(1284); LSG Berlin-Brandenburg, Urt. vom 07.04.2022, L 28 KR 104/19, Rn. 41, BeckRS 2022, 11361; ebenso für den pflichtengebundenen Geschäftsführer: F.Schäfer, in Münchener Kommentar zum BGB 9. Aufl. 2023, Rn. 174). Randnummer 62 Dies war zur Überzeugung der Kammer im vorliegenden Fall erfüllt: Einschlägig ist im vorliegenden Fall die Frage eines Verdachts auf das Vorliegen einer BK nach der Ziffer 3101 der Anlage 1 zur Berufskrankheitenverordnung (BKV; im Folgenden: BK 3101). Hierzu gehören „Infektionskrankheiten, wenn der Versicherte im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war“. Voraussetzung für die Feststellung einer Listen-BK ist nach ständiger Rechtsprechung des BSG, dass die Verrichtung einer grundsätzlich versicherten Tätigkeit (sachlicher Zusammenhang) zu Einwirkungen von Belastungen, Schadstoffen oder ähnlichem auf den Körper geführt hat (Einwirkungskausalität) und diese Einwirkungen eine Krankheit verursacht haben (haftungsbegründende Kausalität). Eine Besonderheit der BK 3101 ist, dass die nachzuweisenden „Einwirkungen“ nicht notwendig in einer konkreten Übertragung von Erregern besteht, sondern in der besonderen, erhöhten Infektionsgefahr, die anhand der Durchseuchung des beruflichen Umfelds und der Übertragungsgefahr in Bezug auf die versicherte Tätigkeit zu beurteilen ist (vgl. BSG, Urt. v. 22. Juni 2023, Az. B 2 U 9/21 R; BSG, Urt. v. 2. April 2019, Az. B 2 U 30/07 R). Randnummer 63 Bei der Auslegung des Begriffs der Krankheit folgt das Gericht der Rechtsprechung des BSG vom 27. Juni 2017, wonach bei der BK 3101 dem Diagnosebegriff der Bedeutungs- und Sinngehalt des aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes zukommt. Das Recht knüpft an den medizinischen Diagnosebegriff und die hierzu entwickelten Kriterien an, die nach der überwiegenden Mehrheit der Fachmediziner vertreten werden (vgl. BSG, Urt. v. 27. Juni 2017, Az. B 2 U 17/15 R). In dem hier maßgeblichen Jahr 2020 gab es noch keine Leitlinie – unabhängig vom Evidenzgrad – der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) für COVID-19. Die damalige Falldefinition des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom 23. Dezember 2020 sah im Hinblick auf die Diagnosestellung drei Punkte vor (vgl. Falldefinition des RKI COVID-19 2 Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/C/COVID-19/Falldefinition.pdf?__blob=publicationFile&v=1 (Abrufdatum: 11. März 2025). Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/C/COVID-19/Falldefinition.pdf?__blob=publicationFile&v=1 (Abrufdatum: 11. März 2025). ): Randnummer 64 - Als klinisches Bild mindestens eines der folgenden drei Kriterien: Akute respiratorische Symptome jeder Schwere, neu aufgetretener Geruchs- oder Geschmacksverlust sowie krankheitsbedingter Tod. Randnummer 65 - Als labordiagnostischer Nachweis: Positiver Befund mindestens einer der drei folgenden Methoden: direkter Erregernachweis (Antigennachweis einschließlich Schnelltest), Erregerisolierung (kulturell), Nukleinsäure-Nachweis (zB PCR). Randnummer 66 - Als epidemiologische Bestätigung, definiert als Nachweis unter Berücksichtigung der Inkubationszeit: Epidemiologischer Zusammenhang mit einer labordiagnostisch nachgewiesenen Infektion bei Mensch-zu-Mensch-Übertragung – Inkubationszeit maximal 14 Tage. Randnummer 67 Im Jahr 2023 hat das RKI neuere Erkenntnisse über Erkennung, Diagnostik und Therapie der Corona-Infektion bekannt gemacht. Danach ist die SARS-CoV-2-Infektion in vier klinische Klassifikationen zu unterteilen: Randnummer 68 Quelle: RKI, Hinweise zu Erkennung, Diagnostik und Therapie von Patienten mit COVID-19, Stand: 08. Februar 2023, S. 4 f. 3 Abrufbar unter https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/6511.26/Diagnose-und-Therapie-Hiweise_Covid-19_STAKOB_U24_FINAL_ONLINESTELLUNG_clean_20230208.pdf;jsessionid=D148B1C616E3336F0A8EEDF4311CD81E?sequence=12, (Abrufdatum: 11. März 2025). Abrufbar unter https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/6511.26/Diagnose-und-Therapie-Hiweise_Covid-19_STAKOB_U24_FINAL_ONLINESTELLUNG_clean_20230208.pdf;jsessionid=D148B1C616E3336F0A8EEDF4311CD81E?sequence=12, (Abrufdatum: 11. März 2025). Randnummer 69 Danach ist die Diagnose von COVID-19 auch bei Fehlen klinischer Symptome denkbar, während hierfür nach den Ende 2020 bestehenden Erkenntnissen eine klinische Erscheinung vorausgesetzt wurde. Da für den Fall der Feststellung einer BK auf den aktuellen medizinischen Erkenntnisstand abzustellen ist, legt das Gericht den beschriebenen jüngeren Erkenntnisstand zugrunde. Eine Infektion mit COVID-19 ist demnach diagnostisch nicht deshalb ausgeschlossen, weil klinische Symptome nicht feststellbar sind. Im vorliegenden Fall war aber keine Entscheidung im BK-Feststellungsverfahren zu überprüfen, sondern das Bestehen eines BK-Verdachts im Einzelfall. Die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts zum funktionellen Krankheitsbegriff steht dazu nicht im Widerspruch. Die Entscheidungen des BSG (BSG Urt. v. 27. Juni 2017, Az. B 2 U 17/15 R; BSG Urt. v. 30. März 2023, Az. B 2 U 2/21 R) sind zur Frage der Feststellung einer BK ergangen. Die Maßstäbe sind unterschiedlich. Das BSG hat ausdrücklich entschieden, dass auch ein Krankheitsverdacht bereits bei Wahrscheinlichkeit einer ernsten, später nicht oder viel schlechter beherrschbaren Erkrankung die Einstandspflicht des Unfallversicherungsträgers für Heilbehandlungsmaßnahmen begründet (BSG, Urt. v. 24. Juli 1985, Az. 9b RU 36/83). Ein durch außergewöhnliche Umstände begründeter Gefahrenzustand eines Versicherten ist nach