz römisch 40 zu stammen. Zu den Gründen seines Folgeantrags führte der Beschwerdeführer aus, das erste Mal, als er befragt worden sei, habe er angegeben, dass ihn mehrere Personen in Afghanistan töten hätten wollen. Da er jetzt geheiratet habe, und seine Ehefrau Schiitin sei, wolle seine Familie seinen Tod. Seine Bekannten bzw. seine Familie seien nämlich Sunniten. Jetzt seien alle der Meinung, dass er ein Ungläubiger sei. Zudem gebe er an, in Afghanistan schon verlobt gewesen zu sein. Er sei dann einfach gegangen. Deshalb wolle ihn jetzt auch die Familie seiner Ex-Verlobten umbringen. Er fürchte den Tod durch seine Familie.
  7. Am 19.11.2020 wurde der Beschwerdeführer vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl niederschriftlich einvernommen. Dabei gab er zu seinen persönlichen Umständen ergänzend im Wesentlichen an, er sei im Dorf XXXX im Distrikt XXXX in der Provinz Nangarhar geboren. Seine Mutter sei Paschtunin und sein Vater sei Tadschike. Seit August 2018 sei er nach islamischem Recht mit XXXX verheiratet, die er in Mazedonien kennengelernt habe. Sie sei in Österreich asylberechtigt. Seit damals sei er auch Schiite, weil die Familie seiner Frau es verlangt habe und er sie sonst nicht heiraten hätte dürfen. Seit August 2020 wohne er mit ihr in einem gemeinsamen Haushalt. Sein Vater sei bereits verstorben, seine Mutter, ein Bruder und eine Schwester würden in Pakistan leben. Seit 2019 habe er nicht mehr mit seiner Mutter gesprochen. Er leide an Magen- und Brustschmerzen unklarer Ursache.
  8. Am 19.11.2020 wurde der Beschwerdeführer vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl niederschriftlich einvernommen. Dabei gab er zu seinen persönlichen Umständen ergänzend im Wesentlichen an, er sei im Dorf römisch 40 im Distrikt römisch 40 in der Provinz Nangarhar geboren. Seine Mutter sei Paschtunin und sein Vater sei Tadschike. Seit August 2018 sei er nach islamischem Recht mit römisch 40 verheiratet, die er in Mazedonien kennengelernt habe. Sie sei in Österreich asylberechtigt. Seit damals sei er auch Schiite, weil die Familie seiner Frau es verlangt habe und er sie sonst nicht heiraten hätte dürfen. Seit August 2020 wohne er mit ihr in einem gemeinsamen Haushalt. Sein Vater sei bereits verstorben, seine Mutter, ein Bruder und eine Schwester würden in Pakistan leben. Seit 2019 habe er nicht mehr mit seiner Mutter gesprochen. Er leide an Magen- und Brustschmerzen unklarer Ursache. Zu den Gründen seines Folgeantrags führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, er habe seiner Mutter und seinem Bruder erzählt, dass er geheiratet habe und jetzt Schiite sei. Daraufhin hätten sie ihn beschimpft. Seine Mutter glaube, dass er jetzt ein Ungläubiger sei. Er sei auch schon vorher verlobt gewesen, die Frau habe ihm aber nicht gefallen. Er habe sie angerufen und die Verlobung gelöst, woraufhin der Bruder seiner Ex-Verlobten ihn eine Woche lang angerufen und immer wieder gefragt habe, warum er das mache. Es wäre ehrenlos und er hätte dessen Schwester beschämt. Der Bruder habe gesagt, dass er sich an der Familie des Beschwerdeführers in Pakistan rächen und ihn bei einer Rückkehr töten wolle. Auch sein Bruder sei deshalb bedroht worden. Daraufhin habe ihn seine Mutter angerufen und geklagt, dass es jetzt eine Feindschaft mit dieser Familie gebe. Sie habe gesagt, wenn er zurückkomme würden sie ihn nicht am Leben lassen. Sie würde ihn mit eigenen Händen töten. Er wäre nicht mehr ihr Sohn und er solle bei der Rückkehr gleich ein Leichentuch mitnehmen. Die zwei Brüder seiner Ex-Verlobten seien sehr gefährlich. Sie hätten auch seine Mutter bedroht. Er wisse daher nicht, ob seine Familie noch am Leben sei. Wegen seines Religionswechsels würden ihn die anderen Leute in Afghanistan auch nicht in Ruhe lassen. Im Rahmen der Einvernahme wurde auch XXXX als Zeugin einvernommen, insbesondere zur vorgebrachten Eheschließung mit dem Beschwerdeführer.Im Rahmen der Einvernahme wurde auch römisch 40 als Zeugin einvernommen, insbesondere zur vorgebrachten Eheschließung mit dem Beschwerdeführer.
  9. Am 16.12.2020 wurde der Beschwerdeführer vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl erneut niederschriftlich einvernommen. Dabei gab er zu den Gründen seines Folgeantrags im Wesentlichen an, seine Familie gehöre zum sunnitischen Zweig des Islam. Er habe diesen Zweig verlassen und sie hier zu einem Schiiten geworden. Seine Frau gehöre auch zum Zweig der Schiiten, sie sei eine Hazara. Als er seine Mutter angerufen und bekannt gegeben habe, dass er hier eine andere Frau geheiratet und seine Religionsrichtung geändert habe, habe sie es gar nicht geglaubt. Daraufhin habe sie ihn ganz schlimm beschimpft und verflucht. Er sei in Afghanistan mit einer anderen Frau verlobt gewesen. Nach dem Telefonat mit seiner Mutter habe er seine Verlobte angerufen und ihr mitgeteilt, dass sie jetzt von seiner Seite frei sei. Die Brüder seiner damaligen Verlobten hätten ihn daraufhin angerufen und gewarnt, dass er so etwas mit ihrer Schwester nicht machen dürfe. Sie hätten gesagt, dass das eine Ehrensache sei und sie das so nicht akzeptieren würden. Auch diesen habe er mitgeteilt, dass er Schiit geworden sei. Sie hätten ihm daraufhin gesagt, dass er hier ein Ungläubiger geworden sei. Sie hätten seine Familie angerufen und zu seiner Mutter gesagt, dass sie ihn töten würden, weil er ihre Ehre angetastet hätte. Daraufhin habe ihm seine Mutter vorgeworfen, das Leben der Familie gefährdet zu haben. Sie habe gesagt, dass er nicht mehr ihr Sohn sei und in Afghanistan keinen Platz mehr habe. Wenn er nach Afghanistan komme, könne er gleich ein Leichentuch mitbringen. Sein Bruder habe sogar seine Frau hier in Österreich angerufen und sie mit dem Tod bedroht. Dieser habe ihr vorgeworfen, ihn zu einem Schiiten gemacht zu haben. Die Familie seiner Ex-Verlobten sei mächtig. Die Brüder hätten gute Kontakte mit großen Warlords. Er wisse nicht einmal, ob seine Familie noch am Leben sei. Die Familie der Verlobten habe sie stark bedroht. Im Rahmen der Einvernahme legte der Beschwerdeführer Fotos und Integrationsunterlagen vor.
  10. Mit Eingabe vom 28.12.2020 erstattete der Beschwerdeführer durch seinen bevollmächtigten Vertreter eine Stellungnahme zur Sicherheits- und Versorgungslage in Afghanistan. Zugleich wurde die Einholung eines länderkundigen Sachverständigengutachtens und/oder Beiziehung eines Vertrauensanwaltes aus Afghanistan zum Beweis dafür beantragt, dass der Beschwerdeführer von seiner Familie verstoßen worden sei bzw. dass er und seine Lebensgefährtin aufgrund dessen, dass sie „Ungläubige“ seien, Widrigkeiten gegen Leib und Leben erfahren würden. Es bestehe eine enge Beziehung zu seiner Gattin/Lebensgefährtin und diese komme derzeit für seinen Unterhalt auf. Mit der Stellungnahme wurden Integrationsunterlagen vorgelegt.
  11. Das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl wies den Antrag des Beschwerdeführers auf internationalen Schutz mit oben genanntem Bescheid vom 24.03.2021 hinsichtlich der Zuerkennung des Status der Asylberechtigten gemäß § 3 Abs.

§ 2Abs. 1 Z 13 Asyl

G 2005 (Spruchpunkt I.) und hinsichtlich der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten in Bezug auf den Herkunftsstaat Afghanistan gemäß § 8 Abs.

§ 2Abs. 1 Z 13 Asyl

G 2005 (Spruchpunkt II.) ab. Weiters wurde dem Beschwerdeführer kein Aufenthaltstitel aus berücksichtigungswürdigen Gründen gemäß § 57 AsylG 2005 erteilt (Spruchpunkt III.), gegenüber ihm gemäß § 10 Abs. 1 Z 3 AsylG iVm § 9 BFA-VG eine Rückkehrentscheidung gemäß § 52 Abs. 2 Z 2 FPG erlassen (Spruchpunkt IV.), gemäß § 52 Abs. 9 FPG festgestellt, dass seine Abschiebung gemäß § 46 FPG nach Afghanistan zulässig sei (Spruchpunkt V.) und die Frist für eine freiwillige Ausreise gemäß § 55 Abs. 1 bis 3 FPG mit zwei Wochen ab Rechtskraft der Rückkehrentscheidung festgesetzt (Spruchpunkt VI.).

  1. Das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl wies den Antrag des Beschwerdeführers auf internationalen Schutz mit oben genanntem Bescheid vom 24.03.2021 hinsichtlich der Zuerkennung des Status der Asylberechtigten gemäß Paragraph 3, Absatz eins, in Verbindung mit Paragraph 2, Absatz eins, Ziffer 13, AsylG 2005 (Spruchpunkt römisch eins.) und hinsichtlich der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten in Bezug auf den Herkunftsstaat Afghanistan gemäß Paragraph 8, Absatz eins, in Verbindung mit Paragraph 2, Absatz eins, Ziffer 13, AsylG 2005 (Spruchpunkt römisch zwei.) ab. Weiters wurde dem Beschwerdeführer kein Aufenthaltstitel aus berücksichtigungswürdigen Gründen gemäß Paragraph 57, AsylG 2005 erteilt (Spruchpunkt römisch drei.), gegenüber ihm gemäß Paragraph 10, Absatz eins, Ziffer 3, AsylG in Verbindung mit Paragraph 9, BFA-VG eine Rückkehrentscheidung gemäß Paragraph 52, Absatz 2, Ziffer 2, FPG erlassen (Spruchpunkt römisch vier.), gemäß Paragraph 52, Absatz 9, FPG festgestellt, dass seine Abschiebung gemäß Paragraph 46, FPG nach Afghanistan zulässig sei (Spruchpunkt römisch fünf.) und die Frist für eine freiwillige Ausreise gemäß Paragraph 55, Absatz eins bis 3 FPG mit zwei Wochen ab Rechtskraft der Rückkehrentscheidung festgesetzt (Spruchpunkt römisch sechs.). Begründend führte die Behörde im Wesentlichen aus, die vom Beschwerdeführer im Vorverfahren angegebenen Gründe für das Verlassen seines Heimatlandes, die er in der Einvernahme nochmals bestätigt habe, seien nicht glaubhaft gewesen. Der negative Bescheid der Behörde seit bereits vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden. Diese Entscheidung sei in Rechtskraft erwachsen. Es könne nicht festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer zu befürchten hätte, in Afghanistan aufgrund einer der in der GFK genannten Gründe verfolgt zu werden oder aktuell einer relevanten Bedrohungssituation für Leib und Leben ausgesetzt zu sein. Eine darüber hinausgehende aktuelle und individuell drohende Verfolgung im Herkunftsstaat habe ebenfalls nicht festgestellt werden können. Seine diesbezüglichen Angaben im Verfahren seien nicht glaubhaft gewesen und würden den Feststellungen nicht zugrunde gelegt. Der Beschwerdeführer sei in der Hoffnung auf Migration und bessere Lebensumstände nach Europa gekommen und habe nach der negativen Entscheidung der Behörde und deren Bestätigung durch das Bundesverwaltungsgericht in drei weiteren EU-Ländern um Asyl angesucht. Nach seiner Rückkehr ins Bundesgebiet habe er versucht, seinen Aufenthalt durch eine Ehe zu legalisieren. Als ihm dies nicht gelungen sei, habe er den vorliegenden Folgeantrag gestellt. Überdies habe weder eine wirtschaftliche noch eine finanzielle ausweglose Lage im Falle seiner Rückkehr in sein Heimatland festgestellt werden können.
  2. Gegen diesen Bescheid erhob der Beschwerdeführer durch seine bevollmächtigte Vertretung mit Eingabe vom 20.04.2021 fristgerecht das Rechtsmittel der Beschwerde. Darin wurde im Wesentlichen ausgeführt, es würden als Beschwerdegründe Mangelhaftigkeit des Verfahrens, mangelhafte bzw. unrichtige Bescheidbegründung und unrichtige rechtliche Beurteilung geltend gemacht. Der Beschwerdeführer habe konkret dargelegt, dass er nunmehr seine Frau traditionell geehelicht habe. Zumal diese Schiitin sei, befürchte er Widrigkeiten gegen Leib und Leben sowohl durch seine eigene Familie als auch durch die Familie seiner ehemaligen Verlobten in Afghanistan, zumal er das Eheversprechen mit dieser gebrochen habe. Diese Familie bedrohe auch seine eigene Familie. Er sei zur schiitischen Glaubensrichtung konvertiert, was der wesentliche Grund dafür sei, dass er bei einer Rückkehr von seiner Familie Widrigkeiten erfahren bzw. sogar getötet würde. Speziell seine Mutter halte ihn nunmehr für einen „Ungläubigen“. Es sei auch konkret und nachprüfbar dargelegt worden, dass der Beschwerdeführer im Herkunftsland über kein soziales Netzwerk mehr verfüge. Er leide auch an Magenproblemen. Zum Beweis der erfolgten traditionellen Eheschließung in Österreich werde die Einvernahme der Eltern seiner Ehefrau und zweier Freunde des Beschwerdeführers als Zeugen beantragt. Es werde auch die Einholung eines länderkundigen Sachverständigengutachtens zu den vom Beschwerdeführer vorgebrachten Fluchtgründen beantragt. Die Beweiswürdigung der belangten Behörde sei in näher dargestellten Punkten unschlüssig. Der Herkunftsstaat sei durch die aktuelle Covid-19-Situation extrem beeinträchtigt, dies gelte etwa für den Arbeitsmarkt. Es sei nicht ersichtlich, wie der Beschwerdeführer, der keinen sozialen bzw. familiären Hinterhalt in Afghanistan aufweise, dort ein Fortkommen finden solle. Das Privat- und Familienleben mit seiner Lebensgefährtin könnte er in Afghanistan nicht weiter fortsetzen und, weshalb eine Rückkehrentscheidung massiv in seine Rechte nach Art. 8 EMRK eingreifen würde. Die Behörde habe sich nicht mit der Thematik von „Ehrenmorden“ auseinandergesetzt.
