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Finanzgericht Berlin-Brandenburg 1. Senat 1 K 2014/06 Urteil Verrechnung von Steuererstattungsansprüchen mit Masseverbindlichkeiten im Fall der Freiga

Verrechnung von Steuererstattungsansprüchen mit Masseverbindlichkeiten im Fall der Freigabe eines Neugeschäftsbetriebs Orientierungssatz 1. Die Vorschrift des § 96 Abs. 1 Nr. 1

steht im Fall der "vorbehaltlosen" Freigabe eines Neugeschäftsbetriebs der Aufrechnung von nicht in die

lvenzmasse fallenden, aus dem Neugeschäftsbetrieb resultierenden Steuererstattungsansprüchen (hier: Umsatzsteuervergütungsansprüchen) mit Masseverbindlichkeiten (hier: Lohnsteuer) nicht entgegen (vgl. Urteil des FG Thüringen vom 10.04.2008 1 K 757/07; Urteil des Niedersächsischen FG vom 16.10.2009 16 K 250/09) (Rn.16) (Rn.19) (Rn.20) (Rn.22) . 2. Zur Abgrenzung zwischen der sog. "echten" Freigabe und der sog. "modifizierten" Freigabe (vgl. Literatur; Urteil des FG Rheinland-Pfalz vom 06.12.2006 1 K 1950/05) (Rn.18) (Rn.20) . Tenor Die Klage wird abgewiesen. Die Revision zum Bundesfinanzhof wird zugelassen. Die Kosten des Verfahrens werden dem Kläger auferlegt. Tatbestand Randnummer 1 Mit Beschluss des Amtsgerichts M vom 01.09.2000 (Az.: ...) wurde das

lvenzverfahren über das Vermögen des Klägers eröffnet. Mit Schreiben vom 12.11.2004 an den Kläger wies der

lvenzverwalter A darauf hin, der Kläger habe im Zuständigkeitsbereich des Finanzamts O nach der Eröffnung des

lvenzverfahrens am 05.08.2004 einen neuen Geschäftsbetrieb aufgenommen und sei selbstständig tätig. Zur Vermeidung von Masseverbindlichkeiten gemäß § 55

lvenzordnung -

- gebe er, der

lvenzverwalter, den Neugeschäftsbetrieb aus der

lvenzmasse vorbehaltlos frei. Von dieser Freigabe sei lediglich der Anspruch des Neuerwerbs ausgeschlossen, soweit es sich dabei um den Gewinn des Unternehmens nach Ertragsteuern handle. Randnummer 2 Der Beklagte verrechnete ein Umsatzsteuerguthaben des Klägers aus der Umsatzsteuer-Voranmeldung September 2005 vom 10.11.2005 in Höhe von 2 247,93 € mit

lvenzforderungen (Lohnsteuer November/Dezember 1999 und März 2000). Hierüber erging am 30.03.2006 ein Abrechnungsbescheid, in dem festgestellt wurde, dass der Erstattungsanspruch aus der Umsatzsteuer-Voranmeldung vom 10.11.2005 in Höhe von 1 988,94 € auf

lvenzforderung Lohnsteuer Dezember 1999, in Höhe von 0,31 € auf

lvenzforderung Lohnsteuer November 1999 und in Höhe von 258,78 € auf

lvenzforderung Lohnsteuer März 2000 umgebucht worden sei. Randnummer 3 Mit dem hiergegen gerichteten Einspruch machte der Kläger geltend, dass die Verrechnung von Vorsteuererstattungsansprüchen aus jüngerer Zeit gegen Altforderungen aus der Zeit vor Eröffnung des

lvenzverfahrens nach § 96 Abs. 1 Nr. 1

unzulässig sei. Zum Zeitpunkt der Eröffnung des

lvenzverfahrens im Jahr 2000 seien die zur Aufrechnung/Umbuchung gestellten Lohn- und Umsatzsteueransprüche des Klägers bereits entstanden gewesen. Die Vorsteuererstattungsansprüche seien dagegen erst weit nach der Eröffnung des

lvenzverfahrens entstanden. Es sei höchst streitig, ob - entgegen dem Wortlaut des § 96 Abs. 1 Nr. 1