dieser Rechtsprechung der Erkrankung gleichzusetzen. Ausreichend ist im Fall einer tödlichen Erkrankung bereits der Kontakt zum Infektionsträger, selbst wenn nicht aufklärbar ist, ob bereits ein regelwidriger Körperzustand eingetreten ist (vgl. BSG Urt. v. 27. Juli 1985, Az. 9b RU 36/83). Nach Maßgabe dessen ist der Verdacht auf einen Eintritt einer Krankheit und damit einer BK nicht bereits erst dann begründet, wenn Symptome der Erkrankung zu sichern waren. Ob der Verdacht einer BK besteht, richtet sich danach, ob aus einer ex-ante-Sicht Anhaltspunkte für eine berufliche Verursachung bestehen. Gewissheit ist ebenso wenig erforderlich wie eine länger als dreitätige Arbeitsunfähigkeit. Ob Anhaltspunkte bestehen, richtet sich nach den konkreten Umständen des Einzelfalles (vgl. Köhler in Becker/Franke/Molkentin/Hedermann, § 193 SGB VII, Rn. 7). Da die Zwecksetzung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) der Zwecksetzung des § 1 SGB VII ähnlich ist, kann je nach in Rede stehender Erkrankung (symptomhaft oder symptomlos) ein Verdacht auf eine BK sowohl bei dem Krankheitsverdächtigen iSd § 2 Abs. 1 Nr. 5 IfSG als auch beim Ansteckungsverdächtigen iSd § 2 Abs. 1 Nr. 7 IfSG begründet sein. Das Gericht zieht die hierzu entwickelten Kriterien auch für die Auslegung des SGB VII heran. Erforderlich aber auch ausreichend ist danach, dass die Annahme, dass der Betroffene Krankheitserreger aufgenommen hat, naheliegt und wahrscheinlicher ist als das Gegenteil (vgl. Gabriele in BeckOK InfSchR, § 2 Rn 37) und ein gravierender Schaden droht. Ein einheitlicher Maßstab für die hinreichende Wahrscheinlichkeit einer Ansteckungsgefahr besteht nicht. Entsprechend der Auslegung im allgemeinen Sicherheitsrecht ist an die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts eine umso geringere Anforderung zu stellen, je größer und folgenschwerer der möglicherweise eintretende Schaden ist (Je-desto-Formel, vgl BVerwG, Urt. v. 22. März 2012, Az. 3 C 16/11). Hierfür sprechen das sowohl im SGB VII (§§ 1, 14) wie im IfSG (§§ 1 Abs. 1, 28) verankerte Ziel einer effektiven Gefahrenabwehr sowie der Umstand, dass die betroffenen Krankheiten je nach Ansteckungsrisiko und ihren Auswirkungen auf die Gesundheit unterschiedlich gefährlich sind (vgl. Nds OVG, Beschl. v. 5. Juni 2020, Az. 13 MN 195/20). Vor diesem Hintergrund genügt bei hochansteckenden und mit großer Wahrscheinlichkeit tödlichen Erregern im Hinblick auf einen infektionsrelevanten Kontakt eine geringere Wahrscheinlichkeit. Dieser Maßstab ist auf das SGB VII übertragbar, weil anderenfalls die Zwecksetzung des § 1 SGB VII nicht effektiv erreichbar ist. Wenn sowohl berufliche als auch außerberufliche Verrichtungen als Ansteckungsquelle in Betracht kommen, von denen aber nur eine allein die Krankheit ausgelöst haben kann, muss entschieden werden, ob sich mit hinreichender Wahrscheinlichkeit eine der unter Versicherungsschutz stehenden Handlungen als Krankheitsursache identifizieren lässt. Die hinreichende Wahrscheinlichkeit dafür setzt voraus, dass der Möglichkeit einer beruflichen Verursachung nach sachgerechter Abwägung aller wesentlichen Umstände gegenüber den anderen in Frage kommenden Möglichkeiten ein deutliches Übergewicht zukommt, so dass hierauf eine richterliche Überzeugung gestützt werden kann (vgl BSG, Urt. v. 21. März 2006, Az. B 2 U 19/05 R). Randnummer 70 Die Corona-Pandemie traf im Jahr 2020 auf eine Gesellschaft, die eine derartige Konfrontation mit einer dynamischen Erkrankungsentwicklung nicht kannte. Zunächst waren die Übertragungswege des Virus unklar. Die Lage war sehr dynamisch und bedrohlich. Die Bilder aus Eskalationsregionen etwa in Italien, wo in Bergamo innerhalb der ersten 2 Monate 6.000 Menschen verstarben, Leichen vom Militär nachts und auf Lkw zu Krematorien verbracht wurden, die mit der Verbrennung der Leichen nicht nachkamen (vgl. Der Spiegel 12/2025, Seite 80f.: „Niemand sollte mitbekommen, wie groß die Pandemie wirklich war“), vermittelten ein Gefährdungsbild, das bis zur Zulassung der ersten Impfstoffe (Dez. 2020) sein Bedrohungspotential nicht verloren hatte. Antivirale medikamentöse Therapieoptionen für die Behandlung von COVID-19 sind erst im Laufe des Jahres 2022 in breiterem Spektrum zugelassen worden 4 Vgl. www.vfa.de/de/forschung-entwicklung/coronavirus/zugelassene-zur-zulassung-eingereichtemedikamente-covid-19 (Abrufdatum 26. März 2025). Vgl. www.vfa.de/de/forschung-entwicklung/coronavirus/zugelassene-zur-zulassung-eingereichtemedikamente-covid-19 (Abrufdatum 26. März 2025). . Nach den Feststellungen des Statistischen Bundesamtes verstarben die ersten zwei Patienten im Februar 2020 an COVID-19; bis Ende 2020 waren es 30.136 Menschen. In weiteren 6.155 Fällen war COVID-19 zwar nicht todesursächlich, aber Begleiterkrankung (Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes Nr. 327 5 www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/PD21_327_23211.html (Abrufdatum 26. März 2025). www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/PD21_327_23211.html (Abrufdatum 26. März 2025). ). Im Zeitraum März 2020 bis Februar 2021 kam es zu einer Übersterblichkeit von 71.000 Menschen, die maßgeblich durch die Pandemie beeinflusst war; rund 176.000 Patienten mussten mit oder wegen Covid im Krankenhaus behandelt werden, davon 36.900 in intensivmedizinischer Betreuung (Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes Nr. 563) 6 www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/12/PD21_563_12.html (Abrufdatum 26. März 2025. www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/12/PD21_563_12.html (Abrufdatum 26. März 2025. . Während nach der ersten Corona Welle (April 2020) lag die Zahl der Verstorbenen 10% über dem mittleren Wert der Vorjahre, zur der zweiten Corona Welle (Dez. 2020) 32% über dem mittleren Wert der Vorjahre (Auswertung der unterjährigen Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamtes seit 2020 7 https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/sterbefallzahlen.html#589280 (Abrufdatum 26. März 2025). https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/sterbefallzahlen.html#589280 (Abrufdatum 26. März 2025). ). Randnummer 71 Unter Berücksichtigung der im Jahr 2020 bestehenden besonderen Umstände bewertet die Kammer die Infektionsgefahr in der Allgemeinheit zum damaligen Stand der Pandemie als deutlich geringer als im Rahmen der in den Kliniken der Klägerin versicherten Tätigkeiten (so ausdrücklich das BSG, Urt. v. 30. März 2023, Az. B 2 U 2/21 R für den Zeitpunkt Anfang Januar 2021, weshalb diese Einschätzung erst recht für das vorliegend maßgebliche Jahr 2020 Geltung beanspruchen kann). Vor diesem Hintergrund und weil nach der Rechtsprechung des BSG das Tatbestandsmerkmal der Einwirkung durch die „besondere Infektionsgefahr“ ersetzt wird (vgl. BSG, Urt. v. 2. April 2009, Az. B 2 U 30/07 R und B 2 U 7/08 R; BSG, Urt. v. 30. März 2023, Az. B 2 U 2/21 R; BSG, Urt. v. 22. Juni 2023, Az. B 2 U 9/21 R; vgl. auch SG München, Urt. v. 21. Januar 2025, Az. S 33 U 109/24), erachtet die Kammer für die Frage eines bestehenden BK-Verdachts den Nachweis eines Kontaktes mit einer Indexperson nicht als zwingend notwendig. Randnummer 72 Soweit ein hinreichender Verdacht für das Vorliegen einer BK 3101 bejaht wird, fällt der erste Test und, soweit plausibel, auch der Wiederholungstest in die Zuständigkeit der Beklagten, den Verdacht aufzuklären. Die weltweit eingesetzten PCR-Tests waren selbst unter Laborbedingungen nicht gleichermaßen zuverlässig. Die Performance zeigte sich abhängig von dem viralen Target und dem Verdünnungsgrad der Proben unterschiedlich ausgeprägt (vgl Schlenger , PCR-Tests auf Sars-Cov-2: Ergebnisse richtig interpretieren, Deutsches Ärzteblatt 2020; 117 [24: A-1194/B-1010]). Ein systematischer Review ergab in 5 Einzelstudien falsch-negative Testergebnisse zwischen 2 und 29 Prozent. Aufgrund der niedrigen Sensitivität und moderaten Spezifität ist daraus gefolgert worden, dass positive PCR-Tests mehr Gewicht als ein negatives Resultat haben. Die Studie kam aber auch zu dem Ergebnis, dass man sich bei einem Patienten mit verdächtigen Symptomen nie auf ein einziges negatives Testergebnis verlassen dürfe, da in dieser Gruppe bis zu 54 Prozent der Covid-19 Patienten ein anfänglich falsch-negatives RT-PCR-Testergebnis hatten (Arevalo-Rodriguez et al.: False-Negative Results of initial RT PCR Assays for Covid-19: A Systematic Review 8 Abrufbar unter https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.16.20066787v2.full.pdf, (Abrufdatum: 11. März 2025). Abrufbar unter https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.16.20066787v2.full.pdf, (Abrufdatum: 11. März 2025). ). Hieraus ist gefolgert worden, dass für die Beurteilung der tatsächlichen Erkrankungswahrscheinlichkeit Ärzte die Vortestwahrscheinlichkeit einzubeziehen haben. Hierbei ist einzustellen, ob die betroffene Person Kontakt mit Infizierten hatten, ob sie aus einem Risikoumfeld kommt und Alter, Symptom und Befund mit COVID-19 vereinbar sind (vgl Schlenger, a.a.O.). Randnummer 73 Bereits vor diesem Hintergrund kann die Ansicht der Beklagten nicht verfangen, dass ausschließlich die positiven Tests zu vergüten seien und die Rechnungen um die negativen Tests zu kürzen seien. Auch sind die Kosten für die weiteren Testungen von der Beklagten zu übernehmen, soweit in Anknüpfung an die zur Überzeugung des Gerichts letztmögliche – mit Klagebegründung vorgetragene – Exposition innerhalb der maximalen Inkubationszeit von 14 Tagen sie auch zur Feststellung des Verdachts einer BK 3101 notwendig und im Hinblick auf die konkreten Umstände des Einzelfalles plausibel sind. Wenn die Testung aufgrund von Symptomen erfolgte, war der Verdacht auch unter Berücksichtigung der Definition symptomhaft zu bestimmen, weshalb nach Ablauf der o.g. Inkubationszeit im Anschluss an den Krankheitsträgerkontaktzeitraum ein hinreichender Verdacht auf das Vorliegen einer BK nicht mehr wahrscheinlich gemacht werden kann, wenn Symptomfreiheit bestanden hat. Randnummer 74 Quelle: Kleist et al., Epidemiologisches Bulletin 39/2020 9 Abrufbar unter https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/6984/EB-39-2020-Austausch_Abw%C3%A4gung%20der%20Dauer%20von%20Quarant%C3%A4ne%20und%20Isolierung.pdf?sequence=5&isAllowed=y, (Abrufdatum: 11. März 2025). Abrufbar unter https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/6984/EB-39-2020-Austausch_Abw%C3%A4gung%20der%20Dauer%20von%20Quarant%C3%A4ne%20und%20Isolierung.pdf?sequence=5&isAllowed=y, (Abrufdatum: 11. März 2025). Randnummer 75 Soweit die Beklagte erstmalig nach 4 Jahren mit der Klageerwiderung Kontakt mit Infizierten, eine infektionsnahe Tätigkeit, Erkältungssymptome, Exposition und einen passenden zeitlichen Zusammenhang zum Kontakt bestreitet, dringt sie hiermit nur teilweise durch. Sie hat auf die BK-Anzeige(