  3. Gegen diesen Bescheid erhob der Beschwerdeführer durch seine bevollmächtigte Vertretung mit Eingabe vom 20.04.2021 fristgerecht das Rechtsmittel der Beschwerde. Darin wurde im Wesentlichen ausgeführt, es würden als Beschwerdegründe Mangelhaftigkeit des Verfahrens, mangelhafte bzw. unrichtige Bescheidbegründung und unrichtige rechtliche Beurteilung geltend gemacht. Der Beschwerdeführer habe konkret dargelegt, dass er nunmehr seine Frau traditionell geehelicht habe. Zumal diese Schiitin sei, befürchte er Widrigkeiten gegen Leib und Leben sowohl durch seine eigene Familie als auch durch die Familie seiner ehemaligen Verlobten in Afghanistan, zumal er das Eheversprechen mit dieser gebrochen habe. Diese Familie bedrohe auch seine eigene Familie. Er sei zur schiitischen Glaubensrichtung konvertiert, was der wesentliche Grund dafür sei, dass er bei einer Rückkehr von seiner Familie Widrigkeiten erfahren bzw. sogar getötet würde. Speziell seine Mutter halte ihn nunmehr für einen „Ungläubigen“. Es sei auch konkret und nachprüfbar dargelegt worden, dass der Beschwerdeführer im Herkunftsland über kein soziales Netzwerk mehr verfüge. Er leide auch an Magenproblemen. Zum Beweis der erfolgten traditionellen Eheschließung in Österreich werde die Einvernahme der Eltern seiner Ehefrau und zweier Freunde des Beschwerdeführers als Zeugen beantragt. Es werde auch die Einholung eines länderkundigen Sachverständigengutachtens zu den vom Beschwerdeführer vorgebrachten Fluchtgründen beantragt. Die Beweiswürdigung der belangten Behörde sei in näher dargestellten Punkten unschlüssig. Der Herkunftsstaat sei durch die aktuelle Covid-19-Situation extrem beeinträchtigt, dies gelte etwa für den Arbeitsmarkt. Es sei nicht ersichtlich, wie der Beschwerdeführer, der keinen sozialen bzw. familiären Hinterhalt in Afghanistan aufweise, dort ein Fortkommen finden solle. Das Privat- und Familienleben mit seiner Lebensgefährtin könnte er in Afghanistan nicht weiter fortsetzen und, weshalb eine Rückkehrentscheidung massiv in seine Rechte nach Artikel 8, EMRK eingreifen würde. Die Behörde habe sich nicht mit der Thematik von „Ehrenmorden“ auseinandergesetzt.
  4. Die gegenständliche Beschwerde und der Bezug habende Verwaltungsakt wurden vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl mit Schreiben vom 23.04.2021 dem Bundesverwaltungsgericht vorgelegt, wo sie am 28.04.2021 einlangten.
  5. Das Bundesverwaltungsgericht führte am 18.01.2022 eine öffentliche mündliche Verhandlung durch, in der der Beschwerdeführer im Beisein seines Rechtsvertreters zu seinen Fluchtgründen, seinen persönlichen Umständen in Afghanistan und seiner Integration in Österreich befragt wurde. Das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl nahm an der Verhandlung entschuldigt nicht teil. Die Verhandlungsniederschrift wurde der Erstbehörde übermittelt. Der Beschwerdeführer legte Integrationsunterlagen vor. Das Bundesverwaltungsgericht brachte aktuelle Länderberichte in das Verfahren ein und räumte den Verfahrensparteien die Möglichkeit ein, hierzu eine Stellungnahme abzugeben. II. Das Bundesverwaltungsgericht hat erwogen:römisch zwei. Das Bundesverwaltungsgericht hat erwogen:
  6. Feststellungen: Der entscheidungsrelevante Sachverhalt steht fest. Auf Grundlage des erhobenen Antrages auf internationalen Schutz, der Erstbefragung und Einvernahmen des Beschwerdeführers durch Organe des öffentlichen Sicherheitsdienstes sowie des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl, des genannten Bescheides des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl, der Beschwerde, der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht, der Stellungnahme, der Einsichtnahme in den Bezug habenden Verwaltungsakt, das Zentrale Melderegister, das Fremdeninformationssystem, das Strafregister und das Grundversorgungs-Informationssystem werden folgende Feststellungen getroffen und der Entscheidung zugrunde gelegt: 1.
  7. Zur Person des Beschwerdeführers, zu seinen persönlichen Umständen in Afghanistan und in Österreich und zu seinem Gesundheitszustand: Der Beschwerdeführer führt den Namen XXXX und ist am XXXX geboren. Er ist Staatsangehöriger von Afghanistan, Angehöriger der Volksgruppe der Tadschiken und Muslim. Seine Muttersprache ist Paschtu, er spricht auch Dari und Deutsch.Der Beschwerdeführer führt den Namen römisch 40 und ist am römisch 40 geboren. Er ist Staatsangehöriger von Afghanistan, Angehöriger der Volksgruppe der Tadschiken und Muslim. Seine Muttersprache ist Paschtu, er spricht auch Dari und Deutsch. Der Beschwerdeführer stammt aus dem Dorf XXXX im Distrikt XXXX in der Provinz XXXX , wo er bis zu seiner Ausreise aus Afghanistan gelebt hat. Seine Mutter ist Paschtunin und sein Vater war Tadschike. Er hat in seinem Heimatdorf bis zur
  8. Klasse die Schule besucht. Daneben hat er gelegentlich in der Landwirtschaft gearbeitet. Der Beschwerdeführer stammt aus dem Dorf römisch 40 im Distrikt römisch 40 in der Provinz römisch 40 , wo er bis zu seiner Ausreise aus Afghanistan gelebt hat. Seine Mutter ist Paschtunin und sein Vater war Tadschike. Er hat in seinem Heimatdorf bis zur
  9. Klasse die Schule besucht. Daneben hat er gelegentlich in der Landwirtschaft gearbeitet. Die Familie des Beschwerdeführers bestand bei seiner Ausreise noch aus seiner Mutter, vier Schwestern und zwei Brüdern. Sein Vater ist bereits verstorben. Mit Ausnahme einer Schwester, die in der Provinz XXXX verheiratet ist, lebt seine Kernfamilie seit 2014 in Pakistan. In Afghanistan lebt auch noch eine Tante väterlicherseits in der Provinz Laghman. Der Beschwerdeführer hat keinen Kontakt zu seiner Familie. Die Familie des Beschwerdeführers bestand bei seiner Ausreise noch aus seiner Mutter, vier Schwestern und zwei Brüdern. Sein Vater ist bereits verstorben. Mit Ausnahme einer Schwester, die in der Provinz römisch 40 verheiratet ist, lebt seine Kernfamilie seit 2014 in Pakistan. In Afghanistan lebt auch noch eine Tante väterlicherseits in der Provinz Laghman. Der Beschwerdeführer hat keinen Kontakt zu seiner Familie. Der Beschwerdeführer reiste mit seiner Familie 2014 nach Pakistan und von dort aus alleine nach Europa weiter. Er stellte am 11.05.2016 einen ersten Antrag auf internationalen Schutz in Österreich. Dieser wurde – in Bestätigung eines Bescheides des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl vom 15.10.2017 – mit Erkenntnis des Bundesverwaltungsgerichts vom 24.08.2018, Zl. W105 2176316-1/13E, rechtskräftig zur Gänze abgewiesen. Er reiste im Dezember 2018 aus Österreich aus und lebte rund ein Jahr in Italien, zwei Monate in Frankreich und sechs Monate in Belgien, wo er jeweils Asylanträge stellte, bevor er im August 2020 nach Österreich zurückkehrte. Er stellte am 29.10.2020 den gegenständlichen zweiten Antrag auf internationalen Schutz in Österreich. Der Beschwerdeführer ist nach islamischer Tradition mit XXXX verheiratet. Eine „vorläufige“ Eheschließung erfolgte im August 2018 in Österreich vor einem telefonisch zugeschalteten Imam, die endgültige Eheschließung fand im Dezember 2019 in einer Moschee in Italien statt. Seine Ehefrau ist afghanische Staatsangehörige und in Österreich asylberechtigt. Seit seiner Rückkehr nach Österreich im August 2020 leben sie in einem gemeinsamen Haushalt.Der Beschwerdeführer ist nach islamischer Tradition mit römisch 40 verheiratet. Eine „vorläufige“ Eheschließung erfolgte im August 2018 in Österreich vor einem telefonisch zugeschalteten Imam, die endgültige Eheschließung fand im Dezember 2019 in einer Moschee in Italien statt. Seine Ehefrau ist afghanische Staatsangehörige und in Österreich asylberechtigt. Seit seiner Rückkehr nach Österreich im August 2020 leben sie in einem gemeinsamen Haushalt. Der Beschwerdeführer hat in Österreich Deutschkurse besucht und verfügt mittlerweile über gute Deutschkenntnisse. Er hat eine Lehre als Restaurantfachmann begonnen, diese jedoch aufgrund seiner Ausreise aus Österreich abgebrochen. Seit ca. acht Monaten arbeitet er geringfügig als Pizzakoch in einem türkischen Restaurant. Er verfügt über eine Einstellungszusage seines Arbeitgebers als Vollzeitkraft, bedingt mit dem Erhalt einer Aufenthaltsberechtigung. Der Beschwerdeführer leidet an Gastritis. Er ist deshalb in ärztlicher Behandlung und nimmt Medikamente. Davon abgesehen ist er gesund. Der Beschwerdeführer ist in Österreich strafgerichtlich unbescholten. 1.
  10. Zu den Fluchtgründen des Beschwerdeführers: Der Beschwerdeführer war in Afghanistan nicht verlobt und hat wegen seiner Eheschließung in Österreich daher auch keine Verlobung gelöst. Er wurde nicht von der Familie einer Ex-Verlobten bedroht. Der Beschwerdeführer ist im Zuge seiner Eheschließung nicht aus innerer Überzeugung zur schiitischen Glaubensrichtung des Islam übergetreten. Es ist in Afghanistan niemandem bekannt, dass er in Österreich angegeben hat, kein Sunnit mehr zu sein. Seine eigene Familie hat ihn nicht aufgrund eines Konfessionswechsels bedroht. Dem Beschwerdeführer droht bei einer Rückkehr nach Afghanistan nicht konkret und individuell die Gefahr physischer und/oder psychischer Gewalt durch seine eigene Familie, die Familie einer Ex-Verlobten oder andere Personen. 1.
  11. Zur maßgeblichen Situation in Afghanistan: Zur Lage in Afghanistan werden die im Länderinformationsblatt der Staatendokumentation in der Fassung vom 16.09.2021 (LIB), in der UNHCR-Position zur Rückkehr nach Afghanistan vom August 2021 (UNHCR 2021) und in den UNHCR-Richtlinien vom 30.08.2018 (UNHCR) enthaltenen folgenden Informationen als entscheidungsrelevant festgestellt: 1.3.
  12. Politische Lage - Letzte Änderung: 16.09.2021 Afghanistan war [vor der Machtübernahme der Taliban] ein Zentralstaat mit 34 Provinzen, die in Distrikte gegliedert sind. Auf einer Fläche von 652.860 Quadratkilometern leben ca. 32,9 Millionen bis 39 Millionen Menschen (LIB). Nachdem der bisherige Präsident Ashraf Ghani am 15.8.2021 aus Afghanistan geflohen war, nahmen die Taliban die Hauptstadt Kabul als die letzte aller großen afghanischen Städte ein. Ghani gab auf seiner Facebook-Seite eine Erklärung ab, in der er den Sieg der Taliban vor Ort anerkannte. Diese Erklärung wurde weithin als Rücktritt interpretiert, obwohl nicht klar ist, ob die Erklärung die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen für einen Rücktritt des Präsidenten erfüllt. Amrullah Saleh, der erste Vizepräsident Afghanistans unter Ghani, beanspruchte in der Folgezeit das Amt des Übergangspräsidenten für sich. Er ist Teil des Widerstands gegen die Taliban im Panjshir-Tal. Ein so genannter Koordinationsrat unter Beteiligung des früheren Präsidenten Hamid Karzai, Abdullah Abdullah (dem früheren Außenminister und Leiter der Delegation der vorigen Regierung bei den letztendlich erfolglosen Friedensverhandlungen) und Gulbuddin Hekmatyar führte mit den Taliban informelle Gespräche über eine Regierungsbeteiligung, die schließlich nicht zustande kam Denn unabhängig davon, wer nach der afghanischen Verfassung das Präsidentenamt innehat, kontrollieren die Taliban den größten Teil des afghanischen Staatsgebiets. Sie haben das Islamische Emirat Afghanistan ausgerufen und am 7.9.2021 eine neue Regierung angekündigt, die sich größtenteils aus bekannten Taliban-Figuren zusammensetzt (LIB). Die Taliban lehnen die Demokratie und ihren wichtigsten Bestandteil, die Wahlen, generell ab. Sie tun dies oftmals mit Verweis auf die Mängel des demokratischen Systems und der Wahlen in Afghanistan in den letzten 20 Jahren, wie auch unter dem Aspekt, dass Wahlen und Demokratie in der vormodernen Periode des islamischen Denkens, der Periode, die sie als am authentischsten „islamisch“ ansehen, keine Vorläufer haben. Sie halten einige Methoden zur Auswahl von Herrschern in der vormodernen muslimischen Welt für authentisch islamisch - zum Beispiel die Shura Ahl al-Hall wa’l-Aqd, den Rat derjenigen, die qualifiziert sind, einen Kalifen im Namen der muslimischen Gemeinschaft zu wählen oder abzusetzen. Ende August 2021 kündigten die Taliban an, eine Verfassung auszuarbeiten, jedoch haben sie sich zu den Einzelheiten des Staates, den ihre Führung in Afghanistan errichten möchte, bislang bedeckt gehalten (LIB). Im September 2021 kündigten sie die Bildung einer „Übergangsregierung“ an. Entgegen früherer Aussagen handelt es sich dabei nicht um eine „inklusive“ Regierung unter Beteiligung unterschiedlicher Akteure, sondern um eine reine Talibanregierung. Darin vertreten sind Mitglieder der alten Talibanelite, die schon in den 1990er Jahren zentrale Rollen besetzte, ergänzt mit Taliban-Führern, die im ersten Emirat noch zu jung waren, um zu regieren. Die allermeisten sind Paschtunen. Angeführt wird die neue Regierung von Mohammad Hassan Akhund. Er ist Vorsitzender der Minister, eine Art Premierminister. Akhund ist ein wenig bekanntes Mitglied des höchsten Taliban-Führungszirkels, der sogenannten Rahbari-Shura, besser bekannt als QuettaShura. Einer seiner Stellvertreter ist Abdul Ghani Baradar, der bisher das politische Büro der Taliban in Doha geleitet hat und so etwas wie das öffentliche Gesicht der Taliban war, ein weiterer Stellvertreter ist Abdul Salam Hanafi, der ebenfalls im politischen Büro in Doha tätig war. Mohammad Yakub, Sohn des Taliban-Gründers Mullah Omar und einer der Stellvertreter des Taliban-Führers Haibatullah Akhundzada, ist neuer Verteidigungsminister. Sirajuddin Haqqani, der Leiter des Haqqani-Netzwerks, wurde zum Innenminister ernannt. Das Haqqani-Netzwerk wird von den USA als Terrororganisation eingestuft. Der neue Innenminister steht auf der Fahndungsliste des FBI und auch der Vorsitzende der Minister, Akhund, befindet sich auf einer Sanktionsliste des UN-Sicherheitsrates (LIB). Ein Frauenministerium findet sich nicht unter den bislang angekündigten Ministerien, auch wurden keine Frauen zu Ministerinnen ernannt [Anm.: Stand 7.9.2021]. Dafür wurde ein Ministerium für „Einladung, Führung, Laster und Tugend“ eingeführt, das die Afghanen vom Namen her an das Ministerium „für die Förderung der Tugend und die Verhütung des Lasters“ erinnern dürfte. Diese Behörde hatte während der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 Menschen zum Gebet gezwungen oder Männer dafür bestraft, wenn sie keinen Bart trugen. Die höchste Instanz der Taliban in religiösen, politischen und militärischen Angelegenheiten, der „Amir al Muminin“ oder „Emir der Gläubigen“ Mullah Haibatullah Akhundzada wird sich als „Oberster Führer“ Afghanistans auf religiöse Angelegenheiten und die Regierungsführung im Rahmen des Islam konzentrieren. Er kündigte an, dass alle Regierungsangelegenheiten und das Leben in Afghanistan den Gesetzen der Scharia unterworfen werden (LIB). Bezüglich der Verwaltung haben die Taliban Mitte August 2021 nach und nach die Behörden und Ministerien übernommen. Sie riefen die bisherigen Beamten und Regierungsmitarbeiter dazu auf, wieder in den Dienst zurückzukehren, ein Aufruf, dem manche von ihnen auch folgten. Es gibt Anzeichen dafür, dass einige Anführer der Gruppe die Grenzen ihrer Fähigkeit erkennen, den Regierungsapparat in technisch anspruchsvolleren Bereichen zu bedienen. Zwar haben die Taliban seit ihrem Erstarken in den vergangenen zwei Jahrzehnten in einigen ländlichen Gebieten Afghanistans eine so genannte Schattenregierung ausgeübt, doch war diese rudimentär und von begrenztem Umfang, und in Bereichen wie Gesundheit und Bildung haben sie im Wesentlichen die Dienstleistungen des afghanischen Staates und von Nichtregierungsorganisationen übernommen (LIB). Bis zum Sturz der alten Regierung wurden ca. 75% bis 80% des afghanischen Staatsbudgets von Hilfsorganisationen bereitgestellt, Finanzierungsquellen, die zumindest für einen längeren Zeitraum ausgesetzt sein werden, während die Geber die Entwicklung beobachten. So haben die EU und mehrere ihrer Mitgliedsstaaten in der Vergangenheit mit der Einstellung von Hilfszahlungen gedroht, falls die Taliban die Macht übernehmen und ein islamisches Emirat ausrufen sollten, oder Menschen- und Frauenrechte verletzen sollten. Die USA haben rund 9,5 Milliarden US-Dollar an Reserven der afghanischen Zentralbank sofort [nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul] eingefroren, Zahlungen des IWF und der EU wurden ausgesetzt. Die Taliban verfügen weiterhin über die Einnahmequellen, die ihren Aufstand finanzierten, sowie über den Zugang zu den Zolleinnahmen, auf die sich die frühere Regierung für den Teil ihres Haushalts, den sie im Inland aufbrachte, stark verließ. Ob neue Geber einspringen werden, um einen Teil des Defizits auszugleichen, ist noch nicht klar (LIB). Die USA zeigten sich angesichts der Regierungsbeteiligung von Personen, die mit Angriffen auf US-Streitkräfte in Verbindung gebracht werden, besorgt und die EU erklärte, die islamistische Gruppe habe ihr Versprechen gebrochen, die Regierung „integrativ und repräsentativ“ zu machen. Deutschland und die USA haben eine baldige Anerkennung der von den militant-islamistischen Taliban verkündeten Übergangsregierung Anfang September 2021 ausgeschlossen. China und Russland haben ihre Botschaften auch nach dem Machtwechsel offengehalten (LIB). Vertreter der National Resistance Front (NRF) haben die internationale Gemeinschaft darum gebeten, die Taliban-Regierung nicht anzuerkennen. Ahmad Massoud, einer der Anführer der NRF, kündigte an, nach Absprachen mit anderen Politikern eine Parallelregierung zu der von ihm als illegitim bezeichneten Talibanregierung bilden zu wollen (LIB). 1.3.