- eine Spaltung des Schuldnervermögens in die

lvenzmasse einerseits und

lvenzfreies Vermögen andererseits mit jeweils anderen Rechtsfolgen vorgenommen werden könne. Die weitaus herrschende Meinung in Rechtsprechung und Literatur verneine dies bereits mit der Begründung, eine erst nach Verfahrenseröffnung entstehende Aufrechnungslage sei nicht schutzwürdig, da der aufrechnende Gläubiger bis zur Eröffnung des Verfahrens nur auf seine Quotenerwartung habe vertrauen dürfen und eine nachträgliche Aufwertung seiner

lvenzforderung in Widerspruch zu dem tragenden

lvenzrechtlichen Prinzip der Gläubigergleichbehandlung stehen würde. Es handle sich bei dem jetzigen Gewerbebetrieb des Klägers auch nicht um „neues“,

lvenzfreies Vermögen im Sinne des § 96 Abs. 1 Nr. 4

. Es sei ihm vom

lvenzverwalter lediglich gestattet worden, als Lebensgrundlage und um der Masse etwaige pfändbare Überschüsse zuführen zu können, das Gewerbe weiterhin zu betreiben. Eine Aufspaltung in zwei verschiedenen Vermögensmassen sei rein willkürlich und durch nichts gerechtfertigt. Randnummer 4 Der Beklagte wies den Einspruch mit Einspruchsentscheidung vom 13.10.2006 als unbegründet zurück, da der vom Kläger geltend gemachte Erstattungsanspruch durch Aufrechnung erloschen sei. Ein Aufrechnungsverbot habe nicht bestanden. Insbesondere könne § 96 Abs. 1 Nr. 1

nicht greifen, denn die dort angesprochenen Sachverhalte bezögen sich nicht auf

lvenzfreies Vermögen. Im Streitfall habe der

lvenzverwalter jedoch den Neugeschäftsbetrieb zum 12.11.2004 aus der

lvenzmasse freigegeben. Die Anwendung des § 96 Abs. 1 Nr. 1

setze voraus, dass der Anspruch bei

lvenzeröffnung bereits begründet sei, sodass die Forderung des Gemeinschuldners in die

lvenzmasse falle und allen Gläubigern zu Gute komme. Das Finanzamt könne daher ohne Weiteres Erstattungsansprüche, die zum

lvenzfreien Vermögen gehörten, mit vor

lvenzeröffnung entstandenen Steuerforderungen aufrechnen. Dieses Vorgehen widerspreche weder dem Zweck des

lvenzverfahrens noch benachteilige es andere Gläubiger. Im Gegenteil: Es komme allen Gläubigern zu Gute, weil eine mögliche Quote nun auf weniger Verbindlichkeiten Anwendung finde. Ebenso könne § 96 Abs. 1 Nr. 4

nicht greifen, denn das Finanzamt schulde nichts zur

lvenzmasse. Randnummer 5 Zur Begründung der Klage macht der Kläger weiterhin geltend, dass die Freigabe des „Neugeschäftsbetriebs“ lediglich zur Vermeidung von Masseverbindlichkeiten erfolgt sei. Ausdrücklich ausgeschlossen von der Freigabe sei der Anspruch des Neuerwerbs gewesen, soweit es sich um den Gewinn nach Ertragsteuern gehandelt habe. Dieser Gewinn sei - soweit die Pfändungsfreigrenze überschritten worden sei - dem

lvenzverwalter zum Zweck der gleichmäßigen Befriedigung der

lvenzgläubiger zuzuführen. Damit sei die Verrechnung neuer Steuerguthaben mit alten Steuerverbindlichkeiten nicht zulässig gewesen. Sie würde in krasser Weise dem Sinn und Zweck eines