- n)nicht die gebotenen Sachaufklärungsmaßnahmen unternommen, weshalb sich die Beklagte – ausgehend von der grundsätzlichen Darlegungs- und Beweislast der Klägerin für anspruchsbegründende Tatsachen – gegenüber der Klägerin eine Beweiserleichterung entgegenhalten lassen muss. Für das Gericht ist nicht erkennbar geworden, dass die Beklagte auf die BK-Anzeigen Ermittlungen begonnen oder die ihr obliegenden Aufgaben erfüllt hätte. Ricke, dem sich die Kammer nach eigener Wertung anschließt, führt in seinem Aufsatz „Corona, Arbeitsunfall und Berufskrankheit“ wie folgt aus: Randnummer 76 „Abschließend nur noch am Rande: Der Vorschlag enthält die Behauptung, die Versicherten müssten die Infizierung am Arbeitsplatz nachweisen, es sei ihnen aber nicht zuzumuten, herauszufinden, wo sie sich im Job angesteckt hätten. Grundfalsch, doch immer wieder von Kritikern des Berufskrankheitenrechts behauptet. Tatsächlich müssen die Versicherten nichts nachweisen und nichts herausfinden, weil das oben IV.) zur Ermittlungspflicht der Unfallversicherungsträger bei Arbeitsunfällen Gesagte hier in gleicher Weise gilt: Wird die Anerkennung eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit verlangt, ist es Aufgabe des Unfallversicherungsträgers, die erforderlichen Ermittlungen erschöpfend vorzunehmen, zB durch Untersuchungen im Betrieb, Anhörung der Versicherten und von Zeugen, Beauftragung von Gutachtern. Die Versicherten müssen nichts weiter tun als zumutbare Fragen zum dem von ihnen angenommenen Geschehen zu beantworten und sich Befragungen, Untersuchungen und Begutachtungen stellen.“ (vgl Ricke , COVuR 2020, 342).“ Randnummer 77 Auf die Übersendung der Rechnung hat die Beklagte mit einer Leistungsablehnung reagiert, ohne sich mit den Anforderungen an die Diagnose auseinanderzusetzen, sondern zu den PCR-Tests Standpunkte vertreten, die bereits von den damaligen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht getragen waren. Anerkanntermaßen kann die schuldhafte Vernachlässigung einer Ermittlungspflicht durch den Unfallversicherungsträger eine Beweiserleichterung zur Folge haben (vgl. LSG Hessen, Urt. v. 15. Dezember 2015, Az. L 3 U 28/12). Auch das BSG hat zur Beweislast bei behauptetem Arbeitsunfall mit einer Infektion von COVID-19 entschieden, dass die einfache Beweislosigkeit (non liquet) nicht zur Annahme eines Beweisnotstandes führt. Beruht die Beweisnot auf einer Beweisvereitelung der Gegenseite, so darf daraus nach dem für den Zivilprozess normierten Grundsatz des § 444 Zivilprozessordnung (ZPO), der auch im Sozialgerichtsverfahren gilt, auf die Wahrheit der festzustellenden Tatsache geschlossen werden. Ein Beweisnotstand, auch wenn dieser auf einer fehlerhaften Beweiserhebung oder gar einer Beweisvereitelung der Gegenseite beruht, führt aber keinesfalls zu einer Umkehr der Beweislast (vgl. BSG, Beschl. v. 4. November 2024, Az. B 2 U 66/24 B). Randnummer 78 Diese Grundsätze auf die streitgegenständliche(
- n)Testung(
- en)übertragen, kann die Beklagte dem Vergütungsanspruch der Klägerin nicht mit Bestreiten und nicht damit entgegentreten, dass die Klägerin den Vollbeweis für den Verdacht auf das Vorliegen einer BK zu erbringen habe. Die Beklagte unterlässt die ihr obliegende Ermittlung des Sachverhalts und lässt die Klägerin die Tests und damit die der Beklagten obliegende Ermittlungstätigkeit durchführen. Die Beklagte gibt auf konkrete vergütungsrelevante Anfragen zur von der Beklagten gewünschten Vorgehensweise für die Durchführung von PCR-Tests Auskünfte, deren Abgabe sie nicht bestreitet. Die Beklagte sieht sich nicht an die erteilten Auskünfte zur gewünschten Vorgehensweise gebunden, ohne dies dem Leistungsträger konkret mitzuteilen oder rechtlich zu begründen. Die Beklagte verlangt BK-Verdachtsanzeigen, ohne diese bearbeiten zu wollen. Deutlich stellte dies die Einlassung der Beklagten in der mündlichen Verhandlung der 51. Kammer am 27. März 2025 klar: Randnummer 79 „Wir hatten keine Lust, die endlosen Kisten durchzuflöhen, wenn klar war, dass die Testergebnisse negativ waren.“ Randnummer 80 Dieser Umstand rechtfertigt es grundsätzlich der Klägerin als im Rahmen der öffentlich-rechtlichen GoA tätige Geschäftsführerin die Beweiserleichterungen zugutekommen zu lassen, die das BSG nach der beschriebenen Rechtsprechung auch für den Versicherten bejaht hat. Die Kammer musste während der Verhandlung des Verhandlungstages am 15. April 2025 zur Kenntnis nehmen, dass Zweifel an den Angaben der Klägerin angebracht sind. Neu ist aus Sicht der Kammer die Einlassung, dass die Klägerin bei der Formulierung der BK-Anzeigen Textbausteine verwendet hat, bei denen lediglich die Daten ausgetauscht worden sind. Dies erweckt die Frage, ob beim Austausch der Daten auch eine Überprüfung der Tatsachengrundlage vorgenommen worden ist. Den Vortrag der Klägerin, der Inhalt der BK-Anzeigen sei derart mit der Beklagten abgestimmt gewesen, hat die Kammer nicht geglaubt. Zum einen fehlt es an einem plausiblen Interesse der Beklagten, sich durch die Einigung in Bezug auf fiktive Angaben in BK-Anzeigen zu ihren Lasten eine unbestimmte Vielzahl von kostenersatzpflichtigen Tatbeständen zu schaffen. Die Beklagte hätte durch eine derartige Einigung nur Nachteile zu erwarten. Zum anderen ist die Bezugnahme auf die E-Mail der Klägerin vom 04. Mai 2020 unbeachtlich. Für diese E-Mail wird keine korrespondierende und formwirksame Annahmeerklärung der Beklagten behauptet. Randnummer 81 Das Gericht hat trotz der aufgeworfenen Zweifel der Beklagten der Klägerin geglaubt. Maßgeblich ist, dass die Vertreterin der Klägerin H. dem Gericht gegenüber auf Befragen versicherte, die Listen eigenhändig überprüft zu haben. Ferner gab Rechtsanwältin B. auf Nachfrage des Gerichts an, die Darstellung von Erkältungssymptomen und Kontakt aus den Listen übernommen zu haben, die ihr