  13. Friedensverhandlungen und Abzug der internationalen Truppen - Letzte Änderung: 16.09.2021 1.3.2.
  14. Friedensverhandlungen 2020 fanden die ersten ernsthaften Verhandlungen zwischen allen Parteien des Afghanistan Konflikts zur Beendigung des Krieges statt. Das lang erwartete Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und den Taliban wurde Ende Februar 2020 unterzeichnet - die damalige afghanische Regierung war an dem Abkommen weder beteiligt, noch unterzeichnete sie dieses. Das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und den Taliban enthielt das Versprechen der US-Amerikaner, ihre noch rund 13.000 Armeeangehörigen in Afghanistan innerhalb von 14 Monaten abzuziehen. Auch die verbliebenen nicht-amerikanischen NATO-Truppen sollten abgezogen werden. Dafür hatten die Taliban beispielsweise zugesichert, zu verhindern, dass „irgendeiner ihrer Mitglieder, andere Individuen oder Gruppierungen, einschließlich Al-Qaida, den Boden Afghanistans nutzt, um die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten zu bedrohen“ (LIB). Die Verhandlungen mit den USA lösten bei den Taliban ein Gefühl des Triumphs aus. Indem sie mit den Taliban verhandelten, haben die USA sie offiziell als politische Gruppe und nicht mehr als Terroristen anerkannt [Anm.: das mit den Taliban verbundene Haqqani-Netzwerk wird von den USA mit Stand 7.9.2021 weiterhin als Terrororganisation eingestuft]. Gleichzeitig unterminierten die Verhandlungen aber auch die damalige afghanische Regierung, die von den Gesprächen zwischen den Taliban und den USA ausgeschlossen wurde (LIB). Im September 2020 starteten die Friedensgespräche zwischen der damaligen afghanischen Regierung und den Taliban in Katar. Der Regierungsdelegation gehörten nur wenige Frauen an, aufseiten der Taliban war keine einzige Frau an den Gesprächen beteiligt. Auch Opfer des bewaffneten Konflikts waren nicht vertreten, obwohl Menschenrechtsgruppen dies gefordert hatten (LIB). Die Gewalt ließ jedoch nicht nach, selbst als afghanische Unterhändler zum ersten Mal in direkte Gespräche verwickelt wurden. Insbesondere im Süden, herrscht trotz des Beginns der Friedensverhandlungen weiterhin ein hohes Maß an Gewalt, was weiterhin zu einer hohen Zahl von Opfern unter der Zivilbevölkerung führt (LIB). Mitte Juli 2021 kam es zu einem weiteren Treffen zwischen der ehemaligen afghanischen Regierung und den Vertretern der Taliban in Katar. In einer Erklärung, die nach zweitägigen Gesprächen veröffentlicht wurde, erklärten beide Seiten, dass sie das Leben der Zivilbevölkerung, die Infrastruktur und die Dienstleistungen schützen wollen. Ein Waffenstillstand wurde allerdings nicht beschlossen (LIB). 1.3.2.
  15. Abzug der Internationalen Truppen Im April 2021 kündigte US-Präsident Joe Biden den Abzug der verbleibenden Truppen - etwa 2.500 - 3.500 US-Soldaten und etwa 7.000 NATO Truppen - bis zum 11.9.2021 an, nach zwei Jahrzehnten US-Militärpräsenz in Afghanistan. Er erklärte weiter, die USA würden weiterhin „terroristische Bedrohungen“ überwachen und bekämpfen sowie „die Regierung Afghanistans“ und „die afghanischen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte weiterhin unterstützen“, allerdings ist nicht klar, wie die USA auf wahrgenommene Bedrohungen zu reagieren gedenken, sobald ihre Truppen abziehen. Die Taliban zeigten sich von der Ankündigung eines vollständigen und bedingungslosen Abzugs nicht besänftigt, sondern äußerten sich empört über die Verzögerung, da im Doha-Abkommen der 30.4.2021 als Datum für den Abzug der internationalen Truppen festgelegt worden war. In einer am 15.4.2021 veröffentlichten Erklärung wurden Drohungen angedeutet: Der „Bruch“ des Doha-Abkommens „öffnet den Mudschaheddin des Islamischen Emirats den Weg, jede notwendige Gegenmaßnahme zu ergreifen, daher wird die amerikanische Seite für alle zukünftigen Konsequenzen verantwortlich gemacht werden, und nicht das Islamische Emirat“. Am 31.8.2021 zog schließlich der letzte US-amerikanische Soldat aus Afghanistan ab. Schon zuvor verließ der bis dahin amtierende afghanische Präsident Ashraf Ghani das Land und die Taliban übernahmen die Hauptstadt Kabul am 15.8.2021 kampflos (LIB). US-amerikanische, britische und deutsche Beamte sowie internationale NGOs wie Human Rights Watch (HRW) äußerten sich besorgt über die Sicherheit von ehemaligen Mitarbeitern der internationalen Streitkräfte, während die Taliban angaben, nicht gegen (ehemalige) Mitarbeiter der internationalen Truppen vorgehen zu wollen. Die Taliban behaupteten in der Erklärung, dass Afghanen, die für die ausländischen „Besatzungstruppen“ gearbeitet hätten, „irregeführt“ worden seien und „Reue“ für ihre vergangenen Handlungen zeigen sollten, da diese einem „Verrat“ am Islam und an Afghanistan gleichkämen (LIB). 1.3.
  16. Sicherheitslage Letzte Änderung: 16.09.2021 Jüngste Entwicklungen – Machtübernahme der Taliban Mit April bzw. Mai 2021 nahmen die Kampfhandlungen zwischen Taliban und Regierungstruppen stark zu, aber auch schon zuvor galt die Sicherheitslage in Afghanistan als volatil. Laut Berichten war der Juni 2021 der bis dahin tödlichste Monat mit den meisten militärischen und zivilen Opfern seit 20 Jahren in. Gemäß einer Quelle veränderte sich die Lage seit der Einnahme der ersten Provinzhauptstadt durch die Taliban - Zaranj in Nimruz - am 6.8.2021 in „halsbrecherischer Geschwindigkeit“, innerhalb von zehn Tagen eroberten sie 33 der 34 afghanischen Provinzhauptstädte. Auch eroberten die Taliban mehrere Grenzübergänge und Kontrollpunkte, was der finanziell eingeschränkten Regierung dringend benötigte Zolleinnahmen entzog. Am 15.8.2021 floh Präsident Ashraf Ghani ins Ausland und die Taliban zogen kampflos in Kabul ein. Zuvor waren schon Jalalabad im Osten an der Grenze zu Pakistan gefallen, ebenso wie die nordafghanische Metropole Mazar-e Scharif. Ein Bericht führt den Vormarsch der Taliban in erster Linie auf die Schwächung der Moral und des Zusammenhalts der Sicherheitskräfte und der politischen Führung der Regierung zurück. Die Kapitulation so vieler Distrikte und städtischer Zentren ist nicht unbedingt ein Zeichen für die Unterstützung der Taliban durch die Bevölkerung, sondern unterstreicht vielmehr die tiefe Entfremdung vieler lokaler Gemeinschaften von einer stark zentralisierten Regierung, die häufig von den Prioritäten ihrer ausländischen Geber beeinflusst wird, auch wurde die weit verbreitete Korruption, beispielsweise unter den Sicherheitskräften, als ein Problem genannt (LIB). Im Panjshir-Tal, rund 55 km von Kabul entfernt, formierte sich nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul Mitte August 2021 Widerstand in Form der National Resistance Front (NRF), welche von Amrullah Saleh, dem ehemaligen Vizepräsidenten Afghanistans und Chef des National Directorate of Security [Anm.: NDS, afghan. Geheimdienst], sowie Ahmad Massoud, dem Sohn des verstorbenen Anführers der Nordallianz gegen die Taliban in den 1990ern, angeführt wird. Ihr schlossen sich Mitglieder der inzwischen aufgelösten Afghan National Defense and Security Forces (ANDSF) an, um im Panjshir-Tal und umliegenden Distrikten in Parwan und Baghlan Widerstand gegen die Taliban zu leisten. Sowohl die Taliban, als auch die NRF betonten zu Beginn, ihre Differenzen mittels Dialog überwinden zu wollen. Nachdem die US-Streitkräfte ihren Truppenabzug aus Afghanistan am 30.8.2021 abgeschlossen hatten, griffen die Taliban das Pansjhir-Tal jedoch an. Es kam zu schweren Kämpfen und nach sieben Tagen nahmen die Taliban das Tal nach eigenen Angaben ein, während die NRF am 6.9.2021 bestritt, dass dies geschehen sei. Mit Stand 6.9.2021 war der Aufenthaltsort von Saleh und Massoud unklar, jedoch verkündete Massoud, in Sicherheit zu sein sowie nach Absprachen mit anderen Politikern eine Parallelregierung zu der von ihm als illegitim bezeichneten Talibanregierung bilden zu wollen (LIB). Weitere Kampfhandlungen gab es im August 2021 beispielsweise im Distrikt Behsud in der Provinz Maidan Wardak und in Khedir in Daikundi, wo es zu Scharmützeln kam, als die Taliban versuchten, lokale oder ehemalige Regierungskräfte zu entwaffnen. Seit der Beendigung der Kämpfe zwischen den Taliban und den afghanischen Streitkräften ist die Zahl der zivilen Opfer deutlich zurückgegangen (LIB). 1.3.
  17. Erreichbarkeit - Letzte Änderung: 16.09.2021 Die Infrastruktur bleibt ein kritischer Faktor für Afghanistan, trotz der seit 2002 erreichten Infrastrukturinvestitionen und -optimierungen. Seit dem Fall der ersten Taliban wurde das afghanische Verkehrswesen in städtischen und ländlichen Gebieten grundlegend erneuert. Beachtenswert ist die Vollendung der „Ring Road“, welche Zentrum und Peripherie des Landes sowie die Peripherie mit den Nachbarländern verbindet. Investitionen in ein integriertes Verkehrsnetzwerk werden systematisch geplant und umgesetzt. Dies beinhaltet beispielsweise Entwicklungen im Bereich des Schienenverkehrs und im Straßenbau (z.B. Vervollständigung und Instandhaltung der Kabul Ring Road, des Salang-Tunnels, des Lapis Lazuli Korridors etc.), aber auch Investitionen aus dem Ausland zur Verbesserung und zum Ausbau des Straßennetzes und der Verkehrswege (LIB). 1.3.4.
  18. Internationale Flughäfen in Afghanistan In Afghanistan gab es [vor der Machtübernahme der Taliban] insgesamt vier internationale Flughäfen; alle vier werden für militärische und zivile Flugdienste genutzt. Trotz jahrelanger Konflikte verzeichnete die afghanische Luftfahrtindustrie einen zahlenmäßigen Anstieg ihrer wettbewerbsfähigen Flugrouten. Daraus folgt ein erleichterter Zugang zu Flügen für die afghanische Bevölkerung. Die heimischen Flugdienste sehen sich mit einer wachsenden Konkurrenz durch verschiedene Flugunternehmen konfrontiert. Flugrouten wie Kabul - Herat und Kabul - Kandahar, die früher ausschließlich von Ariana Afghan Airlines angeboten wurden, wurden nun auch von internationalen Fluggesellschaften abgedeckt (LIB). 1.3.4.
  19. Nach der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 Nachdem die Taliban die Kontrolle über Afghanistan übernommen haben, sind Tausende von Menschen über die Grenze von Chaman ins benachbarte Pakistan oder über den Grenzübergang Islam Kala in den Iran geflohen. Der Grenzübergang Torkham - neben Chaman der wichtigste Grenzübergang zwischen Afghanistan und Pakistan - war zeitweilig geschlossen, wurde Mitte September 2021 nach Angaben eines pakistanischen Behördenvertreters für Fußgänger jedoch wieder geöffnet. Ein ehemaliger US-Militärvertreter erklärte Anfang September 2021, Überlandverbindungen seien riskant, aber zurzeit die einzige Möglichkeit zur Flucht. Laut US-Militärkreisen haben die Taliban weitere Kontrollpunkte auf den Hauptstraßen nach Usbekistan und Tadschikistan errichtet. Die Islamisten verbieten zudem Frauen, ohne männliche Begleitung zu reisen (LIB). 1.3.
  20. Zentrale Akteure - Letzte Änderung: 16.09.2021 In Afghanistan sind unterschiedliche Gruppierungen aktiv, welche der [bis August 2021 im Amt befindlichen] Regierung feindlich gegenüber standen - insbesondere die Grenzregion zu Pakistan war eine Zufluchtsstätte für unterschiedliche Gruppierungen, wie Taliban, Islamischer Staat Khorasan Provinz (ISKP), Al-Qaida, Haqqani-Netzwerk, Lashkar-e Tayyiba, Tehrik-e Taliban Pakistan, sowie Islamic Movement of Uzbekistan und Eastern Turkistan Movement (LIB). Die Geschichte Afghanistans ist seit langem von der Interaktion lokaler Kräfte mit dem Staat geprägt - von der Kooptation von Stammeskräften durch dynastische Herrscher über die Entstehung von Partisanen- und Mudschaheddin-Kräften nach der sowjetischen Invasion bis hin zu den anarchischen Milizkämpfen, die in den 1990er Jahren an die Stelle der Politik traten. Das Erbe der letzten Jahrzehnte der Mobilisierung und Militarisierung, der wechselnden Loyalitäten und der Umbenennung (sog. „re-hatting“: wenn eine bewaffnete Gruppe einen neuen Schirmherrn oder ein neues Etikett erhält, aber ihre Identität und Kohärenz beibehält) ist auch heute noch einer der stärksten Faktoren, die die afghanischen Kräfte und die damit verbundene politische Dynamik prägen. Die unmittelbar nach 2001 durchgeführten Reformen des Sicherheitssektors und die Demobilisierungswellen haben diese nie wirklich aufgelöst. Stattdessen wurden sie zu neuen Wegen, um die Parteinetzwerke und Klientelpolitik zu rehabilitieren oder zu legitimieren, oder in einigen Fällen neue sicherheitspolitische Akteure und Machthaber zu schaffen. Angesichts des Truppenabzugs der US-Streitkräfte haben verschiedene Machthaber Afghanistans, wie zum Beispiel Mohammad Ismail Khan (von der Partei Jamiat-e Islami), Abdul Rashid Dostum (Jombesh-e Melli Islami), Mohammad Atta Noor (Vorsitzender einer Jamiat-Fraktion), Mohammad Mohaqeq (Hezb-e Wahdat-e Mardom) und Gulbuddin Hekmatyar (Hezb-e Islami), im Sommer 2021 zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder öffentlich über die Mobilisierung bewaffneter Männer außerhalb der afghanischen Armee- und Regierungsstrukturen gesprochen. Während die Präsenz von Milizen für viele Afghanen seit Jahren eine lokale Tatsache ist, wurde [in der Ära der afghanischen Regierungen 2001 -15.8.2021] doch noch nie so deutlich öffentlich die Notwendigkeit einer Mobilisierung gesprochen oder der Wunsch, autonome Einflusssphären zu schaffen, geäußert (LIB). 1.3.5.