lvenzverfahrens widersprechen, indem sie den Beklagten gegenüber anderen Gläubigern in nicht gerechtfertigter Weise bevorzugen würde. Randnummer 6 Der Kläger beantragt, den Abrechnungsbescheid zur Umsatzsteuer September 2005 vom 30.03.2006 unter Aufhebung der Einspruchsentscheidung vom 13.10.2006 dahingehend zu ändern, dass ein Auszahlungsanspruch zu seinen Gunsten in Höhe von 2 247,93 € festgestellt wird. Randnummer 7 Der Beklagte beantragt, die Klage abzuweisen. Randnummer 8 Er verweist darauf, dass der Vortrag des Klägers nicht geeignet sei, die Richtigkeit des Abrechnungsbescheids in Frage zu stellen und hält an der bereits in der Einspruchsentscheidung vertretenen Rechtsauffassung fest. Randnummer 9 Der Hinweis, dass die Freigabe des Neugeschäftsbetriebs nur zur Vermeidung von Masseverbindlichkeiten erfolgt sei, führe zu keiner anderen Beurteilung. Immerhin werde in dem Schreiben vom 12.11.2004 ausgeführt, dass der Neugeschäftsbetrieb vorbehaltlos freigegeben werde. Der nachfolgende Absatz vermöge daher lediglich interne Beziehungen zwischen

lvenzverwalter und

lvenzschuldner zu regeln. Im vorliegenden Fall sei außerdem mit einem Umsatzsteuerüberschuss (Umsatzsteuer = Verkehrsteuer) verrechnet worden, welcher mit einem Gewinn nach Ertragsteuern nichts gemein habe. Randnummer 10 Dem Gericht hat bei seiner Entscheidung ein Band der vom Beklagten geführten Rechtsbehelfsakten zur Steuernummer … vorgelegen. Entscheidungsgründe Randnummer 11 Die Klage ist unbegründet. Der angefochtene Abrechnungsbescheid vom 30.03.2006 ist rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten, da der Beklagte zutreffend davon ausgegangen ist, dass der Erstattungsanspruch des Klägers aus der Umsatzsteuer September 2005 durch wirksame Aufrechnung erloschen ist (§ 100 Abs. 1 Satz 1 Finanzgerichtsordnung -FGO-). Randnummer 12 Gemäß § 226 Abgabenordnung -AO- gelten für die Aufrechnung mit Ansprüchen aus dem Steuerschuldverhältnis sowie für die Aufrechnung gegen diese Ansprüche die Vorschriften des bürgerlichen Rechts sinngemäß, soweit nichts anderes bestimmt ist. Die Aufrechnung bestimmt sich mithin nach §§ 387 ff. Bürgerliches Gesetzbuch -BGB- sowie für den Fall des

lvenzverfahrens nach den §§ 94 bis 96

. Randnummer 13 Nach § 387 BGB kann der Schuldner seine Forderung gegen die Forderung des anderen Teiles aufrechnen, sobald er die ihm gebührende Leistung fordern und die ihm obliegende Leistung bewirken kann, sofern die gegenseitigen Forderungen auf Leistungen gerichtet sind, die ihrem Gegenstand nach gleichartig sind. Eine Aufrechnung von Ansprüchen aus dem Steuerschuldverhältnis setzt daher voraus, dass die Forderung des Aufrechnenden, mit der aufgerechnet werden soll (sog. „Gegenforderung“), entstanden und auch fällig ist. Eine wirksame Aufrechnung setzt ferner voraus, dass die Forderung des Aufrechnungsgegners, gegen die aufgerechnet werden soll (sog. „Hauptforderung“), bereits entstanden und schon erfüllbar ist. Die Hauptforderung muss aber noch nicht fällig sein (vgl. BFH-Urteil vom 13.01.2000 VII R 91/98, BStBl II 2000, 246). Randnummer 14 Der Beklagte hat unstreitig nach Eröffnung des

lvenzverfahrens die Aufrechnung gegenüber dem Kläger erklärt. Die Voraussetzungen für eine Aufrechnung nach § 387 BGB (Gleichartigkeit und Gegenseitigkeit) lagen vor. Randnummer 15 Es bestand auch kein Aufrechnungsverbot. Randnummer 16 Die Aufrechnung ist im Streitfall nicht gemäß § 96 Abs. 1 Nr. 1