von Frau H. überlassen worden sind. Das Gericht hat berücksichtigt, dass eine Rechtsanwältin Organ der Rechtspflege ist. Einer Rechtsanwältin ist es auch berufsrechtlich aus § 43a BRAO untersagt, bewusst die Unwahrheit zu verbreiten, wobei Eventualvorsatz reicht (Zuck in: Gaier/Wolf/Göcken, Anwaltliches Berufsrecht, 3. Auflage 2020, § 43a BRAO, Rn. 69). Das Gericht hat nach Maßgabe dessen davon abgesehen, Frau B. und Frau H. formell als Zeugen zu vernehmen, zumal der Inhalt der Listen verhältnismäßig leicht prüfbar ist. Es mag zwar zutreffen, dass in von der Beklagten bezeichneten Verfahren Schreibfehler oder das Übersehen einzelner Datensätze vorgelegen haben mögen. Das Gericht hielt es aber noch nicht für gerechtfertigt, vereinzelte Fehler zu einem grundsätzlichen Entfall einer Beweiserleichterung führen zu lassen, denn für einen systematischen Abrechnungsbetrug der Klägerin fehlt es an belastbaren Anhaltspunkten. Aufgrund des eingeräumten Umstands der Verwendung wenig kennzeichnungskräftiger Textbausteine ist es nicht mehr veranlasst, mehr als eine leichte Beweiserleichterung der Klägerseite anzunehmen. Nach dem nun vorliegenden Vortag wusste die Klägerin positiv, dass sie Dokumentation zu führen und auf Verlangen vorzulegen hatte. Dass die Beklagte bisher die entsprechende Dokumentation nicht verlangt hat, bedeutet nicht, dass damit ein Verzicht verbunden ist. Die Klägerin wusste aufgrund der vielfach erteilten Ablehnungsschreiben der Beklagten, dass diese nicht gewillt war, die Forderungen der Klägerin zu erfüllen. Wer in derartigen Zusammenhang von ihm geschaffene Beweismittel vernichtet, hat die Folgen seiner Beweisnot selbst zu verantworten. Dies gilt in Bezug auf die Dokumentation von Kontaktlisten und Gesundheitsbeeinträchtigungen der betroffenen Mitarbeiter. Die Beklagte hat die Vernichtung der Unterlagen bei der Klägerin weder veranlasst noch ansonsten gefördert. Jedenfalls mit dem Bestreiten der Beklagten, über die getroffenen Feststellungen der Klägerin ist diese gehalten, ihre Behauptungen zu belegen. Randnummer 82 In subjektiver Hinsicht setzt ein Anspruch aus einer öffentlich-rechtlichen Geschäftsführung ohne Auftrag voraus, dass der erforderliche Fremdgeschäftsführungswille bei der Vornahme des Geschäfts besteht und nach Außen hinreichend deutlich in Erscheinung tritt (dazu bereits oben, vgl. auch BSG, NJR-RR 2001, 1282, 1284; LSG Berlin-Brandenburg, BeckRS 2022, 11361 Rn. 41). Die Fremdgeschäftsführung muss danach von dem Bewusstsein des Geschäftsführers getragen sein, für einen anderen tätig zu werden (vgl. Dauer-Lieb/Langen, BGB Schuldrecht, 4. Auf. 2021, Rn. 57). Neben dem Fremdgeschäftsführungsbewusstsein muss die Geschäftsführungsabsicht hinzukommen. Dieser ist der finale Wille des Geschäftsführers, zumindest auch das Geschäft eines anderen zu führen. Dieser ist auch als Eventualvorsatz denkbar. In diesem Fall scheitert ein Anspruch aber an der erforderlichen Geschäftsführungsabsicht (vgl. F.Schäfer, in Münchener Kommentar zum BGB, 9. Auflage 2023 Rn. 58f.). Nachdem die Klägerin nunmehr den Dashboard-Eintrag ihres Mitarbeiters H*. offengelegt hat, belegt dieser jedenfalls ab 08.04.2020, dass die Klägerin Fremdgeschäftsführungsbewusstsein und –absicht im Hinblick auf PCR-Testungen krankheitssymptomloser Mitarbeiter nicht gehabt hat, denn sie hat selbst das Auftreten von Krankheitssymptomen nach direkten Kontakt zu einem Infektionsträger zum Testungs- und Abrechnungskriterium gegenüber der Beklagten definiert. Randnummer 83 Nach Maßgabe dessen und unter Berücksichtigung der ab Zugang der BK-Anzeige verminderten Anforderungen an den Beweis der Anspruchsvoraussetzungen ist die Kammer zu der Überzeugung gelangt (§ 128 Abs. 1 SGG), dass zumindest auch ein Verdacht auf eine Berufskrankheit bestand, der mit den streitgegenständlichen Testungen vom 02.04.20 und vom 06.04.2020 untersucht worden ist. Für den Test vom 14.04.2020 gilt dies dagegen nicht. Randnummer 84 D. Zeug. hat persönlich angehört im Rahmen der mündlichen Verhandlung in ergiebiger Weise mitgeteilt, dass sie sich an die Vorgänge erinnern konnte. Sie schilderte der Kammer glaubhaft, dass Hintergrund der April-Testungen eine aus Spanien eingereiste Patientin gewesen sei, die zunächst ihre Mitpatienten und dann die ganze Station infiziert habe. Die Schilderungen der Zeugin beruhten nach Eindruck der Kammer auf eigener Erinnerungen. Sie konnte Details wiedergeben, die die Klägerin nicht mitgeteilt hatte. Die Zeugin teilte mit, ebenfalls Symptome und zwar Husten entwickelt zu haben. Dies sei auch im Dezember so gewesen, wo Anlass ein positiver Schnelltest gewesen sei. Die Kammer glaubte dieser Darstellung in Verbindung mit der behaupteten Dokumentation von Symptomen durch die Klägerin. Dies begründete zur Überzeugung der Kammer den Verdacht einer Berufskrankheit welche durch PCR Test vom 02. April 2020 und 30.12.2020 überprüft wurde. Dabei fiel auch der Test vom 06. April zum Zwecke der Verifizierung des Tests vom 02. April 2020 in die Zuständigkeit der Beklagten. Aufgrund Latenzzeit und der nicht ganz sicheren Aussagekraft von PCR Tests, bedurfte es zur Untersuchung weiterer Testung. Ausgehend von der zuletzt in der Verhandlung S 3 U 1320/24 gewonnen Erkenntnisse vom selben Tag, wonach seit 30.03.2020 bekannt war, dass es sich um eine Infektionsträgerin handelte, war die dritte Testung nicht mehr innerhalb der dargelegten Inkubationszeit durchgeführt. Ein Test zu diesem Zeitpunkt konnte nach den obigen Ausführungen daher nicht mehr dazu dienen, den Verdacht einer BK zu festzustellen.