  21. Taliban - Letzte Änderung: 14.09.2021 Die Taliban sind seit Jahrzehnten in Afghanistan aktiv. Die Taliban-Führung regierte Afghanistan zwischen 1996 und 2001, als sie von US-amerikanischen/internationalen Streitkräften entmachtet wurde. Nach ihrer Entmachtung hat sie weiterhin einen Aufstand geführt. 2018 begannen die USA Verhandlungen mit einer Taliban-Delegation in Doha, im Februar 2020 wurde der Vertrag, in welchem sich die US-amerikanische Regierung zum Truppenabzug verpflichtete, unterschrieben, wobei die US-Truppen bis Ende August 2021 aus Afghanistan abzogen. Nachdem der bisherige Präsident Ashraf Ghani am 15.8.2021 aus Afghanistan geflohen war, nahmen die Taliban die Hauptstadt Kabul als die letzte aller großen afghanischen Städte ein. Die Taliban-Führung kehrte daraufhin aus Doha zurück, wo sie erstmals 2013 ein politisches Büro eröffnet hatte. Im September 2021 kündigten sie die Bildung einer „Übergangsregierung“ an. Entgegen früherer Aussagen handelt es sich dabei nicht um eine „inklusive“ Regierung unter Beteiligung unterschiedlicher Akteure, sondern um eine reine Talibanregierung (LIB). Seit 2001 hat die Gruppe einige Schlüsselprinzipien beibehalten, darunter eine strenge Auslegung der Scharia in den von ihr kontrollierten Gebieten. Die Taliban sind eine religiös motivierte, religiös konservative Bewegung, die das, was sie als ihre zentralen „Werte“ betrachten, nicht aufgeben wird. Wie sich diese Werte in einer künftigen Verfassung widerspiegeln und in der konkreten Politik zum Tragen kommen, hängt von den täglichen politischen Verhandlungen zwischen den verschiedenen politischen Kräften und dem Kräfteverhältnis zwischen ihnen ab. Aufgrund der schnellen und umfangreichen militärischen Siege der Taliban im Sommer 2021 hat die Gruppierung nun jedoch wenig Grund, die Macht mit anderen Akteuren zu teilen (LIB). 1.3.5.
  22. Struktur und Führung der Taliban - Letzte Änderung: 16.09.2021 Die Taliban bezeichneten sich [vor ihrer Machtübernahme] selbst als das Islamische Emirat Afghanistan. Sie positionierten sich als Schattenregierung Afghanistans. Ihre Kommissionen und Führungsgremien entsprachen den Verwaltungsämtern und -pflichten einer typischen Regierung, die in weiten Teilen Afghanistans eine Parallelverwaltung betrieb. Die Regierungsstruktur und das militärische Kommando der Taliban sind in der Layha, einem Verhaltenskodex der Taliban, definiert, welche zuletzt 2010 veröffentlicht wurde (LIB). Die wichtigsten Entscheidungen werden von einem Führungsrat getroffen, der nach seinem langjährigen Versteck auch als Quetta-Schura bezeichnet wird. Dem Rat gehören neben dem Taliban-Chef und dessen Stellvertretern rund zwei Dutzend weitere Personen an. Die Mitglieder der Quetta-Schura sind vor allem Vertreter des Talibanregimes von 1996-
  23. Neben der Quetta-Schura, welche [vor der Machtübernahme der Taliban in Kabul] die Talibanangelegenheiten in elf Provinzen im Süden, Südwesten und Westen Afghanistans regelte, gibt es beispielsweise auch die Peshawar-Schura, welche diese Aufgabe in 19 weiteren Provinzen übernommen hat, sowie auch die Miran Shah-Schura. Das Haqqani-Netzwerk mit seinen Kommandanten in Ostafghanistan und Pakistan hat enge Verbindungen zu den beiden letztgenannten Schuras (LIB). Die Quetta-Schura übt eine gewisse Kontrolle über die rund ein Dutzend verschiedenen Kommissionen aus, welche als „Ministerien“ fungierten. Die Taliban unterhielten [vor ihrer Machtübernahme in Kabul] beispielsweise eine Kommission für politische Angelegenheiten mit Sitz in Doha, welche im Februar 2020 die Friedensverhandlungen mit den USA abschloss. Nach Angaben des Talibansprechers Zabihullah Mujahid hat diese Kommission keine direkte Kontrolle über die Talibankämpfer in Afghanistan. Die militärischen Kommandostrukturen bis hinunter zur Provinz- und Distriktebene unterstehen nämlich der Kommission für militärische Angelegenheiten (LIB). Die höchste Instanz in religiösen, politischen und militärischen Angelegenheiten ist Mullah Haibatullah Akhundzada. Er ist seit 2016 der „Amir al Muminin“ oder „Emir der Gläubigen“, ein Titel, der ihm von Aiman Al-Zawahiri, dem Anführer von Al-Qaida, verliehen wurde. Er hat drei Stellvertreter: 1.) der Stellvertreter für Politisches ist Mullah Abdul Ghani Baradar, der Leiter der Kommission für politische Angelegenheiten und Vorsitzender des Verhandlungsteams der Taliban in Doha; 2.) der Stellvertreter für die südlichen Provinzen und Leiter der militärischen Operationen bzw. der einflussreichen Kommission für militärische Angelegenheiten ist Mullah Mohammad Yaqoob; 3.) der Stellvertreter für die östlichen Provinzen ist Sirajuddin Haqqani, der auch der Anführer des Haqqani-Netzwerks und der Miran Shah-Schura ist. Im September 2021 wurde angekündigt, dass Baradar in der „Übergangsregierung“ die Position des stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats einnehmen wird, Yaqoob soll Verteidigungsminister werden, Sirajuddin Haqqani Innenminister. Haibatullah Akhunzada wird sich als „Oberster Führer“ auf religiöse Angelegenheiten und die Regierungsführung im Rahmen des Islam konzentrieren (LIB). Die Taliban treten nach außen hin geeint auf, trotz Berichten über interne Spannungen oder Spaltungen. Im Juni 2021 berichtete der UN-Sicherheitsrat, dass die unabhängigen Operationen und die Macht von Taliban-Kommandanten vor Ort für den Führungsrat der Taliban (die Quetta-Schura) zunehmend Anlass zur Sorge sind. Spannungen zwischen der politischen Führung und einigen militärischen Befehlshabern sind Ausdruck anhaltender interner Rivalitäten, Stammesfehden und Meinungsverschiedenheiten über die Verteilung der Einnahmen der Taliban. Zuletzt wurde auch über interne Meinungsverschiedenheiten bei der Regierungsbildung berichtet, was vom offiziellen Sprecher der Taliban jedoch dementiert wurde (LIB). Die Taliban sind somit keine monolithische Organisation. Gemäß einem Experten für die Organisationsstruktur der Taliban unterstehen nur rund 40 - 45 Prozent der Truppen der Talibanführung. Rund 35 Prozent werden von Sirajuddin Haqqani, dem Kopf des Haqqani-Netzwerks und Stellvertreter von Mullah Akhundzada angeführt, weitere ca. 25 Prozent von Taliban aus dem Norden des Landes (Tadschiken und Usbeken). Was militärische Operationen betrifft, so handelt es sich um einen vernetzten Aufstand mit einer starken Führung an der Spitze und dezentralisierten lokalen Befehlshabern, die Ressourcen auf Distriktebene mobilisieren können (LIB). 1.3.5.
  24. Verfolgungspraxis der Taliban, neue technische Möglichkeiten - Letzte Änderung: 16.09.2021 Nach der Machtübernahme der Taliban wurde berichtet, dass die Taliban auf der Suche nach ehemaligen Mitarbeitern der internationalen Streitkräfte oder der afghanischen Regierung von Tür zu Tür gingen und deren Angehörige bedrohten. Ein Mitglied einer Rechercheorganisation, welche einen (nicht öffentlich zugänglichen) Bericht zu diesem Thema für die Vereinten Nationen verfasste, sprach von einer „schwarzen Liste“ der Taliban und großer Gefahr für jeden, der sich auf dieser Liste befände. Gemäß einem früheren Mitglied der afghanischen Verteidigungskräfte ist bei der Vorgehensweise der Taliban nun neu, dass sie mit einer Namensliste von Haus zu Haus gehen und Personen auf ihrer Liste suchen (LIB). Die Taliban sind in den sozialen Medien aktiv, unter anderem zu Propagandazwecken. Gegenwärtig nutzt die Gruppierung soziale Medien und Internettechnik jedoch nicht nur für Propagandazwecke und ihre eigene Kommunikation, sondern auch, um Gegner des Taliban-Regimes aufzuspüren. Einem afghanischen Journalisten zufolge verwenden die Taliban soziale Netzwerke wie Facebook und LinkedIn derzeit intensiv, um jene Afghanen zu identifizieren, die mit westlichen Gruppen und der US-amerikanischen Hilfsagentur USAID zusammengearbeitet haben. Auch wurde berichtet, dass die Taliban bei Kontrollpunkten Telefone durchsuchen, um Personen mit Verbindungen zu westlichen Regierungen oder Organisationen bzw. zu den [ehemaligen] afghanischen Streitkräften (ANDSF) zu finden. Viele afghanische Bürgerinnen und Bürger, die für die internationalen Streitkräfte, internationale Organisationen und für Medien gearbeitet haben, oder sich in den sozialen Medien kritisch gegenüber den Taliban äußerten, haben aus Angst vor einer Verfolgung durch die Taliban ihre Profile in den sozialen Medien daher gelöscht (LIB). Unter anderem werten die Taliban auch aktuell im Internet verfügbare Videos und Fotos aus. Sie verfügen über Spezialkräfte, die in Sachen Informationstechnik und Bildforensik gut ausgebildet und ausgerüstet sind. Ihre Bildforensiker arbeiten gemäß einem Bericht vom August 2021 auf dem neuesten Stand der Technik der Bilderkennung und nutzen beispielsweise Gesichtserkennungssoftware. Im Rahmen der Berichterstattung über auf der Flucht befindliche Ortskräfte wurden von Medien unverpixelte Fotos veröffentlicht, welche für Personen, welche sich nun vor den Taliban verstecken, gefährlich werden können (LIB). Im Zuge ihrer Offensive haben die Taliban Geräte zum Auslesen von biometrischen Daten erbeutet, welche ihnen die Identifikation von Hilfskräften der internationalen Truppen erleichtern könnte [Anm.: sog. HIIDE („Handheld Interagency Identity Detection Equipment“)-Geräte]. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist nicht genau bekannt, zu welchen Datenbanken die Taliban Zugriff haben. Laut Experten bieten die von den Taliban erlangten US-Gerätschaften nur begrenzten Zugang zu biometrischen Daten, die noch immer auf sicheren Servern gespeichert sind. Recherchen zeigten jedoch, dass eine größere Bedrohung von den Datenbanken der afghanischen Regierung selbst ausgeht, die sensible persönliche Informationen enthalten und zur Identifizierung von Millionen von Menschen im ganzen Land verwendet werden könnten. Betroffen sein könnte beispielsweise eine Datenbank, welche zum Zweck der Gehaltszahlung Angaben von Angehörigen der [ehemaligen] afghanischen Armee und Polizei enthält (das sog. Afghan Personnel and Pay System, APPS), aber auch andere Datenbanken mit biometrischen Angaben, welche die afghanische Regierung zur Erfassung ihrer Bürger anlegte, beispielsweise bei der Beantragung von Dokumenten, Bewerbungen für Regierungsposten oder Anmeldungen zur Aufnahmeprüfung für das Hochschulstudium. Eine Datenbank des [ehemaligen] afghanischen Innenministeriums, das Afghan Automatic Biometric Identification System (AABIS), sollte gemäß Plänen bis 2012 bereits 80 % der afghanischen Bevölkerung erfassen, also etwa 25 Millionen Menschen. Es gibt zwar keine öffentlich zugänglichen Informationen darüber, wie viele Datensätze diese Datenbank bis zum heutigen Zeitpunkt enthält, aber eine unbestätigte Angabe beziffert die Zahl auf immerhin 8,1 Millionen Datensätze. Trotz der Vielzahl von Systemen waren die unterschiedlichen Datenbanken allerdings nie vollständig miteinander verbunden (LIB). Nach der Machtübernahme der Taliban hat Google einem Insider zufolge eine Reihe von E- Mail-Konten der bisherigen Kabuler Regierung vorläufig gesperrt. Etwa zwei Dutzend staatliche Stellen in Afghanistan sollen die Server von Google für E-Mails genutzt haben. Nach Angaben eines Experten wäre dies eine „wahre Fundgrube an Informationen“ für die Taliban, allein eine Mitarbeiterliste auf einem Google Sheet sei mit Blick auf Berichte über Repressalien gegen bisherige Regierungsmitarbeiter ein großes Problem. Mehrere afghanische Regierungsstellen nutzten auch E-Mail-Dienste von Microsoft, etwa das Außenministerium und das Präsidialamt. Unklar ist, ob das Softwareunternehmen Maßnahmen ergreift, um zu verhindern, dass Daten in die Hände der Taliban fallen. Ein Experte sagte, er halte die von den USA aufgebaute IT-Infrastruktur für einen bedeutenden Faktor für die Taliban. Dort gespeicherte Informationen seien „wahrscheinlich viel wertvoller für eine neue Regierung als alte Hubschrauber“ (LIB). Da die Taliban Kabul so schnell einnahmen, hatten viele Büros zudem keine Zeit, Beweise zu vernichten, die sie in den Augen der Taliban belasten. Berichten zufolge wurden von der britischen Botschaft beispielsweise Dokumente zurückgelassen, welche persönliche Daten von afghanischen Ortskräften und Bewerbern enthielten (LIB). Im Rahmen der Evakuierungsbemühungen von Ausländern und afghanischen Ortskräften nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul gaben US-Beamte den Taliban eine Liste mit den Namen US-amerikanischer Staatsbürger, Inhaber von Green Cards [Anm.: US-amer. Aufenthaltsberechtigungskarten] und afghanischer Verbündeter, um ihnen die Einreise in den von den Taliban kontrollierten Außenbereich des Flughafens von Kabul zu gewähren – eine Entscheidung, die kritisiert wurde. Gemäß einem Vertreter der US-amerikanischen Streitkräfte hätte die US-Regierung die betroffenen Afghanen somit auf eine „Todesliste“ gesetzt, wobei US-Präsident Biden in einer Pressekonferenz darauf angesprochen meinte, dass auf der Liste befindliche Afghanen von den Taliban bei den Kontrollen durchgelassen wurden (LIB). 1.3.