unzulässig. Nach dieser Vorschrift ist die Aufrechnung unzulässig, wenn ein

lvenzgläubiger erst nach der Eröffnung des

lvenzverfahrens etwas zur

lvenzmasse schuldig geworden ist. Im Streitfall würde dies voraussetzen, dass es sich bei dem Erstattungsanspruch des Klägers aus der Umsatzsteuer-Voranmeldung September 2005 um einen Anspruch handelt, der gemäß § 35

in der bis zum 30.06.2007 geltenden Fassung -a.F.- von der

lvenzmasse umfasst wird. Zur

lvenzmasse gehört nach § 35

a.F. das gesamte Vermögen, das dem Schuldner zur Zeit der Eröffnung des

lvenzverfahrens gehört und das er während des Verfahrens erlangt. Ein etwaiger Neuerwerb des Schuldners ist daher grundsätzlich in die

lvenzmasse einbezogen, was insbesondere bei selbstständig Tätigen - wie vorliegend dem Kläger - zu Schwierigkeiten führt, weil zunächst sämtliche Einkünfte ohne Abzug für betriebliche Aufwendungen oder persönlichen Bedarf als Neuerwerb Teil der Masse werden (vgl. Lüdtke in Schmidt: Hamburger Kommentar zum

lvenzrecht, 2. Auflage 2007, § 35 Rdnr. 58 m.w.N.). Auch eine nach der Eröffnung des

lvenzverfahrens vom Schuldner erworbene Forderung gehört mithin zur

lvenzmasse. Das gilt insbesondere auch für Steuererstattungs- und Steuervergütungsansprüche, bei denen gemäß § 46 Abs. 1 AO der Vorbehalt des § 36 Abs. 1

von vornherein nicht eingreifen kann (BFH-Urteil vom 15.12.2009 VII R 18/09, BFH/NV 2010, 1044). Randnummer 17 Der

lvenzverwalter ist jedoch berechtigt, bestimmte Massegegenstände freizugeben. Nach § 35 Abs. 2

in der ab 01.07.2007 geltenden Fassung (Art. 6 des Gesetzes zur Vereinfachung des

lvenzrechts, BGBl I 2007, 509) hat der

lvenzverwalter, wenn der Schuldner eine selbstständige Tätigkeit ausübt oder beabsichtigt, demnächst eine solche Tätigkeit auszuüben, gegenüber dem Schuldner zu erklären, ob Vermögen aus dieser selbstständigen Tätigkeit zur

lvenzmasse gehören soll und ob Ansprüche aus dieser Tätigkeit im

lvenzverfahren geltend gemacht werden können. Gibt der

lvenzverwalter nicht die Erklärung ab, dass Vermögen aus jener Tätigkeit des Schuldners nicht zur

lvenzmasse gehören soll (sog. Freigabe), das betreffende Vermögen also vom

lvenzbeschlag frei sein soll, fallen die vom Schuldner durch die betreffende Tätigkeit neu erworbenen Forderungen in die

lvenzmasse. § 96 Abs. 1 Nr. 1

steht dann einer Aufrechnung mit den vorinsolvenzlichen Schulden des

lvenzschuldners entgegen. Randnummer 18 Hiervon ausgehend hat der BFH mit Urteil vom 15.12.2009 (VII R 18/09, BFH/NV 2010, 1044) entschieden, dass ein vom Schuldner während des

lvenzverfahrens im Zusammenhang mit einer freiberuflichen Tätigkeit erlangter Umsatzsteuervergütungsanspruch in die

lvenzmasse fällt, wenn er nicht vom

lvenzverwalter freigegeben worden ist. Zwar war in dem vom BFH zu entscheidenden Fall - wie auch vorliegend - § 35 Abs. 2

noch nicht anzuwenden, weil er erst ab dem 01.07.2007 gilt (Art. 6 des Gesetzes zur Vereinfachung des

lvenzverfahrens, BGBl I 2007, 509). Der BFH hat jedoch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass auch das bis dahin geltende

lvenzrecht das (im Wesentlichen richterrechtlich entwickelte) Institut der Freigabe kannte (vgl. BGH-Urteil vom 01.02.2007 IX ZR 178/05, HFR 2008, 77). Die sog. „echte“ Freigabe entlässt einen Massegegenstand aus dem Haftungsverbund und gibt dem Schuldner die Verfügungsbefugnis zurück. Sie hat konstitutive Wirkung. Ihr Zweck ist die Befreiung der Masse von Masseverbindlichkeiten gemäß § 55