- bb)Randnummer 85 Soweit nach dem Vorstehenden die Erst- als auch die Wiederholungstestung(
- en)in die Zuständigkeit der Beklagten fielen, bejaht die Kammer das subjektive Element der öffentlich-rechtlichen GoA bei der Klägerin (vgl. dazu vgl. dazu Schäfer in MüKo BGB § 677 Rn. 43 ff. oder Bergmann in Staudinger BGB, Vorbemerkung zu §§ 677 ff. Rn. 163 ff.). Handelt es sich um ein objektiv fremdes oder ein auch fremdes Geschäft, wird der Fremdgeschäftsführungswille nach ständiger Rechtsprechung grundsätzlich vermutet (BGH, Urt. v. 27. November 1962, Az. VI ZR 217/61; BGH, Urt. v. 27. Mai 2009, Az. VIII ZR 302/07; BGH, Urt. v. 17. November 2011, Az. III ZR 53/11). Diese Vermutung gilt dagegen hier nicht (s.o.), weil die Klägerin hier mit der Anordnung der Testungen auch eigene Geschäfte, etwa ein Screeningprogramm verfolgt hat. Bei mehraktigen „auch fremden“ Geschäften muss der Fremdgeschäftsführungswille auch beim letzten Geschäft noch vorliegen (vgl. Thole, in beck-online.GROSSKOMMENTAR (Stand 1.11.2024), § 677 BGB Rn. 104). Die zivilrechtliche Literatur stellt zum Teil darauf ab, ob der Geschäftsführungswille nach Außen hervorgetreten ist (vgl. Schäfer in: Münchener Kommentar zum BGB 9. Aufl. 2023, § 677 Rn. 174). Greift die Vermutung wie hier ausnahmsweise nicht ein, muss auf Indizien, wie das Handeln im Namen des Geschäftsherren, ein Streit über die Kosten im Vorfeld der Geschäftsführung, bei welchem der Geschäftsführer zum Ausdruck bringt, dass er den Geschäftsherrn für aufwendungsersatzpflichtig hält oder die Erfüllung der Anzeigepflicht aus § 681 S. 1 Hs. 1 BGB abgestellt werden. Das Bundessozialgericht hat dazu entschieden, dass beim objektiv eigenen oder neutralen, aber subjektiv fremden Geschäft der Fremdgeschäftsführungswille zur „vornehmlichen Wahrnehmung fremder Interessen nach außen hinreichend deutlich in Erscheinung treten muss (vgl. BSG; B 2 U 21/12 R vom 03.04.2014, Rn. 20 (juris)). Nach Maßgabe dessen ist das Gericht unter Würdigung des Tatsachenvortrags der Klägerin und der Anhörung d.Zeug. zu der Überzeugung gelangt, dass für die zugesprochenen Testungen Fremdgeschäftsführungswillen bestanden hat. Im vorliegenden Fall hatte die Klägerin zum Ausdruck gebracht, ihre Geschäftsabläufe auf die Erfordernisse der Beklagten einstellen zu wollen. Sie hat in mehr als 700 Verfahren jeweils konkret vorgetragen und behauptet, die Testungen seien veranlasst worden, nachdem die Versicherten Erkältungssymptome aufwiesen und als Kontaktpersonen zu infizierten Trägern während ihrer Tätigkeit identifiziert worden seien. Randnummer 86 Das Gericht sieht keine belastbaren Indizien, dass die Klägerin hier systematisch falsche Tatsachen behauptet, um sich nicht zustehende Ansprüche gegenüber der Beklagten gerichtlich zu erstreiten. Das Gericht hat von Amts wegen keinen Anlass gesehen, über die Beweisanregungen der Beklagten weiter Beweis zu erheben. Beweisanträge, denen nachzugehen gewesen wäre, sind nicht mehr gestellt worden. Darüber hinaus ist der Fremdgeschäftsführungswille, soweit er vermutet werden sollte, nicht widerlegt. Widerlegt ist die Vermutung, wenn feststeht, dass sich der Geschäftsführer dem vermeintlichen Geschäftsherren überhaupt nicht verpflichtet fühlte, obwohl er seine Interessen objektiv mitbesorgt, sondern nur eigene Pflicht ohne Rücksicht auf die Interessen des Geschäftsherren erfüllen wollte (vgl. Thole, in beck-online.GROSSKOMMENTAR (Stand 1.11.2024), § 677 BGB Rn. 104). Dies kann vor dem Hintergrund des dynamischen Infektionsgeschehens, bei dem es auch darum ging, Beschäftigte, die sich während ihrer Tätigkeit dem Risiko einer potentiell tödlichen Infektionskrankheit aussetzten, Versorgung und Fürsorge zu signalisieren, nicht angenommen werden. Im Hinblick auf die abgewiesene Testung hat die Kammer keinen Fremdgeschäftsführungswillen erkennen können. Die Kammer hat die letzte Testung im April für eine absichernde Reihentestung aus Gründen des Arbeitsschutzes gehalten. Die Testung lag außerhalb der Inkubationszeit nach dem fraglichen Behandlungskontakt. Die Kammer hielt es für unwahrscheinlich, dass die Zeugin nach dem Bekanntwerden und der von der Zeugin mitgeteilten Isolierung der infizierten Patientin noch ungeschützten Kontakt zur Infektionsträgerin gehabt hat.