  25. Religionsfreiheit - Letzte Änderung: 14.09.2021 Etwa 99 % der afghanischen Bevölkerung sind Muslime. Die Sunniten werden auf 80 bis 89,7% und die Schiiten auf 10 bis 19 % der Gesamtbevölkerung geschätzt. Andere Glaubensgemeinschaften wie die der Sikhs, Hindus, Baha´i und Christen machen weniger als 0,3% der Bevölkerung aus. Genaue Angaben zur Größe der christlichen Gemeinschaft sind nicht vorhanden. Der letzte bislang in Afghanistan lebende Jude hat nach der Machtübernahme der Taliban das Land verlassen. Die muslimische Gemeinschaft der Ahmadi schätzt, dass sie landesweit 450 Anhänger hat, gegenüber 600 im Jahr
  26. Genaue Angaben zur Größe der Gemeinschaft der Ahmadi und der christlichen Gemeinschaft sind nicht vorhanden (LIB). In den fünf Jahren vor der Machtübernahme der Taliban im August 2021 gab es keine Berichte über staatliche Verfolgungen wegen Blasphemie oder Apostasie; jedoch berichteten Personen, die vom Islam konvertieren, dass sie weiterhin die Annullierung ihrer Ehen, die Ablehnung durch ihre Familien und Gemeinschaften, den Verlust ihres Arbeitsplatzes und möglicherweise die Todesstrafe riskierten (LIB). In Hinblick auf die Gespräche im Rahmen des Friedensprozesses, äußerten einige Sikhs und Hindus ihre Besorgnis darüber, dass in einem Umfeld nach dem Konflikt von ihnen verlangt werden könnte, gelbe (Stirn-)Punkte, Abzeichen oder Armbinden zu tragen, wie es die Taliban während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 vorgeschrieben hatten (LIB). 1.3.6.
  27. Schiiten - Letzte Änderung: 14.09.2021 Der Anteil schiitischer Muslime an der Bevölkerung wurde vor der Machtübernahme durch die Taliban auf 10 bis 19 % geschätzt. Zuverlässige Zahlen zur Größe der schiitischen Gemeinschaft sind nicht verfügbar und werden vom Statistikamt nicht erfasst. Gemäß Vertretern der Religionsgemeinschaft sind die Schiiten Afghanistans mehrheitlich Jafari-Schiiten (Zwölfer-Schiiten), 90 % von ihnen gehören zur ethnischen Gruppe der Hazara. Unter den Schiiten gibt es auch Ismailiten (LIB). Direkte Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten waren vor der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan selten. Im Jahr 2020 verzeichnete UNAMA 19 Angriffe mit 115 zivilen Opfern (60 Tote und 55 Verletzte), die dem ISKP (Islamischer Staat Khorasan Provinz) und anderen regierungsfeindlichen Elementen zugeschrieben werden und die auf Kultstätten, religiöse Führer und Gläubige abzielten, verglichen mit 20 Angriffen im Jahr 2019 mit 236 zivilen Opfern (80 Tote und 156 Verletzte) (LIB). 1.3.
  28. Ethnische Gruppen - Letzte Änderung: 16.09.2021 In Afghanistan leben laut Schätzungen zwischen 32 und 37,5 Millionen Menschen. Zuverlässige statistische Angaben zu den Ethnien Afghanistans und zu den verschiedenen Sprachen existieren nicht. Schätzungen zufolge sind die größten Bevölkerungsgruppen: 32 bis 42 % Paschtunen, ca. 27 % Tadschiken, 9 bis 20 % Hazara, ca. 9 % Usbeken, 2 % Turkmenen und 2 % Belutschen (LIB). Neben den alten Blöcken der Islamisten und linksgerichteten politischen Organisationen [Anm.: welche oftmals vor dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan entstanden] mobilisieren politische Parteien in Afghanistan vornehmlich entlang ethnischer Linien, wobei letztere Tendenz durch den Krieg noch weiter zugenommen hat. Ethnische Spannungen zwischen unterschiedlichen Gruppen resultierten weiterhin in Konflikten und Tötungen (LIB). 1.3.7.
  29. Paschtunen - Letzte Änderung: 15.09.2021 Ethnische Paschtunen sind mit ca. 40 % der Gesamtbevölkerung die größte Ethnie Afghanistans. Sie sprechen Paschtu/Pashto; als Verkehrssprache sprechen viele auch Dari. Sie sind sunnitische Muslime. Paschtunen siedeln in einem halbmondförmigen Gebiet, das sich von Nordwestafghanistan über den gesamten Süden und die Gebiete östlich von Kabul bis in den Nordwesten Pakistans erstreckt. Kleinere Gruppen sind über das gesamte Land verstreut, auch im Norden des Landes, wo Paschtunen Ende des
  30. Jahrhunderts speziell angesiedelt wurden und sich seitdem auch selbst angesiedelt haben (LIB). Grundlage des paschtunischen Selbstverständnisses sind ihre genealogischen Überlieferungen und die darauf beruhende Stammesstruktur. Eng mit der Stammesstruktur verbunden ist ein komplexes System von Wertvorstellungen und Verhaltensrichtlinien, die häufig unter dem Namen Paschtunwali zusammengefasst werden und die besagen, dass es für einen Paschtunen nicht ausreicht, Paschtu zu sprechen, sondern dass man auch die Regeln dieses Ehren- und Verhaltenskodex befolgen muss. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stammlinienverband bedeutet viele Verpflichtungen, aber auch Rechte, weshalb sich solche Verbände als Solidaritätsgruppen verstehen lassen (LIB). Die Taliban sind eine vorwiegend paschtunische Bewegung, werden aber nicht als nationalistische Bewegung gesehen. Die Taliban rekrutieren auch aus anderen ethnischen Gruppen. Die Unterstützung der Taliban durch paschtunische Stämme ist oftmals in der Marginalisierung einzelner Stämme durch die Regierung und im Konkurrenzverhalten oder der Rivalität zwischen unterschiedlichen Stämmen begründet (LIB). 1.3.7.
  31. Tadschiken - Letzte Änderung: 15.09.2021 Die Volksgruppe der Tadschiken ist die zweitgrößte Volksgruppe in Afghanistan. Sie machen etwa 27 bis 30 % der afghanischen Bevölkerung aus. Außerhalb der tadschikischen Kerngebiete in Nordafghanistan (Provinzen Badakhshan, Takhar, Baghlan, Parwan, Kapisa und Kabul) bilden Tadschiken in weiten Teilen des Landes ethnische Inseln, namentlich in den größeren Städten. In der Hauptstadt Kabul sind sie knapp in der Mehrheit (LIB). Als rein sesshaftes Volk kennen die Tadschiken im Gegensatz zu den Paschtunen keine Stammesorganisation. Heute werden unter dem Terminus tājik „Tadschike“ fast alle dari/persisch sprechenden Personen Afghanistans, mit Ausnahme der Hazara, zusammengefasst (LIB). 1.3.
  32. Bewegungsfreiheit - Letzte Änderung: 16.09.2021 Die Ausweichmöglichkeiten für diskriminierte, bedrohte oder verfolgte Personen hängen maßgeblich vom Grad ihrer sozialen Verwurzelung, ihrer Ethnie und ihrer finanziellen Lage ab. Die sozialen Netzwerke vor Ort und deren Auffangmöglichkeiten spielen eine zentrale Rolle für den Aufbau einer Existenz und die Sicherheit am neuen Aufenthaltsort. Für eine Unterstützung seitens der Familie kommt es auch darauf an, welche politische und religiöse Überzeugung den jeweiligen Heimatort dominiert. Für Frauen ist es kaum möglich, ohne familiäre Einbindung in andere Regionen auszuweichen. Durch die hohe soziale Kontrolle ist gerade im ländlichen Raum keine, aber auch in den Städten kaum Anonymität zu erwarten ach der Machtübernahme der Taliban gab es Berichte über härtere Einschränkungen der Bewegungsfreiheit für Frauen (LIB). Die Stadt Kabul ist in den letzten Jahrzehnten rasant gewachsen und ethnisch gesehen vielfältig. Neuankömmlinge aus den Provinzen tendieren dazu, sich in Gegenden niederzulassen, wo sie ein gewisses Maß an Unterstützung ihrer Gemeinschaft erwarten können (sofern sie solche Kontakte haben) oder sich in jenem Stadtteil niederzulassen, der für sie am praktischsten ist, da viele von ihnen - zumindest anfangs - regelmäßig zurück in ihre Heimatprovinzen pendeln (LIB). Die Auswirkungen neuer Bewohner auf die Stadt sind schwer zu evaluieren. Bewohner der zentralen Stadtbereiche neigen zu öfteren Wohnortwechseln, um näher bei ihrer Arbeitsstätte zu wohnen oder um wirtschaftlichen Möglichkeiten und sicherheitsrelevanten Trends zu folgen. Diese ständigen Wohnortwechsel haben einen störenden Effekt auf soziale Netzwerke, was sich oftmals in der Beschwerde bemerkbar macht „man kenne seine Nachbarn nicht mehr“ (LIB). Die Absorptionsfähigkeit der Ausweichmöglichkeiten, vor allem im Umfeld größerer Städte, ist durch die hohe Zahl der Binnenvertriebenen und Rückkehrer bereits stark beansprucht. Dies schlägt sich sowohl im Anstieg der Lebenshaltungskosten als auch im erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt nieder. Die Auswirkungen des anhaltenden Konflikts und der Covid-19- Pandemie haben die Lage weiter verschärft. (LIB). 1.3.
  33. IDPs und Flüchtlinge - Letzte Änderung: 14.09.2021 UNOCHA verifizierte im Jahr 2020 332.902 Menschen als neue Binnenvertriebene aufgrund des Konflikts und Naturkatastrophen und bis 22.8.2021 wurden von UNOCHA 558.123 neue Binnenvertriebene im laufenden Jahr 2021 verifiziert. Die genaue Zahl der Binnenvertriebenen lässt sich jedoch nicht bestimmen, zumal viele in abgelegenen Regionen oder städtischen Slums Zuflucht suchen oder in Gebieten leben, die von aufständischen Gruppen kontrolliert werden und daher nicht erfasst werden können (LIB). Die Mehrheit der Binnenflüchtlinge lebt, ähnlich wie Rückkehrer aus Pakistan und dem Iran, in Flüchtlingslagern, angemieteten Unterkünften oder bei Gastfamilien. Die Bedingungen sind prekär. Der Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und wirtschaftlicher Teilhabe ist stark eingeschränkt. Der hohe Konkurrenzdruck führt oft zu Konflikten. Mit Stand Mai 2021 werden im laufenden Jahr etwa eine halbe Million Binnenvertriebene auf humanitäre Hilfe angewiesen sein (LIB). Der begrenzte Zugang zu humanitären Hilfeleistungen führte vor der Machtübernahme durch die Taliban zu Verzögerungen bei der Identifizierung, Einschätzung und zeitnahen Unterstützung von Binnenvertriebenen. Diesen fehlte weiterhin Zugang zu grundlegendem Schutz, einschließlich der persönlichen und physischen Sicherheit sowie Unterkunft (LIB). IDPs waren in den Möglichkeiten eingeschränkt, ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Oft kam es nach der ersten Binnenvertreibung zu einer weiteren Binnenwanderung. Vor allem binnenvertriebene Familien mit einem weiblichen Haushaltsvorstand hatten oft Schwierigkeiten, grundlegende Dienstleistungen zu erhalten, weil sie keine Identitätsdokumente besitzen. Das Einkommen von Binnenvertriebenen und Rückkehrern war gering, da die Mehrheit der Menschen innerhalb dieser Gemeinschaften von Tagelöhnern und/oder Überweisungen von Verwandten im Ausland abhängig war, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten (LIB). Die vier Millionen Binnenvertriebenen in Afghanistan leben unter Bedingungen, die sich perfekt für die schnelle Übertragung eines Virus wie COVID-19 eignen. Die Lager sind beengt, unhygienisch und es fehlt selbst an den grundlegendsten medizinischen Einrichtungen. Sie leben in Hütten aus Lehm, Pfählen und Plastikplanen, in denen bis zu zehn Personen in nur einem oder zwei Räumen untergebracht sind, und sind nicht in der Lage, soziale Distanzierung und Quarantäne zu praktizieren. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung war für Binnenvertriebene und Rückkehrer bereits vor der COVID-19-Pandemie eingeschränkt. Seit Beginn der Pandemie hat sich der Zugang weiter verschlechtert, da einige medizinische Zentren in COVID-19-Behandlungszentren umgewandelt wurden und die Finanzierung der humanitären Hilfe zurückging. Es gibt eine von Ärzte ohne Grenzen betriebene mobile Klinik in Herat, die bei der Behandlung einiger chronischer Krankheiten hilft (LIB). Nach der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 Die Auswirkungen einer schweren Dürre, einer einbrechenden Wirtschaft, der COVID-19-Pandemie und des sich verschärfenden Konflikts in den ersten acht Monaten des Jahres haben die Menschen bereits dazu veranlasst, ihre Heimat - und das Land - zu verlassen, und es wird erwartet, dass die Situation durch den Übergang zu einer Taliban-Regierung wahrscheinlich noch verschärft werden wird (LIB). Nachdem die Taliban die Kontrolle über Afghanistan übernommen haben, sind Tausende von Menschen über die Grenze von Chaman ins benachbarte Pakistan oder über den Grenzübergang Islam Qala in den Iran geflohen. Insgesamt 32 von 34 Provinzen haben ein gewisses Maß an Vertreibung zu verzeichnen. Ein ehemaliger US-Militärvertreter erklärte, Überlandverbindungen seien riskant, aber zurzeit die einzige Möglichkeit zur Flucht. Laut US-Militärkreisen haben die Taliban weitere Kontrollpunkte auf den Hauptstraßen nach Usbekistan und Tadschikistan errichtet. Die Islamisten verbieten zudem Frauen, ohne männliche Begleitung zu reisen (LIB). Tadschikistan hat die Aufnahme von 100.000 Flüchtlingen zugesagt, jedoch müsse dafür erst die Infrastruktur geschaffen werden (und auch nach Usbekistan zieht es viele Afghanen (LIB). 1.3.