, die der Gegenstand verursacht. Eine echte Freigabe wird angenommen, wenn ein Vermögensgegenstand entweder keinen Vermögenswert repräsentiert oder wenn die Kosten der Verwaltung und Verwertung den voraussichtlichen Verwertungserlös übersteigen werden (Andres/Leithaus, 1. Auflage 2006,

§ 35Rz.

8; Uhlenbrock, 12. Auflage 2003,

§ 35Rz.

23 m.w.N.). Daneben gibt es auch eine modifizierte Freigabe, die mit der Vereinbarung verbunden ist, dass der Schuldner die Erlöse aus dem freigegebenen Gegenstand an die Masse abführen muss (vgl. Lüdtke in Schmidt: Hamburger Kommentar zum

lvenzrecht, 2. Auflage 2007, § 35 Rdnr. 60 und 62 m.w.N.). Randnummer 19 Im Streitfall ist eine Freigabe des „Neugeschäftsbetriebs“ durch den

lvenzverwalter erfolgt. Die Freigabe eines zur Masse gehörenden bzw. künftig in diese fallenden Vermögensgegenstandes und dessen Überführung in das

lvenzfreie Vermögen des Schuldners setzt eine Willenserklärung des

lvenzverwalters voraus, aus welcher sich unmissverständlich dessen Wille zu einem dauernden Verzicht auf die Massezugehörigkeit ergibt (BFH-Urteil vom 15.12.2009 VII R 18/09, BFH/NV 2010, 1044 unter Hinweis auf das BGH-Urteil vom 07.12.2006 IX ZR 161/04, NJW-RR Zivilrecht 2007, 845). Die Freigabe ist nur dann unwirksam, wenn sie offensichtlich dem

lvenzzweck, eine gleichmäßige Befriedigung aller Gläubiger herbeizuführen, zuwiderläuft und wenn dies unter allen in Betracht kommenden Gesichtspunkten für einen verständigen Menschen offensichtlich ist (Graf-Schlicker/Kexel, 2. Auflage 2010,

§ 35Rz.

19 m.w.N.). Vorliegend ist durch das Schreiben des

lvenzverwalters vom 12.11.2004 an den Kläger ausdrücklich eine vorbehaltlose Freigabe des Neugeschäftsbetriebs erfolgt. Von der Freigabe ausgeschlossen wurde lediglich der Anspruch des Neuerwerbs, „soweit es sich um den Gewinn Ihres Unternehmens nach Ertragsteuern handelt“. Diese Einschränkung lässt sich nach Auffassung des Senats nur dahingehend verstehen, dass in die

lvenzmasse nur das fallen sollte, was - nach Abzug aller Steuern einschließlich der Umsatzsteuer - an Gewinn verbleibt. Der Gewinn war auch nur

weit abzuführen, als es sich um pfändbare Beträge gehandelt hat. Dies ergibt sich insbesondere aus dem in der mündlichen Verhandlung vorgelegten Schreiben der Rechtsanwälte A & Sozien vom 15.10.2009, mit welchem dem Kläger eine aktualisierte Einkommensübersicht übersandt worden war. Randnummer 20 Durchgreifende Bedenken gegen die Wirksamkeit der Freigabe ergeben sich für Senat nicht. Zwar könnte sich vorliegend die Frage stellen, ob tatsächlich eine „echte“ Freigabe mit der Folge vorlag, dass der Neubetrieb insgesamt aus dem