- b)Randnummer 87 Weiterhin ist die Klägerin mit den Testungen tätig geworden, ohne von der Beklagten beauftragt oder ihr gegenüber berechtigt gewesen zu sein, vgl. § 677 BGB. Randnummer 88 Entgegen der Ansicht der Klägerin ist diese nicht mit der Beklagten dergestalt verbunden, dass eine Abrede über die Testungen getroffen worden wäre. Insbesondere der Vertrag Ärzte/UV-Träger stellt keine taugliche Grundlage dar. An diesen Vertrag sind gem. § 4 Abs. 1 und 2 des Vertrages nur Ärzte die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen, welche von den Unfallversicherungsträgern zugelassen oder auf Antrag beteiligt worden sind, gebunden. Die Klägerin, als Trägerin von Krankenhäusern unterfällt diesem Anwendungsbereich nicht. Entgegen der Ansicht der Klägerin ist auch zwischen dieser und der Beklagten ein öffentlich-rechtlicher Vertrag, über die Testung der Versicherten der Beklagten nicht durch den E-Mail Austausch begründet worden. Zu der E-Mail vom 05.04.2020 fehlt es an einer korrespondierenden Annahmeerklärung. Auch wenn man die E-Mails als Angebot und Annahmeerklärung auslegen würde, wäre eine entsprechende Einigung wegen Formverstoßes unwirksam, vgl. § 56 SGB X. Dass zwischen der Klägerin und der Beklagten darüber hinaus gehend durch eine vertragliche Vereinbarung direkt oder unter Einbeziehung der Verbände, über die Testungen begründet worden sei, wurde weder vorgetragen, noch ist dies für die Kammer anderweitig ersichtlich.
- c)Randnummer 89 Die Klägerin war schließlich zur GoA berechtigt. Dies ist gem. § 683 S. 1 BGB der Fall, wenn die Übernahme der Geschäftsführung dem Interesse und dem wirklichen oder mutmaßlichen Willen des Geschäftsherrn entsprach. Randnummer 90 Der entgegenstehende Wille an den Testungen durch die Beklagte ist unbeachtlich. Nach ständiger Rechtsprechung muss der wirkliche Wille geäußert werden (vgl. m.w.N. BGH, Urt. v. 17. Dezember 2020, Az. I ZR 228/19). Ein geheimer Vorbehalt genügt diesen Anforderungen nicht. Auch soweit die Beklagte mit E-Mail vom 14. April 2020 sowie dem Schreiben vom 14. Juli 2020 einen entgegenstehenden Willen äußerte, ist dieser unbeachtlich. Die Beklagte hat im Rahmen dieser Schreiben mitgeteilt, dass eine Testung lediglich dann ihrem Willen entsprechen würde, wenn die Infektion mit COVID-19 durch einen positiven PCR-Test nachgewiesen sei oder, falls ein solcher nicht vorliege, die versicherte Person bei Ausübung ihrer versicherten Tätigkeit direkt Kontakt zu einer wahrscheinlich oder bestätigt mit COVID-19 infizierten Person gehabt habe und nach diesem Kontakt innerhalb der Inkubationszeit Symptome entwickelt habe, die auf eine COVID-19 Erkrankung hingewiesen hätten. Darüber hinaus hat die Beklagte verlangt, dass eine Mitteilung über den Verdacht einer BK binnen drei Tagen bei der Beklagten einzugehen habe. Dieser Wille ist gem. § 679 BGB unbeachtlich. Dies ist der Fall, wenn ohne die Geschäftsführung eine Pflicht des Geschäftsherrn, deren Erfüllung im öffentlichen Interesse liegt, nicht rechtzeitig erfüllt werden würde. So lag es hier. Der Verdacht auf den Eintritt einer BK war nur mit PCR-Testung d. Beig. aufzuklären, was der Beklagten oblag. Die Wahrnehmung der Aufgabe der Beklagten lag im öffentlichen Interesse. Ohne diese Testungen wäre die Ermittlung über das Vorliegen einer BK der im Zuständigkeitsbereich der Beklagten liegenden Versicherten, die bei der Klägerin beschäftigt waren, ausgeschlossen oder jedenfalls erheblich erschwert gewesen. Ohne die Übernahme dieser Aufgabe durch die Klägerin wäre die Pflicht der Beklagten auch nicht rechtzeitig erfüllt worden. Bis zum Zeitpunkt der hiesigen Entscheidung kommuniziert die Beklagte auf ihrer Homepage, nicht in der Lage zu sein, die hohen Meldezahlen zu bearbeiten 10 Vgl. https://www.bgw-online.de/bgw-online-de/corona-navigationsebene/coronavirus/meldungsflut-fuehrt-zu-angespannter-arbeitssituation-76216 (Abrufdatum 26. März 2025). Vgl. https://www.bgw-online.de/bgw-online-de/corona-navigationsebene/coronavirus/meldungsflut-fuehrt-zu-angespannter-arbeitssituation-76216 (Abrufdatum 26. März 2025). :
- d)Randnummer 91 Da es sich nach dem vorstehenden bei der Testung d. Beig. durch die Klägerin um eine berechtigte, echte GoA handelt, kann sie gem. §§ 683 S. 1, 670 BGB Aufwendungsersatz verlangen. Dieser war im tenorierten Umfang festzusetzen. Inhaltliche Einwände gegen die verauslagten Kosten der Klägerin als Geschäftsführerin sind nicht erhoben und für die Kammer auch nicht erkennbar. Randnummer 92 Dem Anspruch steht der Vergütungsanspruch des § 7 Abs. 1 TestV für Coronatestungen gegen die kassenärztliche Vereinigung nicht entgegen. Die Verordnung formuliert keine abschließende Kostenerstattungspflicht für Coronatestungen. Die TestV verbindet den Erstattungsanspruch gem. §§ 7 Abs. 1, 6 Abs. 1 TestV mit dem Anspruch gem. § 1 Abs. 1 TestV auf Testung. Der Anspruch ist nach § 1 Abs. 3 TestV subsidiär. Lediglich ergänzend weist die Kammer darauf hin, dass die TestV erst seit dem 14. Oktober 2020 wirksam war und nicht für davorliegende Zeiträume gilt. Randnummer 93 Dem Anspruch steht die Argumentation der Beklagten mit der Mehrkostenzuschlagsvereinbarung nach § 9 Abs. 1a Nr. KHEntgG nicht entgegen. Sie trifft keine abschließende Regelung für Mehrkosten die den Krankenhäusern aufgrund von COVID-19 im Zusammenhang mit der voll- oder teilstationären Behandlung von Patientinnen und Patienten entstehen. Nach der Präambel sollen solche Mehrkosten finanziert werden, die nicht anderweitig abgegolten werden. Die Vereinbarung trat darüber hinaus erst zum 1. Oktober 2020 in Kraft. 