  34. Grundversorgung und Wirtschaft - Letzte Änderung: 14.09.2021 Trotz Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, erheblicher Anstrengungen der afghanischen Regierung und kontinuierlicher Fortschritte belegte Afghanistan 2020 lediglich Platz 169 von 189 des Human Development Index. Die afghanische Wirtschaft ist stark von internationalen Hilfsgeldern abhängig. Jedoch konnte die vormalige afghanische Regierung seit der Fiskalkrise des Jahres 2014 ihre Einnahmen deutlich steigern (LIB). Die afghanische Wirtschaft stützt sich hauptsächlich auf den informellen Sektor (einschließlich illegaler Aktivitäten), der 80 bis 90 % der gesamten Wirtschaftstätigkeit ausmacht und weitgehend das tatsächliche Einkommen der afghanischen Haushalte bestimmt. Lebensgrundlage für rund 80 % der Bevölkerung ist die Landwirtschaft, wobei der landwirtschaftliche Sektor gemäß Prognosen der Weltbank im Jahr 2019 einen Anteil von 18,7 % am Bruttoinlandsprodukt (BIP) hatte (Industrie: 24,1 %, tertiärer Sektor: 53,1 %; WB 7.2019). Rund 45 % aller Beschäftigen arbeiten im Agrarsektor, 20 % sind im Dienstleistungsbereich tätig (LIB). Afghanistan erlebte von 2007 bis 2012 ein beispielloses Wirtschaftswachstum. Während die Gewinne dieses Wachstums stark konzentriert waren, kam es in diesem Zeitraum zu Fortschritten in den Bereichen Gesundheit und Bildung. Seit 2014 verzeichnet die afghanische Wirtschaft ein langsames Wachstum (im Zeitraum 2014-2017 durchschnittlich 2,3 %, 2003-2013: 9 %) was mit dem Rückzug der internationalen Sicherheitskräfte, der damit einhergehenden Kürzung der internationalen Zuschüsse und einer sich verschlechternden Sicherheitslage in Verbindung gebracht wird. Im Jahr 2018 betrug die Wachstumsrate 1,8%. Das langsame Wachstum wird auf zwei Faktoren zurückgeführt: einerseits hatte die schwere Dürre im Jahr 2018 negative Auswirkungen auf die Landwirtschaft, andererseits verringerte sich das Vertrauen der Unternehmer und Investoren. Das Wirtschaftswachstum konnte sich zuletzt aufgrund der besseren Witterungsbedingungen für die Landwirtschaft erholen und lag 2019 laut Weltbank-Schätzungen bei 2,9 % (LIB). Nach der Machtübernahme der Taliban bleiben die Banken geschlossen, so haben die Vereinigten Staaten der Taliban-Regierung den Zugang zu praktisch allen Reserven der afghanischen Zentralbank in Höhe von 9 Mrd. $ (7,66 Mrd. €) verwehrt, die größtenteils in den USA gehalten werden. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Afghanistan nach der Eroberung Kabuls durch die Taliban den Zugang zu seinen Mitteln verwehrt (LIB). Da keine neuen Dollarlieferungen zur Stützung der Währung ankommen, ist die afghanische Währung auf ein Rekordtief gefallen (LIB). Dürre und Überschwemmungen Starke Regenfälle haben im Mai 2021 mehrere Provinzen Afghanistans, insbesondere Herat, heimgesucht und Sturzfluten und Überschwemmungen verursacht, die zu Todesopfern und Schäden führten. Die am stärksten betroffenen Provinzen sind Herat, Ghor, Maidan Wardak, Baghlan, Samangan, Khost, Bamyan, Daikundi und Badakhshan. Medienberichten zufolge sind in der Provinz Herat bis zu 37 Menschen ums Leben gekommen, Hunderte wurden vertrieben und mehr als 150 Häuser wurden zerstört. 405 Familien wurden landesweit aus ihren Häusern vertrieben (LIB). Armut und Lebensmittelunsicherheit - Letzte Änderung: 14.09.2021 Afghanistan ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt. Die Grundversorgung ist für große Teile der Bevölkerung eine tägliche Herausforderung, dies gilt in besonderem Maße für Rückkehrer. Diese bereits prekäre Lage hat sich seit März 2020 durch die COVID-19-Pandemie stetig weiter verschärft. Es wird erwartet, dass 2021 bis zu 18,4 Millionen Menschen (2020: 14 Mio Menschen) auf humanitäre Hilfe angewiesen sein werden (LIB). Da keine neuen Dollarlieferungen eintreffen, um die Währung zu stützen, ist die afghanische Währung auf ein Rekordtief gefallen und hat die Preise in die Höhe getrieben. Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mehl, Öl und Reis sind innerhalb weniger Tage um bis zu 10-20 % gestiegen (LIB). Wohnungsmarkt und Lebenserhaltungskosten - Letzte Änderung: 14.09.2021 Vor der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 lag die Miete für eine Wohnung im Stadtzentrum von Kabul durchschnittlich zwischen 200 USD und 350 USD im Monat. Für einen angemessenen Lebensstandard musste zudem mit durchschnittlichen Lebenshaltungskosten von bis zu 350 USD pro Monat (Stand 2020) gerechnet werden. Auch in Mazar-e Sharif standen zahlreiche Wohnungen zur Miete zur Verfügung. Die Höhe des Mietpreises für eine drei-Zimmer-Wohnung in Mazar-e Sharif schwankte unter anderem je nach Lage zwischen 100 USD und 300 USD monatlich. Einer anderen Quelle zufolge lagen die Kosten für eine einfache Wohnung in Afghanistan ohne Heizung oder Komfort, aber mit Zugang zu fließenden Wasser, sporadisch verfügbarer Elektrizität, einer einfachen Toilette und einer Möglichkeit zum Kochen zwischen 80 USD und 100 USD im Monat. Es existieren auch andere Unterbringungsmöglichkeiten wie Hotels und Teehäuser, die etwa von Tagelöhnern zur Übernachtung genutzt werden. Auch eine Person, welche in Afghanistan über keine Familie oder Netzwerk verfügt, sollte in der Lage sein, dort Wohnraum zu finden - vorausgesetzt die Person verfügt über die notwendigen finanziellen Mittel. Private Immobilienunternehmen in den Städten informieren über Mietpreise für Häuser und Wohnungen (LIB). Wohnungszuschüsse für sozial Benachteiligte oder Mittellose existieren in Afghanistan nicht. Allgemein lässt sich sagen, dass die COVID-19-Pandemie keine besonderen Auswirkungen auf die Miet- und Kaufpreise in Kabul hatte. Die Mieten sind nicht gestiegen und aufgrund der momentanen wirtschaftlichen Unsicherheit sind die Kaufpreise von Häusern eher gesunken (LIB). Betriebs- und Nebenkosten wie Wasser und Strom kosteten vor der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 in der Regel nicht mehr als 40 USD pro Monat. Abhängig vom Verbrauch konnten die Kosten allerdings höher liegen. Die Kosten in der Innenstadt Kabuls waren höher. In ländlichen Gebieten konnte man mit mind. 50 % weniger Kosten für die Miete und den Lebensunterhalt rechnen (LIB). Arbeitsmarkt - Letzte Änderung: 16.09.2021 Vor der Machtübernahme durch die Taliban war der Arbeitsmarkt durch eine niedrige Erwerbsquote, hohe Arbeitslosigkeit sowie Unterbeschäftigung und prekäre Arbeitsverhältnisse charakterisiert. 80 % der afghanischen Arbeitskräfte befanden sich in „prekären Beschäftigungsverhältnissen“, mit hoher Arbeitsplatzunsicherheit und schlechten Arbeitsbedingungen. Schätzungsweise 16 % der prekär Beschäftigten waren Tagelöhner, von denen sich eine unbestimmte Zahl an belebten Straßenkreuzungen der Stadt versammelt und nach Arbeit sucht, die, wenn sie gefunden wird, ihren Familien nur ein Leben von der Hand in den Mund ermöglicht (LIB). Nach Angaben der Weltbank ist die Arbeitslosenquote innerhalb der erwerbsfähigen Bevölkerung in den letzten Jahren zwar gesunken, bleibt aber auf hohem Niveau und dürfte wegen der COVID19-Pandemie wieder steigen ebenso wie die Anzahl der prekär Beschäftigten (LIB). Schätzungen zufolge sind rund 67 % der Bevölkerung unter 25 Jahren alt. Am Arbeitsmarkt müssen jährlich geschätzte 400.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, um Neuankömmlinge in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Somit treten jedes Jahr sehr viele junge Afghanen in den Arbeitsmarkt ein, während die Beschäftigungsmöglichkeiten bislang aufgrund unzureichender Entwicklungsressourcen und mangelnder Sicherheit nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten können (LIB). Der afghanische Arbeitsmarkt ist durch eine starke Dominanz des Agrarsektors, eine Unterrepräsentation von Frauen und relativ wenigen Möglichkeiten für junge Menschen gekennzeichnet. Es gibt einen großen Anteil an Selbstständigen und mithelfenden Familienangehörigen, was auf das hohe Maß an Informalität des Arbeitsmarktes hinweist, welches mit der Bedeutung des Agrarsektors in der Wirtschaft einhergeht. Bei der Arbeitssuche spielen persönliche Kontakte eine wichtige Rolle. Ohne Netzwerke ist die Arbeitssuche schwierig. Bei Ausschreibung einer Stelle in einem Unternehmen gibt es in der Regel eine sehr hohe Anzahl an Bewerbungen und durch persönliche Kontakte und Empfehlungen wird mitunter Einfluss und Druck auf den Arbeitgeber ausgeübt. Eine im Jahr 2012 von der ILO durchgeführte Studie über die Beschäftigungsverhältnisse in Afghanistan bestätigt, dass Arbeitgeber persönliche Beziehungen und Netzwerke höher bewerten als formelle Qualifikationen. Analysen der norwegischen COI-Einheit Landinfo zufolge gibt es keine Hinweise, dass sich die Situation seit 2012 geändert hätte (LIB). Neben einer mangelnden Arbeitsplatzqualität ist auch die große Anzahl an Personen im wirtschaftlich abhängigen Alter (insbes. Kinder) ein wesentlicher Armutsfaktor: Die Notwendigkeit, das Einkommen von Erwerbstätigen mit einer großen Anzahl von Haushaltsmitgliedern zu teilen, führt oft dazu, dass die Armutsgrenze unterschritten wird, selbst wenn Arbeitsplätze eine angemessene Bezahlung bieten würden. Ebenso korreliert ein Mangel an Bildung mit Armut, wobei ein niedriges Bildungsniveau und Analphabetismus immer noch weit verbreitet sind (LIB). Ungelernte Arbeiter erwirtschaften ihr Einkommen als Tagelöhner, Straßenverkäufer oder durch das Betreiben kleiner Geschäfte. Der Durchschnittslohn für einen ungelernten Arbeiter ist unterschiedlich, für einen Tagelöhner beträgt er etwa 5 USD pro Tag. Während der COVID-19-Pandemie ist die Situation für Tagelöhner sehr schwierig, da viele Wirtschaftszweige durch die Sperr- und Restriktionsmaßnahmen im Zusammenhang mit COVID-19 negativ beeinflusst wurden. Kleine und große Unternehmen boten in der Regel direkte Arbeitsmöglichkeiten für Tagelöhner (LIB). 1.3.
  35. Medizinische Versorgung - Letzte Änderung: 16.09.2021 In einem Bericht aus dem Jahr 2018 kommt die Weltbank zu dem Schluss, dass sich die Gesundheitsversorgung in Afghanistan im Zeitraum 2004-2010 deutlich verbessert hat, während sich die Verbesserungen im Zeitraum 2011-2016 langsamer fortsetzten. Vor allem in den Bereichen Mütter- und Kindersterblichkeit gab es deutliche Verbesserungen. Allerdings ist die Verfügbarkeit und Qualität der Behandlung durch Mangel an gut ausgebildetem medizinischem Personal und Medikamenten, Missmanagement und maroder Infrastruktur begrenzt und korruptionsanfällig (LIB). Der Konflikt, COVID-19 und unzureichende Investitionen in die Infrastruktur treiben den Gesundheitsbedarf an und verhindern, dass die betroffenen Menschen rechtzeitig sichere, ausreichend ausgestattete Gesundheitseinrichtungen und -dienste erhalten. Gleichzeitig haben der aktive Konflikt und gezielte Angriffe der Konfliktparteien auf Gesundheitseinrichtungen und -personal zur periodischen, verlängerten oder dauerhaften Schließung wichtiger Gesundheitseinrichtungen geführt, wovon in den ersten zehn Monaten des Jahres 2020 bis zu 1,2 Millionen Menschen in mindestens 17 Provinzen betroffen waren (LIB). Die Lebenserwartung ist in Afghanistan von 50 Jahren im Jahr 1990 auf 64 Jahre im Jahr 2018 gestiegen (LIB). Bis zur Machtübernahme der Taliban im August 2021 wurden 90 % der medizinischen Versorgung in Afghanistan nicht direkt vom Staat erbracht, sondern von nationalen und internationalen NGOs, die unter Vertrag genommen werden (LIB). Eine Quelle spricht von 641 Krankenhäusern bzw. Gesundheitseinrichtungen in Afghanistan, wobei 181 davon öffentliche und 460 private Krankenhäuser sind. Die genaue Anzahl der Gesundheitseinrichtungen in den einzelnen Provinzen ist nicht bekannt. Während in den Städten ein ausreichendes Netz von Krankenhäusern und Kliniken besteht, ist es in den ländlichen Gebieten für viele Afghaninnen und Afghanen schwierig, überhaupt eine Klinik oder ein Krankenhaus zu erreichen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2017, die den Zustand der öffentlichen Gesundheitseinrichtungen untersuchte, wiesen viele Gesundheitszentren im ganzen Land immer noch große Mängel auf, darunter bauliche und wartungsbedingte Probleme, schlechte Hygiene- und Sanitärbedingungen, wobei ein Viertel der Einrichtungen nicht über Toiletten verfügte, vier von zehn Gesundheitseinrichtungen kein Trinkwassersystem hatten und eine von fünf Einrichtungen keinen Strom hatte. Es gab nicht genügend Krankenwagen und viele Gesundheitseinrichtungen berichteten über einen Mangel an medizinischer Ausrüstung und Material (LIB). Insbesondere die COVID-19-Pandemie offenbarte die Unterfinanzierung und Unterentwicklung des öffentlichen Gesundheitssystems, das akute Defizite in der Prävention (Schutzausrüstung), Diagnose (Tests) und medizinischen Versorgung der Kranken aufweist. Die Verfügbarkeit und Qualität der Basisversorgung ist durch den Mangel an gut ausgebildeten Ärzten und Assistenten (insbesondere Hebammen), den Mangel an Medikamenten, schlechtes Management und schlechte Infrastruktur eingeschränkt. Darüber hinaus herrscht in der Bevölkerung ein starkes Misstrauen gegenüber der staatlich finanzierten medizinischen Versorgung. Die Qualität der Kliniken ist sehr unterschiedlich. Es gibt praktisch keine Qualitätskontrollen (LIB). Neben dem öffentlichen Gesundheitssystem gibt es auch einen weitverbreiteten, aber teuren privaten Sektor. Trotz dieser höheren Kosten wird berichtet, dass über 60 % der Afghanen private Gesundheitszentren als Hauptansprechpartner für Gesundheitsdienstleistungen nutzen. Vor allem Afghanen, die außerhalb der großen Städte leben, bevorzugen die private Gesundheitsversorgung wegen ihrer wahrgenommenen Qualität und Sicherheit, auch wenn die dort erhaltene Versorgung möglicherweise nicht von besserer Qualität ist als in öffentlichen Einrichtungen (LIB). COVID-19 Der erste offizielle Fall einer COVID-19 Infektion in Afghanistan wurde am 24.2.2020 in Herat festgestellt. Laut einer vom afghanischen Gesundheitsministerium durchgeführten Umfrage hatten mit Juli 2020 35 % der Menschen in Afghanistan seit März 2020 Anzeichen und Symptome von COVID-19 gehabt. Bis zum 17.3.2021 wurden der WHO 56.016 bestätigte Fälle von COVID-19 mit 2.460 Todesfällen gemeldet (LIB), wobei die tatsächliche Zahl der positiven Fälle um ein vielfaches höher eingeschätzt wird. Bis zum 10.3.2021 wurden insgesamt 34.743 Impfstoffdosen verabreicht. Die Zahl der täglich neu bestätigten COVID-19-Fälle in Afghanistan ist in den Wochen nach dem Eid al-Fitr-Fest Mitte Mai 2021 stark angestiegen und übertrifft die Spitzenwerte, die zu Beginn des Ausbruchs im Land verzeichnet wurden. Die gestiegene Zahl der Fälle belastet das Gesundheitssystem weiter. Gesundheitseinrichtungen berichten von Engpässen bei medizinischem Material, Sauerstoff und Betten für Patienten mit COVID-19 und anderen Krankheiten (LIB). Einige der Regional- und Provinzkrankenhäuser in den Großstädten wurden im Hinblick auf COVID-19 mit Test- und Quarantäneeinrichtungen ausgestattet. Menschen mit Anzeichen von COVID-19 werden getestet und die schwer Erkrankten im Krankenhaus in Behandlung genommen. Die Kapazität solcher Krankenhäuser ist jedoch aufgrund fehlender Ausrüstung begrenzt. In den anderen Provinzen schicken die Gesundheitszentren, die nicht über entsprechende Einrichtungen verfügen, die Testproben in die Hauptstadt und geben die Ergebnisse nach sechs bis zehn Tagen bekannt. Im Großteil der Krankenhäuser werden nur grundlegende Anweisungen und Maßnahmen empfohlen, es gibt keine zwingenden Vorschriften, und selbst die Infizierten erfahren nur grundlegende und normale Behandlung (LIB). Nach der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 Angesichts der jüngsten Entwicklungen hat die Weltbank alle Hilfen für Afghanistan eingefroren. Mehr 2.500 Gesundheitseinrichtungen und die Gehälter von mehr als 2.000 Beschäftigten im Gesundheitswesen, die im Rahmen des von der Weltbank kofinanzierten Sehatmandi-Projekts unterstützt werden, werden davon betroffen sein. Derzeit sind mehr als 3.800 Gesundheitseinrichtungen, die im Rahmen des Projekts unterstützt wurden, ganz oder teilweise nicht funktionsfähig. Die NGOs, die das Projekt durchführen, haben jedoch die Umsetzung reduziert, was zur sofortigen Aussetzung einiger Dienste in den Gesundheitseinrichtungen, einschließlich Überweisungen und ambulanter Essensversorgung führte. Einige wenige Gesundheitseinrichtungen, die im Rahmen des Projekts unterstützt wurden, verfügen über genügend medizinische Vorräte um die Versorgung für einige Monate aufrechtzuerhalten. In Ermangelung einer ausreichenden Finanzierung könnte die Kürzung der Hilfe Hunderttausende Afghanen ohne medizinische Versorgung zurücklassen und unverhältnismäßig viele Frauen betreffen. Angesichts der Blockade des Flughafens Kabul rufen WHO und UNICEF zur Unterstützung bei der Lieferung wichtiger medizinischer Güter nach Afghanistan auf (LIB). 1.3.
