BAG, Beschluss vom 11.02.2025 – 4 AZB 26/24 – Prozesskostenhilfe für Mehrvergleich Schließen die Parteien nach Bewilligung von Prozesskostenhilfe einen gerichtlichen…
KARE600069944 ECLI:DE:BAG:2025:110225.B.4AZB26.24.0 BAG 4. Senat 20250211 4 AZB 26/24 Beschluss § 114 Abs 1 S 1 ZPO, § 117 ZPO vorgehend ArbG Suhl, 18. April 2023, Az: 5 Ca 27/23, Beschlussvorgehend Thüringer Landesarbeitsgericht, 23. August 2024, Az: 2 Ta 68/23, Beschluss DEU Bundesrepublik Deutschland Prozesskostenhilfe für Mehrvergleich Schließen die Parteien nach Bewilligung von Prozesskostenhilfe einen gerichtlichen Vergleich, der bisher nicht rechtshängige Gegenstände erfasst, bedarf es eines neuen - ausdrücklichen oder konkludenten - Antrags, wenn die Bewilligung auch auf den Mehrvergleich erstreckt werden soll. Die bloße Unterbreitung eines Vergleichsvorschlags oder die Zustimmung zu einem solchen reicht nicht aus.
1 I. Der Kläger wendet sich gegen die Ablehnung der Erstreckung der Prozesskostenhilfe auf den Mehrwert eines im schriftlichen Verfahren nach § 278 Abs. 6 ZPO geschlossenen Vergleichs.
2 Der Kläger erhob am 6. Dezember 2022 Kündigungsschutzklage gegen eine mit Schreiben vom 17. November 2022 erklärte fristlose, hilfsweise fristgerechte Kündigung der Beklagten. Zugleich beantragte er, ihm unter Beiordnung seines Prozessbevollmächtigten Prozesskostenhilfe für das Verfahren erster Instanz zu bewilligen. Dem Antrag war eine Erklärung über seine persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse beigefügt. Ihm wurde mit Beschluss des Arbeitsgerichts vom 16. Februar 2023 Prozesskostenhilfe für den ersten Rechtszug mit Wirkung ab dem 6. Dezember 2022 bewilligt und zur Wahrnehmung seiner Rechte Rechtsanwalt R beigeordnet.
3 Das Arbeitsgericht stellte aufgrund eines Vorschlags der Beklagten und Zustimmung des Klägers - jeweils mit Schriftsatz vom 4. April 2023 - mit Beschluss vom 4. April 2023 das Zustandekommen eines Vergleichs nach § 278 Abs. 6 ZPO fest. Dessen Inhalt war eine Einigung über die Beendigung des Arbeitsverhältnisses gegen Zahlung einer Abfindung sowie die Verpflichtung der Beklagten zur Erteilung eines Zeugnisses „mit der Note ‚gut‘“. Der Beschluss wurde am 5. April 2023 zur Post gegeben und den Parteien formlos übermittelt.
4 Der Kläger beantragte mit Schreiben vom 6. April 2023, die bewilligte Prozesskostenhilfe auch auf den Vergleich zu erstrecken. Das Arbeitsgericht teilte mit Schreiben vom 18. April 2023 mit, dass beabsichtigt sei, den Streitwert für das Verfahren auf 7.448,88 Euro und für den Vergleich auf 9.931,84 Euro festzusetzen. Für die im Vergleich enthaltene Regelung über die Erteilung eines Zeugnisses sei von einem Vergleichsmehrwert in Höhe von einem Bruttomonatsgehalt auszugehen.
5 Das Arbeitsgericht wies den Antrag auf Erstreckung der Prozesskostenhilfe mit Beschluss vom 18. April 2023 zurück. Der hiergegen gerichteten sofortigen Beschwerde des Klägers half es mit Beschluss vom 9. Mai 2023 nicht ab. Das Landesarbeitsgericht wies diese mit Beschluss vom 23. August 2024 zurück.
6 Hiergegen wendet sich der Kläger mit seiner Rechtsbeschwerde und begehrt weiterhin die Erstreckung der Prozesskostenhilfe auf den Mehrvergleich. Er vertritt die Auffassung, in der Zustimmung zum Vergleichsschluss nach § 278 Abs. 6 ZPO liege ein konkludenter Antrag auf Gewährung von Prozesskostenhilfe für den darin enthaltenen Mehrvergleich. Es sei - auch im Hinblick auf den engen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Bewilligung von Prozesskostenhilfe und dem Abschluss des Vergleichs - davon auszugehen, dass der Kläger als finanziell unbemittelte Partei auch für die bei Bewilligung der Prozesskostenhilfe noch nicht rechtshängigen Streitgegenstände Prozesskostenhilfe begehre.