2. Randnummer 94 Dieser Anspruch ist nicht untergegangen, soweit die Klägerin die BK-Anzeige außerhalb der drei-Tage-Frist erstattete. Nach § 193 Abs. 2 SGB VII haben Unternehmer Anhaltspunkte für das bei einem Versicherten bestehende Vorliegen einer BK anzuzeigen, die nach § 193 Abs. 4 S. 1 SGB VII binnen drei Tagen nach Kenntnis zu erstatten ist. Entgegen dem Wortlaut hat die Anzeige nicht erst dann zu erfolgen, wenn Anhaltspunkte vorliegen, dass eine BK eingetreten ist, sondern wenn Anhaltspunkte dafür sprechen, dass eine BK droht (m.w.N.: Schmitt SGB VII, § 193 SGB VII Rn. 6). Normzweck des § 193 Abs. 4 SGB VII ist die Sicherstellung einer rechtzeitigen Verfahrenseinleitung des Unfallversicherungsträgers von Amts wegen (§ 19 S. 2 Viertes Buch Sozialgesetzbuch [SGB IV]) sowie die Ermöglichung einer zeitnahen Sachverhaltsaufklärung (vgl Köhler in Becker/Franke/Molkentin/Hedermann, § 193 SGB VII, Rn 10). Eine Leistungsbeschränkung ist mit der Überschreitung der Meldefrist nicht verbunden. Aber auch wenn man § 193 Abs. 4 SGB VII entsprechend auslegen würde, wäre ein Berufen auf die Dreitagesfrist durch die Beklagte als unwirksam zurückzuweisen. Angesichts des Umstands, dass es Aufgabe der Beklagten gewesen wäre, den Sachverhalt zu ermitteln, jedenfalls aber auf die Verdachtsanzeige zeitnah zu reagieren, wäre die Forderung der Beklagten, den Vergütungsanspruch von einer BK-Anzeige innerhalb einer Dreitagesfrist abhängig zu machen, treuwidrig im Sinne von § 242 BGB. Randnummer 95 Selbst im Fall fristgerechter BK-Anzeigen wäre die Beklagte pandemiebedingt nicht in der Lage gewesen zu reagieren. Wie bereits dargelegt, kommuniziert sie bis heute, nicht in der Lage zu sein, die hohen Meldezahlen zu bearbeiten. Randnummer 96 Der Anspruch der Klägerin auf Aufwendungsersatz ist nicht verjährt. Die Verjährung ist seit der Klageerhebung am 11. Oktober 2022 gem. § 209 Abs. 1 BGB gehemmt, vgl. § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB. Die Hemmung tritt ein, sobald der prozessuale Streitgegenstand durch eine wirksame Klage rechtshängig gemacht wurde (st. Rspr. BGH, Urt. v. 24. Februar 2022, Az. VII ZR 13/20). Dies war der Fall, weil die Klageschrift die bestimmte Angabe des Gegenstandes und des Grundes des erhobenen Anspruchs sowie einen bestimmten Antrag enthalten hat (§ 92 SGG, § 253 ZPO). Diese Hemmung erfasst auch die Klageerhebung durch unsubstantiierte und unschlüssige Klagen (m.w.N. Lakkis in: jurisPK-BGB, § 204 BGB, Rn. 28/29). Ein mangelhafter, insbesondere nicht genügend substantiierter Sachvortrag steht der Wirksamkeit der Klage nicht entgegen. Die ausreichende Substantiierung, die zum Erlass eines Urteils erforderlich ist, kann – wie hier geschehen – nachgebracht werden. Randnummer 97 Der Zinsanspruch folgt aus der entsprechenden Anwendung von § 291 BGB in Verbindung mit § 288 Abs. 1 BGB analog. Das BSG hat bereits entschieden, dass ein Verzinsungsanspruch aus der analogen Anwendung des § 288 BGB auch bei einem Anspruch aus öffentlich-rechtlicher Geschäftsführung ohne Auftrag (GoA) bestehen kann (BSG, Urt. v. 27. Juni 2017, Az. B 2 U 13/15 R). Der Zinsanspruch auf Zahlung von Prozesszinsen aus § 291 BGB in Verbindung mit § 288 Abs. 1 BGB analog ist mit Rechtshängigkeit der Klageerhebung vor dem Sozialgericht (§ 94 SGG) eingetreten. In entsprechender Anwendung des § 187 Abs. 1 BGB führt dies zu einem Verzinsungsbeginn am Tag nach Klageeingang, mithin dem 12. Oktober 2022. Randnummer 98 Die Kostenentscheidung ergeht nach § 197a Abs. 1 S. 1 SGG in Verbindung mit § 155 Abs. 1 der Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO). Fußnoten 1) Abrufbar unter: https://www.dguv.de/de/mediencenter/hintergrund/berufskrankheiten/faq/index.jsp (Abrufdatum: 11. März 2025 (Abrufdatum: 11. März 2025). 2) Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/C/COVID-19/Falldefinition.pdf?__blob=publicationFile&v=1 (Abrufdatum: 11. März 2025). 3) Abrufbar unter https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/6511.26/Diagnose-und-Therapie-Hiweise_Covid-19_STAKOB_U24_FINAL_ONLINESTELLUNG_clean_20230208.pdf;jsessionid=D148B1C616E3336F0A8EEDF4311CD81E?sequence=12, (Abrufdatum: 11. März 2025). 4) Vgl. www.vfa.de/de/forschung-entwicklung/coronavirus/zugelassene-zur-zulassung-eingereichtemedikamente-covid-19 (Abrufdatum 26. März 2025). 5) www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/PD21_327_23211.html (Abrufdatum 26. März 2025). 6) www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/12/PD21_563_12.html (Abrufdatum 26. März 2025. 7) https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/sterbefallzahlen.html#589280 (Abrufdatum 26. März 2025). 8) Abrufbar unter https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.16.20066787v2.full.pdf, (Abrufdatum: 11. März 2025). 9) Abrufbar unter https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/6984/EB-39-2020-Austausch_Abw%C3%A4gung%20der%20Dauer%20von%20Quarant%C3%A4ne%20und%20Isolierung.pdf?sequence=5&isAllowed=y, (Abrufdatum: 11. März 2025). 10) Vgl. https://www.bgw-online.de/bgw-online-de/corona-navigationsebene/coronavirus/meldungsflut-fuehrt-zu-angespannter-arbeitssituation-76216 (Abrufdatum 26. März 2025). Permalink Diesen Link können Sie kopieren und verwenden, wenn Sie genau dieses Dokument verlinken möchten: https://www.gesetze-rechtsprechung.sh.juris.de/perma?d=NJRE001631451