lvenzbeschlag gelöst wurde, da die Freigabeerklärung

weit beschränkt war, als der Neuerwerb, soweit es sich um den Gewinn des Unternehmens nach Ertragsteuern handelte, nicht von der Freigabe umfasst sein sollte, und damit der

lvenzmasse der wirtschaftliche Wert des „Gegenstandes“ gewissermaßen erhalten bleiben sollte (vgl. zur Unterscheidung zwischen „echter“ und „modifizierter“ Freigabe auch das Urteil des FG Rheinland-Pfalz vom 06.12.2006 1 K 1950/05, EFG 2007, 328). Gegen eine solche Auslegung spricht jedoch die ausdrücklich „vorbehaltlose“ Freigabe durch den

lvenzverwalter. Die Abführungsverpflichtung hinsichtlich des Gewinns nach Ertragsteuern stellt demgegenüber im Interesse der Altgläubiger lediglich sicher, dass dem

lvenzschuldner aus seiner neuen Tätigkeit im Ergebnis nur das verbleiben soll, was nicht von den Pfändungsschutzbestimmungen erfasst wird. Randnummer 21 Die Einkünfte, die ein selbstständig tätiger Schuldner nach der

lvenzeröffnung erzielt, gehören gemäß § 35

als Neuerwerb zwar in vollem Umfang ohne Abzug beruflich bedingter Ausgaben zur

lvenzmasse, andererseits besteht jedoch die Gefahr, dass die Masse mit den damit zusammenhängenden Verbindlichkeiten belastet wird. Falls der

lvenzverwalter von der Freigabe keinen Gebrauch macht und die Fortführung der gewerblichen Tätigkeit durch den

lvenzschuldner duldet, werden die durch den Neuerwerb begründeten Verbindlichkeiten zu Masseverbindlichkeiten, da

weit eine Verwaltungshandlung nach § 55 Nr. 1

vorliegt. Dabei setzt sich der

lvenzverwalter dem Haftungsrisiko des § 60

aus, da der Erhalt der Masse vor dem Zugriff der Neugläubiger und die berechtigten Interessen der „Altgläubiger“ gefährdet sind. Das berechtigte Interesse der Gläubiger, aus der Masse eine Befriedigung ihrer Ansprüche zu erhalten und deshalb möglichst die Entstehung von Verbindlichkeiten zu vermeiden, die das zur Verteilung zur Verfügung stehende Vermögen schmälern, hat jedoch im Rahmen der

lvenzrechtlichen Abwicklung unbedingten Vorrang (siehe hierzu Urteil des FG München vom 29.05.2008 14 K 3613/06, EFG 2008, 1484, Revision anhängig XI R 30/08). Auch im Streitfall würde daher die Gefahr bestanden haben, dass die aus der weiteren selbstständigen Tätigkeit des Klägers begründeten Verbindlichkeiten die

lvenzmasse verpflichten und belasten. Es gibt auch keine Anhaltspunkte dafür, dass der

lvenzverwalter der Masse mit der Freigabe des „Neugeschäftsbetriebs“ etwaige Vermögensgegenstände oder Betriebsmittel entzogen hätte. Vielmehr deutet zunächst bereits die Verwendung des Begriffs „Neugeschäftsbetrieb“ in der Freigabeerklärung darauf hin, dass nicht die Vermögensgegenstände des alten Betriebs freigegeben wurden. Der Prozessbevollmächtigte des Klägers hat hierzu im Rahmen der mündlichen Verhandlung auch ausgeführt, dass seines Wissens sämtliche Vermögensgegenstände (Fahrzeuge, Baumaschinen) des alten Geschäftsbetriebs des Klägers im Rahmen des