  36. Rückkehr - Letzte Änderung: 16.09.2021 IOM (Internationale Organisation für Migration) verzeichnete im Jahr 2020 die bisher größte Rückkehr von undokumentierten afghanischen Migranten. Von den mehr als 865.700 Afghanen, die im Jahr 2020 nach Afghanistan zurückkehrten, kamen etwa 859.000 aus dem Iran und schätzungsweise 6.700 aus Pakistan (LIB). Im Jahr 2021 wurden bis August 759.046 undokumentierte Rückkehrer verzeichnet (LIB). Die Wiedervereinigung mit der Familie wird meist zu Beginn von Rückkehrern als positiv empfunden und ist von großer Wichtigkeit im Hinblick auf eine erfolgreiche Reintegration. Soziale, ethnische und familiäre Netzwerke sind für einen Rückkehrer unentbehrlich, da es ohne familiäre Netzwerke sehr schwer sein kann, sich selbst zu erhalten. Eine Person ohne familiäres Netzwerk ist jedoch die Ausnahme und der Großteil der nach Afghanistan zurückkehrenden Personen verfügt über ein familiäres Netzwerk. Einige wenige Personen verfügen über keine Familienmitglieder in Afghanistan, da diese entweder in den Iran, nach Pakistan oder weiter nach Europa migrierten. Der Reintegrationsprozess der Rückkehrer ist oft durch einen schlechten psychosozialen Zustand charakterisiert. Viele Rückkehrer sind weniger selbsterhaltungsfähig als die meisten anderen Afghanen. Rückkehrerinnen sind von diesen Problemen im Besonderen betroffen. Aufgrund der Sicherheitslage ist es Rückkehrern nicht immer möglich, in ihre Heimatorte zurückzukehren (LIB). Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage, den ohnehin großen Familienverbänden und individuellen Faktoren ist diese Unterstützung jedoch meistens nur temporär und nicht immer gesichert. Neben der Familie als zentrale Stütze der afghanischen Gesellschaft kommen noch weitere wichtige Netzwerke zum Tragen, wie z. B. der Stamm, der Clan und die lokale Gemeinschaft. Diese basieren auf Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Religion oder anderen beruflichen Netzwerken (Kollegen, Mitstudierende etc.) sowie politische Netzwerke usw. Die unterschiedlichen Netzwerke haben verschiedene Aufgaben und unterschiedliche Einflüsse - auch unterscheidet sich die Rolle der Netzwerke zwischen den ländlichen und städtischen Gebieten. Ein Netzwerk ist für das Überleben in Afghanistan wichtig. So sind manche Rückkehrer auf soziale Netzwerke angewiesen, wenn es ihnen nicht möglich ist, auf das familiäre Netz zurückzugreifen. Ein Mangel an Netzwerken stellt eine der größten Herausforderungen für Rückkehrer dar, was möglicherweise zu einem neuerlichen Verlassen des Landes führen könnte. Haben die Rückkehrer lange Zeit im Ausland gelebt oder haben sie zusammen mit der gesamten Familie Afghanistan verlassen, ist es wahrscheinlich, dass lokale Netzwerke nicht mehr existieren oder der Zugang zu diesen erheblich eingeschränkt ist. Dies kann die Reintegration stark erschweren (LIB). „Erfolglosen“ Rückkehrern aus Europa haftet oft das Stigma des „Versagens“ an. Wirtschaftlich befinden sich viele der Rückkehrer in einer schlechteren Situation als vor ihrer Flucht nach Europa, was durch die aktuelle Situation im Hinblick auf die COVID-19-Pandemie noch verschlimmert wird. Rückkehrer aus Europa oder dem westlichen Ausland werden von der afghanischen Gesellschaft häufig misstrauisch wahrgenommen. Dem deutschen Auswärtigen Amt sind jedoch keine Fälle bekannt, in denen Rückkehrer nachweislich aufgrund ihres Aufenthalts in Europa Opfer von Gewalttaten wurden und auch IOM Kabul sind keine solchen Vorkommnisse bekannt. Andere Quellen geben jedoch an, dass es zu tätlichen Angriffen auf Rückkehrer gekommen sein soll, wobei dies auch im Zusammenhang mit einem fehlenden Netzwerk vor Ort gesehen wird. UNHCR berichtet von Fällen zwangsrückgeführter Personen aus Europa, die von religiösen Extremisten bezichtigt werden, verwestlicht zu sein; viele werden der Spionage verdächtigt. Auch glaubt man, Rückkehrer aus Europa wären reich und sie würden die Gastgebergemeinschaft ausnutzen. Wenn ein Rückkehrer mit im Ausland erlangten Fähigkeiten und Kenntnissen zurückkommt, stehen ihm mehr Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung als den übrigen Afghanen, was bei der hohen Arbeitslosigkeit zu Spannungen innerhalb der Gemeinschaft führen kann (LIB). Viele afghanische Rückkehrer werden de facto IDPs, weil die Konfliktsituation sowie das Fehlen an gemeinschaftlichen Netzwerken sie daran hindert, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Viele Rückkehrer leben in informellen Siedlungen, selbst gebauten Unterkünften oder gemieteten Wohnungen. Die meisten Rückkehrer im Osten des Landes leben in überbelegten Unterkünften und sind von fehlenden Möglichkeiten zum Bestreiten des Lebensunterhaltes betroffen (LIB). IOM hat aufgrund der aktuellen Lage vor Ort die Option der Unterstützung der Freiwilligen Rückkehr und Reintegration seit 16.8.2021 für Afghanistan bis auf Weiteres weltweit ausgesetzt. Es können somit derzeit keine freiwilligen Rückkehrer aus Österreich nach Afghanistan im Rahmen des Projektes RESTART III unterstützt werden. Zu Tätigkeiten vor Ort im Rahmen anderer Projekte (RADA, etc.) kann derzeit noch keine Rückmeldung gegeben werden (LIB).IOM hat aufgrund der aktuellen Lage vor Ort die Option der Unterstützung der Freiwilligen Rückkehr und Reintegration seit 16.8.2021 für Afghanistan bis auf Weiteres weltweit ausgesetzt. Es können somit derzeit keine freiwilligen Rückkehrer aus Österreich nach Afghanistan im Rahmen des Projektes RESTART römisch drei unterstützt werden. Zu Tätigkeiten vor Ort im Rahmen anderer Projekte (RADA, etc.) kann derzeit noch keine Rückmeldung gegeben werden (LIB).
  37. Beweiswürdigung: 2.
  38. Zu den Feststellungen zur Person des Beschwerdeführers, seinen persönlichen Umständen in Afghanistan und in Österreich und seinem Gesundheitszustand: Die Feststellung zum Namen des Beschwerdeführers ergibt sich aus seinen dahingehend übereinstimmenden Angaben vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, in der Beschwerde und in der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht. Die Feststellung zu seinem Geburtsdatum stützt sich auf die vom Beschwerdeführer vorgelegte Kopie seiner afghanischen Tazkira (vgl. AS 115, 117). Die Ausführungen im angefochtenen Bescheid, dass die Echtheit dieses Dokuments zweifelhaft sei, sind für das Bundesverwaltungsgericht nicht nachvollziehbar. Die belangte Behörde begründet dies – neben allgemeinen Ausführungen dazu, dass gefälschte Dokumente in Afghanistan leicht erhältlich seien – im Wesentlichen mit einer vermeintlichen Auskunft der afghanischen Botschaft, dass es sich bei der Tazkira um eine Fälschung handle. Eine solche Auskunft ist dem Akteninhalt aber nicht zu entnehmen. Im Akt findet sich diesbezüglich lediglich ein E-Mail-Verkehr mit einer Mitarbeiterin der belangten Behörde, die auf eine derartige Auskunft verweist, dies aber nicht näher erläutert oder belegt (vgl. AS 61). Entsprechend ist für das Gericht nicht ersichtlich, auf welche Überlegungen sich diese – vermeintliche – Einschätzung der afghanischen Botschaft stützt, und ob diese schlüssig sind. Der Vollständigkeit wegen sei angemerkt, dass für das Bundesverwaltungsgericht auch nicht nachvollziehbar ist, aus welchen Motiven sich der Beschwerdeführer gegenüber dem von der Behörde festgestellten Geburtsdatum XXXX wahrheitswidrig rund vier Jahre älter machen sollte.Die Feststellung zum Namen des Beschwerdeführers ergibt sich aus seinen dahingehend übereinstimmenden Angaben vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, in der Beschwerde und in der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht. Die Feststellung zu seinem Geburtsdatum stützt sich auf die vom Beschwerdeführer vorgelegte Kopie seiner afghanischen Tazkira vergleiche AS 115, 117). Die Ausführungen im angefochtenen Bescheid, dass die Echtheit dieses Dokuments zweifelhaft sei, sind für das Bundesverwaltungsgericht nicht nachvollziehbar. Die belangte Behörde begründet dies – neben allgemeinen Ausführungen dazu, dass gefälschte Dokumente in Afghanistan leicht erhältlich seien – im Wesentlichen mit einer vermeintlichen Auskunft der afghanischen Botschaft, dass es sich bei der Tazkira um eine Fälschung handle. Eine solche Auskunft ist dem Akteninhalt aber nicht zu entnehmen. Im Akt findet sich diesbezüglich lediglich ein E-Mail-Verkehr mit einer Mitarbeiterin der belangten Behörde, die auf eine derartige Auskunft verweist, dies aber nicht näher erläutert oder belegt vergleiche AS 61). Entsprechend ist für das Gericht nicht ersichtlich, auf welche Überlegungen sich diese – vermeintliche – Einschätzung der afghanischen Botschaft stützt, und ob diese schlüssig sind. Der Vollständigkeit wegen sei angemerkt, dass für das Bundesverwaltungsgericht auch nicht nachvollziehbar ist, aus welchen Motiven sich der Beschwerdeführer gegenüber dem von der Behörde festgestellten Geburtsdatum römisch 40 wahrheitswidrig rund vier Jahre älter machen sollte. Soweit in der gegenständlichen Rechtssache Feststellungen zur Identität des Beschwerdeführers (Name und Geburtsdatum) getroffen wurden, gelten diese ausschließlich für die Identifizierung des Beschwerdeführers im Asylverfahren. Die Feststellungen zur Staatsangehörigkeit, Volksgruppen- und Religionszugehörigkeit, Muttersprache und weiteren Sprachen des Beschwerdeführers gründen sich auf seine diesbezüglich glaubhaften Angaben; das Bundesverwaltungsgericht hat keine Veranlassung, an diesen – im Wesentlichen im gesamten Verfahren gleich gebliebenen und sich mit den Länderberichten zu Afghanistan deckenden – Aussagen des Beschwerdeführers zu zweifeln. Die Angaben des Beschwerdeführers zu seinem Geburts- und Aufenthaltsort, seinem schulischen und beruflichen Werdegang und seinen Familienangehörigen waren im Wesentlichen gleichbleibend und widerspruchsfrei, weitgehend chronologisch stringent und vor dem Hintergrund der bestehenden sozio-ökonomischen Strukturen in Afghanistan plausibel. Die Feststellungen zum ersten Asylverfahren und das Datum der (ersten und zweiten) Antragstellung ergeben sich aus dem Akteninhalt. Die Ausreise des Beschwerdeführers und seine Aufenthalte in Italien, Frankreich und Belgien ergeben sich aus seinen eigenen Angaben in der Erstbefragung und Einvernahme vor der belangten Behörde. Die Feststellungen zur Eheschließung des Beschwerdeführers in Österreich und Italien folgen seinen eigenen, stets gleichlautenden Angaben im gegenständlichen Verfahren und den damit übereinstimmenden Angaben von XXXX als Zeugin vor der belangten Behörde. Gestützt werden diese Angaben durch die vorgelegte Heiratsurkunde einer italienischen Moschee vom 12.12.2019 (vgl. AS 161, 163) und die vorgelegten Fotos einer Hochzeitsfeier (vgl. AS 251-257). Konkrete Hinweise auf eine Unrichtigkeit dieser Angaben oder Dokumente sind im Verfahren nicht hervorgekommen, die belangte Behörde verweist diesbezüglich im Wesentlichen auf die aus ihrer Sicht nicht plausible zeitliche Abfolge und die fehlende Beweiskraft einer nichtamtlichen Urkunde. Zu den vorgelegten Fotos führt die Behörde aus, dass diese auch im Rahmen eines Fotoshootings entstanden sein könnten. Es ist zwar richtig, dass für sich genommen die Urkunde oder die Fotos eine Eheschließung noch nicht zweifelsfrei belegen würden. In Zusammenschau dieser Beweismittel mit den widerspruchsfreien Angaben des Beschwerdeführers und von XXXX spricht aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts aber erheblich mehr dafür als dagegen, dass deren Eheschließung(en) wie angegeben stattgefunden haben. Die Verzögerungen bis zur „endgültigen“ Eheschließung konnte der Beschwerdeführer in der mündlichen Verhandlung plausibel aufklären. Die vorgelegten Fotos zeigen ihn und XXXX in traditioneller Kleidung beim Anschneiden einer Hochzeitstorte und vor einer Art Hochzeitsbouquet sowie mit anderen Personen bei einem Festessen. Sie erwecken nicht den Eindruck, bei einem Fotoshooting entstanden zu sein. Eine solche Vorgangsweise würde aus Sicht des Gerichts auch einen unverhältnismäßig hohen Aufwand zum vermeintlichen „Beweis“ einer Tatsache darstellen, durch die für den Beschwerdeführer in rechtlicher Hinsicht letztlich nichts gewonnen ist (siehe noch Punkt 3.1.1.). Die vom Beschwerdeführer zum Beweis der traditionellen Eheschließung beantragte Einvernahme seiner Schwiegereltern und von zwei bei der Hochzeit anwesenden Freunden als Zeugen konnte daher unterbleiben.Die Feststellungen zur Eheschließung des Beschwerdeführers in Österreich und Italien folgen seinen eigenen, stets gleichlautenden Angaben im gegenständlichen Verfahren und den damit übereinstimmenden Angaben von römisch 40 als Zeugin vor der belangten Behörde. Gestützt werden diese Angaben durch die vorgelegte Heiratsurkunde einer italienischen Moschee vom 12.12.2019 vergleiche AS 161, 163) und die vorgelegten Fotos einer Hochzeitsfeier vergleiche AS 251-257). Konkrete Hinweise auf eine Unrichtigkeit dieser Angaben oder Dokumente sind im Verfahren nicht hervorgekommen, die belangte Behörde verweist diesbezüglich im Wesentlichen auf die aus ihrer Sicht nicht plausible zeitliche Abfolge und die fehlende Beweiskraft einer nichtamtlichen Urkunde. Zu den vorgelegten Fotos führt die Behörde aus, dass diese auch im Rahmen eines Fotoshootings entstanden sein könnten. Es ist zwar richtig, dass für sich genommen die Urkunde oder die Fotos eine Eheschließung noch nicht zweifelsfrei belegen würden. In Zusammenschau dieser Beweismittel mit den widerspruchsfreien Angaben des Beschwerdeführers und von römisch 40 spricht aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts aber erheblich mehr dafür als dagegen, dass deren Eheschließung(en) wie angegeben stattgefunden haben. Die Verzögerungen bis zur „endgültigen“ Eheschließung konnte der Beschwerdeführer in der mündlichen Verhandlung plausibel aufklären. Die vorgelegten Fotos zeigen ihn und römisch 40 in traditioneller Kleidung beim Anschneiden einer Hochzeitstorte und vor einer Art Hochzeitsbouquet sowie mit anderen Personen bei einem Festessen. Sie erwecken nicht den Eindruck, bei einem Fotoshooting entstanden zu sein. Eine solche Vorgangsweise würde aus Sicht des Gerichts auch einen unverhältnismäßig hohen Aufwand zum vermeintlichen „Beweis“ einer Tatsache darstellen, durch die für den Beschwerdeführer in rechtlicher Hinsicht letztlich nichts gewonnen ist (siehe noch Punkt 3.1.1.). Die vom Beschwerdeführer zum Beweis der traditionellen Eheschließung beantragte Einvernahme seiner Schwiegereltern und von zwei bei der Hochzeit anwesenden Freunden als Zeugen konnte daher unterbleiben. Die Feststellungen zur Integration des Beschwerdeführers in Österreich stützen sich auf seine eigenen Angaben und die von ihm dazu vorgelegten Nachweise (vgl. Beilage ./A zum Verhandlungsprotokoll). Von seinen Deutschkenntnissen konnte sich die erkennende Richterin in der mündlichen Verhandlung selbst überzeugen (vgl. S. 7-8 des Verhandlungsprotokolls).Die Feststellungen zur Integration des Beschwerdeführers in Österreich stützen sich auf seine eigenen Angaben und die von ihm dazu vorgelegten Nachweise vergleiche Beilage ./A zum Verhandlungsprotokoll). Von seinen Deutschkenntnissen konnte sich die erkennende Richterin in der mündlichen Verhandlung selbst überzeugen vergleiche S. 7-8 des Verhandlungsprotokolls). Die Feststellung zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers ergibt sich aus seinen eigenen Angaben in der mündlichen Verhandlung (vgl. S. 5 des Verhandlungsprotokolls) und den damit übereinstimmenden vorliegenden medizinischen Befunden.Die Feststellung zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers ergibt sich aus seinen eigenen Angaben in der mündlichen Verhandlung vergleiche S. 5 des Verhandlungsprotokolls) und den damit übereinstimmenden vorliegenden medizinischen Befunden. Die Feststellung zur strafgerichtlichen Unbescholtenheit des Beschwerdeführers ergibt sich aus dem eingeholten Strafregisterauszug. 2.
  39. Zu den Feststellungen zum Fluchtvorbringen des Beschwerdeführers: Dass das Vorbringen des Beschwerdeführers, er sei aufgrund seiner Eheschließung und eines Übertritts zum schiitischen Islam sowohl durch die Familie einer Ex-Verlobten als auch durch seine eigene Familie bedroht worden, nicht glaubhaft war, ergibt sich aus einer Gesamtschau der im Folgenden dargelegten beweiswürdigenden Erwägungen. Im Besonderen verstrickte sich der Beschwerdeführer im Laufe des Verfahrens in eine Reihe deutlicher Widersprüche und Ungereimtheiten, die er nicht plausibel auflösen konnte. Sein Vorbringen war auch vor dem Hintergrund der Länderinformationen nicht nachvollziehbar. In seiner polizeilichen Erstbefragung brachte der Beschwerdeführer vor, da er jetzt geheiratet habe, und seine Ehefrau Schiitin sei, wolle seine Familie seinen Tod. Seine Bekannten bzw. seine Familie seien nämlich Sunniten. Jetzt seien alle der Meinung, dass er ein Ungläubiger sei. Zudem gebe er an, in Afghanistan schon verlobt gewesen zu sein. Er sei dann einfach gegangen. Deshalb wolle ihn jetzt auch die Familie seiner Ex-Verlobten umbringen. Er fürchte den Tod durch seine Familie (vgl. AS 9).In seiner polizeilichen Erstbefragung brachte der Beschwerdeführer vor, da er jetzt geheiratet habe, und seine Ehefrau Schiitin sei, wolle seine Familie seinen Tod. Seine Bekannten bzw. seine Familie seien nämlich Sunniten. Jetzt seien alle der Meinung, dass er ein Ungläubiger sei. Zudem gebe er an, in Afghanistan schon verlobt gewesen zu sein. Er sei dann einfach gegangen. Deshalb wolle ihn jetzt auch die Familie seiner Ex-Verlobten umbringen. Er fürchte den Tod durch seine Familie vergleiche AS 9). In seiner ersten Einvernahme vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl brachte der Beschwerdeführer zusammengefasst vor, er sei seit August 2018 verheiratet und seit damals auch Schiite, weil die Familie seiner Frau es verlangt habe und er sie sonst nicht heiraten hätte dürfen. Er habe seiner Mutter und seinem Bruder erzählt, dass er geheiratet habe und jetzt Schiite sei. Daraufhin hätten sie ihn beschimpft. Seine Mutter glaube, dass er jetzt ein Ungläubiger sei. Er sei auch schon vorher verlobt gewesen, die Frau habe ihm aber nicht gefallen. Er habe sie angerufen und die Verlobung gelöst, woraufhin der Bruder seiner Ex-Verlobten ihn eine Woche lang angerufen und immer wieder gefragt habe, warum er das mache. Es wäre ehrenlos und er hätte dessen Schwester beschämt. Der Bruder habe gesagt, dass er sich an der Familie des Beschwerdeführers in Pakistan rächen und ihn bei einer Rückkehr töten wolle. Auch sein Bruder sei deshalb bedroht worden. Daraufhin habe ihn seine Mutter angerufen und geklagt, dass es jetzt eine Feindschaft mit dieser Familie gebe. Sie habe gesagt, wenn er zurückkomme würden sie ihn nicht am Leben lassen. Sie würde ihn mit eigenen Händen töten. Er wäre nicht mehr ihr Sohn und er solle bei der Rückkehr gleich ein Leichentuch mitnehmen. Die zwei Brüder seiner Ex-Verlobten seien sehr gefährlich. Sie hätten auch seine Mutter bedroht. Er wisse daher nicht, ob seine Familie noch am Leben sei. Wegen seines Religionswechsels würden ihn die anderen Leute in Afghanistan auch nicht in Ruhe lassen (vgl. AS 143-145).In seiner ersten Einvernahme vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl brachte der Beschwerdeführer zusammengefasst vor, er sei seit August 2018 verheiratet und seit damals auch Schiite, weil die Familie seiner Frau es verlangt habe und er sie sonst nicht heiraten hätte dürfen. Er habe seiner Mutter und seinem Bruder erzählt, dass er geheiratet habe und jetzt Schiite sei. Daraufhin hätten sie ihn beschimpft. Seine Mutter glaube, dass er jetzt ein Ungläubiger sei. Er sei auch schon vorher verlobt gewesen, die Frau habe ihm aber nicht gefallen. Er habe sie angerufen und die Verlobung gelöst, woraufhin der Bruder seiner Ex-Verlobten ihn eine Woche lang angerufen und immer wieder gefragt habe, warum er das mache. Es wäre ehrenlos und er hätte dessen Schwester beschämt. Der Bruder habe gesagt, dass er sich an der Familie des Beschwerdeführers in Pakistan rächen und ihn bei einer Rückkehr töten wolle. Auch sein Bruder sei deshalb bedroht worden. Daraufhin habe ihn seine Mutter angerufen und geklagt, dass es jetzt eine Feindschaft mit dieser Familie gebe. Sie habe gesagt, wenn er zurückkomme würden sie ihn nicht am Leben lassen. Sie würde ihn mit eigenen Händen töten. Er wäre nicht mehr ihr Sohn und er solle bei der Rückkehr gleich ein Leichentuch mitnehmen. Die zwei Brüder seiner Ex-Verlobten seien sehr gefährlich. Sie hätten auch seine Mutter bedroht. Er wisse daher nicht, ob seine Familie noch am Leben sei. Wegen seines Religionswechsels würden ihn die anderen Leute in Afghanistan auch nicht in Ruhe lassen vergleiche AS 143-145). In seiner zweiten Einvernahme vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl brachte der Beschwerdeführer zusammengefasst vor, seine Familie gehöre zum sunnitischen Zweig des Islam. Er habe diesen Zweig verlassen und sie hier zu einem Schiiten geworden. Seine Frau gehöre auch zum Zweig der Schiiten, sie sei eine Hazara. Als er seine Mutter angerufen und bekannt gegeben habe, dass er hier eine andere Frau geheiratet und seine Religionsrichtung geändert habe, habe sie es gar nicht geglaubt. Daraufhin habe sie ihn ganz schlimm beschimpft und verflucht. Er sei in Afghanistan mit einer anderen Frau verlobt gewesen. Nach dem Telefonat mit seiner Mutter habe er seine Verlobte angerufen und ihr mitgeteilt, dass sie jetzt von seiner Seite frei sei. Die Brüder seiner damaligen Verlobten hätten ihn daraufhin angerufen und gewarnt, dass er so etwas mit ihrer Schwester nicht machen dürfe. Sie hätten gesagt, dass das eine Ehrensache sei und sie das so nicht akzeptieren würden. Auch diesen habe er mitgeteilt, dass er Schiit geworden sei. Sie hätten ihm daraufhin gesagt, dass er hier ein Ungläubiger geworden sei. Sie hätten seine Familie angerufen und zu seiner Mutter gesagt, dass sie ihn töten würden, weil er ihre Ehre angetastet hätte. Daraufhin habe ihm seine Mutter vorgeworfen, das Leben der Familie gefährdet zu haben. Sie habe gesagt, dass er nicht mehr ihr Sohn sei und in Afghanistan keinen Platz mehr habe. Wenn er nach Afghanistan komme, könne er gleich ein Leichentuch mitbringen. Sein Bruder habe sogar seine Frau hier in Österreich angerufen und sie mit dem Tod bedroht. Dieser habe ihr vorgeworfen, ihn zu einem Schiiten gemacht zu haben. Die Familie seiner Ex-Verlobten sei mächtig. Die Brüder hätten gute Kontakte mit großen Warlords. Er wisse nicht einmal, ob seine Familie noch am Leben sei. Die Familie der Verlobten habe sie stark bedroht (vgl. AS 209-210).In seiner zweiten Einvernahme vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl brachte der Beschwerdeführer zusammengefasst vor, seine Familie gehöre zum sunnitischen Zweig des Islam. Er habe diesen Zweig verlassen und sie hier zu einem Schiiten geworden. Seine Frau gehöre auch zum Zweig der Schiiten, sie sei eine Hazara. Als er seine Mutter angerufen und bekannt gegeben habe, dass er hier eine andere Frau geheiratet und seine Religionsrichtung geändert habe, habe sie es gar nicht geglaubt. Daraufhin habe sie ihn ganz schlimm beschimpft und verflucht. Er sei in Afghanistan mit einer anderen Frau verlobt gewesen. Nach dem Telefonat mit seiner Mutter habe er seine Verlobte angerufen und ihr mitgeteilt, dass sie jetzt von seiner Seite frei sei. Die Brüder seiner damaligen Verlobten hätten ihn daraufhin angerufen und gewarnt, dass er so etwas mit ihrer Schwester nicht machen dürfe. Sie hätten gesagt, dass das eine Ehrensache sei und sie das so nicht akzeptieren würden. Auch diesen habe er mitgeteilt, dass er Schiit geworden sei. Sie hätten ihm daraufhin gesagt, dass er hier ein Ungläubiger geworden sei. Sie hätten seine Familie angerufen und zu seiner Mutter gesagt, dass sie ihn töten würden, weil er ihre Ehre angetastet hätte. Daraufhin habe ihm seine Mutter vorgeworfen, das Leben der Familie gefährdet zu haben. Sie habe gesagt, dass er nicht mehr ihr Sohn sei und in Afghanistan keinen Platz mehr habe. Wenn er nach Afghanistan komme, könne er gleich ein Leichentuch mitbringen. Sein Bruder habe sogar seine Frau hier in Österreich angerufen und sie mit dem Tod bedroht. Dieser habe ihr vorgeworfen, ihn zu einem Schiiten gemacht zu haben. Die Familie seiner Ex-Verlobten sei mächtig. Die Brüder hätten gute Kontakte mit großen Warlords. Er wisse nicht einmal, ob seine Familie noch am Leben sei. Die Familie der Verlobten habe sie stark bedroht vergleiche AS 209-210). In der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht brachte der Beschwerdeführer zusammengefasst vor, er habe in Österreich eine Ehe mit einer schiitischen Frau geschlossen. Als er damals zu seinen Schwiegereltern gegangen sei, hätten sie gesagt, dass sie die Ehe erst bei einem Religionswechsel akzeptieren würden. Er sei in einer sunnitischen Familie zur Welt gekommen. Daher sei es gefährlich, zurückzukehren. Es sei für seine Familie nicht akzeptabel, dass er seine Religion gewechselt habe. Seine Mutter und sein Bruder hätten ihn bedroht und gesagt, dass er kein Moslem und kein Teil der Familie mehr sei, er sei ein Ungläubiger. Wenn er zurückkomme, würde ihn sein Bruder persönlich erschießen. Auch sei er bereits bei seiner Ausreise einmal verlobt gewesen. Das habe er nicht gewollt. Diese Verlobung sei bereits beendet. Seine Ex-Schwiegereltern seien sehr böse auf ihn, sie hätten nach ihm gesucht. Er wisse nicht, da er keinen Kontakt habe, ob es diesbezüglich Streit oder Probleme mit seiner Kernfamilie gegeben habe. Er habe seine Ex-Verlobte angerufen und ihr gesagt, dass er geheiratet habe und sie nun frei sei. Plötzlich habe ihr Bruder das Telefon genommen und ihn beschimpft und bedroht. Er werde sich an seiner Familie rächen. Danach sei er telefonisch noch ein oder zweimal von den Brüdern seiner Ex-Verlobten bedroht worden. Sein eigener Bruder habe seine heutige Ehefrau angerufen und sie verflucht und bedroht (vgl. S. 10-12 des Verhandlungsprotokolls).In der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht brachte der Beschwerdeführer zusammengefasst vor, er habe in Österreich eine Ehe mit einer schiitischen Frau geschlossen. Als er damals zu seinen Schwiegereltern gegangen sei, hätten sie gesagt, dass sie die Ehe erst bei einem Religionswechsel akzeptieren würden. Er sei in einer sunnitischen Familie zur Welt gekommen. Daher sei es gefährlich, zurückzukehren. Es sei für seine Familie nicht akzeptabel, dass er seine Religion gewechselt habe. Seine Mutter und sein Bruder hätten ihn bedroht und gesagt, dass er kein Moslem und kein Teil der Familie mehr sei, er sei ein Ungläubiger. Wenn er zurückkomme, würde ihn sein Bruder persönlich erschießen. Auch sei er bereits bei seiner Ausreise einmal verlobt gewesen. Das habe er nicht gewollt. Diese Verlobung sei bereits beendet. Seine Ex-Schwiegereltern seien sehr böse auf ihn, sie hätten nach ihm gesucht. Er wisse nicht, da er keinen Kontakt habe, ob es diesbezüglich Streit oder Probleme mit seiner Kernfamilie gegeben habe. Er habe seine Ex-Verlobte angerufen und ihr gesagt, dass er geheiratet habe und sie nun frei sei. Plötzlich habe ihr Bruder das Telefon genommen und ihn beschimpft und bedroht. Er werde sich an seiner Familie rächen. Danach sei er telefonisch noch ein oder zweimal von den Brüdern seiner Ex-Verlobten bedroht worden. Sein eigener Bruder habe seine heutige Ehefrau angerufen und sie verflucht und bedroht vergleiche S. 10-12 des Verhandlungsprotokolls). Auch wenn es das Bundesverwaltungsgericht wie festgestellt anders als die belangte Behörde durchaus für glaubhaft hält, dass der Beschwerdeführer in Österreich bzw. Italien XXXX nach islamischer Tradition geheiratet hat, konnte er die in Zusammenhang mit dieser Eheschließung vorgebrachten Befürchtungen für den Fall der Rückkehr nicht glaubhaft machen. Der Beschwerdeführer verstrickte sich in seinen Schilderungen in diverse Widersprüche und Ungereimtheiten. So ist zunächst darauf zu verweisen, dass er eine vermeintlich bereits bei seiner Ausreise bestehende frühere Verlobung im gesamten ersten Asylverfahren, in dem er in der Erstbefragung, in der behördlichen Einvernahme und in der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht jeweils zu sei

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