lvenzverfahrens verwertet worden seien. Er hat ferner klargestellt, dass der Kläger selbst keine eigenen Bauleistungen mehr ausführe, sondern sich eher auf dem Geschäftsfeld der Vermittlung bzw. Leitung von Baumaßnahmen betätige, wofür außerdem der Umstand spricht, dass das Unternehmen in der Gewerbeanmeldung nunmehr nicht mehr mit „Holz- und Bautenschutz“, sondern mit „Vermittlung von Baudienstleistungen, Erstellung von Angeboten“ bezeichnet ist, mithin die Nutzung der Vermögensgegenstände des alten Betriebs entbehrlich ist. Randnummer 22 Dem Kläger ist zuzugestehen, dass durch die Aufrechnung des Beklagten gegen seinen Umsatzsteuervergütungsanspruch der Masse auch etwas entzogen wird, weil diese - indirekt über den dadurch verringerten Gewinn nach Ertragsteuern - ggf. nur über einen entsprechend geringeren Neuerwerb verfügen kann. Andererseits hat der Beklagte zutreffend darauf hingewiesen, dass durch den Wegfall der Altforderungen des Finanzamts ggf. auch wieder mehr Verteilungsmasse für die übrigen Gläubiger verbleibt. Durch die Freigabe sollten außerdem ersichtlich etwaige Umsatzsteuerschulden des Klägers aus dem Neugeschäftsbetrieb nicht die Masse belasten. Dies spricht dafür, dass auch etwaige Umsatzsteuervergütungsansprüche nicht unmittelbar der Masse zu Gute kommen können. Wenn diese aber nicht in die

lvenzmasse fallen, steht die Vorschrift des § 96 Abs. 1 Nr. 1

der Aufrechnung nicht entgegen (vgl. hierzu auch FG Thüringen, Urteil vom 10.04.2008 1 K 757/07, EFG 2008, 1485, Revision beim BFH anhängig: VII R 35/08; und Niedersächsisches FG, Urteil vom 16.10.2009 16 K 250/09, EFG 2010, 311; in beiden Entscheidungen wurde die Aufrechnung von Umsatzsteuererstattungsansprüchen des Neuunternehmens des sich in der Wohlverhaltensphase befindlichen

lvenzschuldners mit Umsatzsteuerschulden des

lventen Altunternehmens bejaht). Randnummer 23 In diese Richtung weist auch die neuere Rechtsprechung des BFH, nach der Umsatzsteuerschulden, die daraus resultieren, dass der Schuldner während des

lvenzverfahrens eine neue Erwerbstätigkeit aufnimmt, indem er durch seine Arbeit und mit Hilfe von nach § 811 Nr. 5 ZPO unpfändbaren Gegenständen steuerpflichtige Leistungen erbringt, nicht nach § 55 Abs. 1 Nr. 1

zu den Masseschulden zählen (BFH-Urteil vom 07.04.2005 V R 5/04, BStBl II 2005, 848). Im Gegenzug dürften aber auch Umsatzsteuervergütungsansprüche aus dem Neugeschäftsbetrieb - und sei es mittelbar durch eine Abführungsverpflichtung hinsichtlich des pfändbaren Teils des Gewinns - nicht der Masse zu Gute kommen. Allerdings konnte der BFH mit Urteil vom 15.12.2009 (VII R 18/09, BFH/NV 2010, 1044) in einem Fall, in dem keine Freigabe erfolgt war, die Frage, ob Steuererstattungsansprüche, die der Schuldner aus einer ohne Nutzung oder Verwertung zur

lvenzmasse gehörender Vermögensgegenstände betriebenen Tätigkeit erworben hat, vom Finanzamt mit Masseverbindlichkeiten verrechnet werden könnten, ausdrücklich unerörtert lassen, da das Finanzamt in dem zu entscheidenden Fall eine solche Verrechnung nicht vorgenommen hatte. Randnummer 24 Die Revision ist gemäß § 115 Abs. 2 Nr. 1 FGO zugelassen worden, da das Gericht der Frage der Verrechnung von Steuererstattungsansprüchen mit Masseverbindlichkeiten im Fall der Freigabe eines Neugeschäftsbetriebs grundsätzliche Bedeutung beimisst. Randnummer 25 Die Kostenentscheidung beruht auf § 135 Abs. 1 FGO. Permalink Diesen Link können Sie kopieren und verwenden, wenn Sie genau dieses Dokument verlinken möchten: https://gesetze.berlin.de/perma?d=NJRE001007337

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