7 II. Die zulässige Rechtsbeschwerde ist unbegründet. Die Vorinstanzen haben den Antrag des Klägers zu Recht abgewiesen.
8 1. Der ursprüngliche Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe vom 6. Dezember 2022 war nicht zugleich auf die Bewilligung von Prozesskostenhilfe für den später abgeschlossenen Mehrvergleich über die Zeugniserteilung gerichtet.
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11 2. Entgegen der Auffassung des Klägers ist auch seinen schriftsätzlichen Erklärungen im Zusammenhang mit dem Vergleichsschluss nach § 278 Abs. 6 ZPO kein konkludenter Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe zu entnehmen.
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18 (a) Wenn vor der Entscheidung über den Prozesskostenhilfeantrag zwischen den Parteien ein gerichtlicher Vergleich geschlossen wird, der bisher nicht rechtshängige Gegenstände erfasst, ist regelmäßig davon auszugehen, dass die finanziell unbemittelte Partei Prozesskostenhilfe nicht nur für die bereits rechtshängigen Streitgegenstände begehrt, die durch diesen Vergleich erledigt werden, sondern auch für die weiteren durch den Vergleich miterledigten Streitpunkte. Für eine gegenteilige Annahme fehlt - von Ausnahmefällen abgesehen - jegliche Grundlage. Es ist nicht erkennbar, warum eine Partei, die nicht in der Lage ist, die Kosten des Verfahrens über die bereits anhängigen Streitgegenstände zu tragen, in der Lage wäre, die Kosten des Mehrvergleichs zu übernehmen und deshalb hierfür keine Prozesskostenhilfe beantragen will. In einem solchen Fall ist die Beantragung von Prozesskostenhilfe für die Instanz deshalb mangels anderweitiger Anhaltspunkte regelmäßig so zu verstehen, dass sie auch einen Mehrvergleich erfassen soll. Für ein solches Verständnis sprechen im Übrigen auch Gründe der Prozessökonomie. Mit der Erstreckung eines Vergleichs auf weitere, zwischen den Parteien streitige, aber noch nicht rechtshängige Ansprüche werden weitere Rechtsstreitigkeiten und damit ggf. notwendige weitere Bewilligungen von Prozesskostenhilfe vermieden (BAG 30. April 2014 - 10 AZB 13/14 - Rn. 17).
19 (b) Hiermit ist die Situation einer Partei, der bereits Prozesskostenhilfe bewilligt worden ist, nicht vergleichbar. Es wird zwar in der Regel naheliegen, dass sie auch hinsichtlich einer Klageerweiterung oder eines Mehrvergleichs Prozesskostenhilfe beantragen wird (hierauf abstellend LAG Hamm 3. Januar 2024 - 13 Ta 350/23 - zu II 1 c der Gründe; 13. März 2023 - 14 Ta 35/23 - zu II 4 c der Gründe; 20. Dezember 2022 - 14 Ta 194/22 - zu II 2 d der Gründe). Anders als bei einem noch nicht beschiedenen Antrag wäre aber für eine vollständige Antragstellung erforderlich, eine neue Erklärung über die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse einzureichen oder zumindest zu erklären, dass sich die Verhältnisse seit Abgabe der letzten Erklärung nicht geändert haben (vgl. zu § 119 ZPO BGH 12. Juni 2001 - XI ZR 161/01 - zu II 1 der Gründe mwN, BGHZ 148, 66).
Der bloßen Unterbreitung eines Vergleichsvorschlags oder der Zustimmung zu einem solchen kann diese Erklärung nicht entnommen werden. Es ist auch nicht regelmäßig davon auszugehen, die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse hätten sich innerhalb einer kürzeren Zeitspanne - ggf. eineinhalb Monate - nicht geändert (so aber LAG Hamm 3. Januar 2024 - 13 Ta 350/23 - aaO; 20. Dezember 2022 - 14 Ta 194/22 - aaO). Nach der in § 120a Abs. 1 Satz 3 ZPO zum Ausdruck kommenden gesetzlichen Wertung muss jederzeit mit einer Verbesserung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse gerechnet werden. Eine solche kann insbesondere dadurch eintreten, dass die Partei durch die Rechtsverfolgung oder Rechtsverteidigung etwas erlangt, § 120a Abs. 3 Satz 1 ZPO (vgl. auch LAG Baden-Württemberg 1. Oktober 2010 - 18 Ta 3/10 - zu II 2 d der Gründe).
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21 3. Schließlich kann dem Kläger nicht aufgrund seines Antrags vom 6. April 2023 Prozesskostenhilfe auch für den Mehrvergleich bewilligt werden.
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Diese Begrenzung der Rückwirkung folgt aus dem Zweck der Prozesskostenhilfe. Der mittellosen Partei sollen die Prozesshandlungen ermöglicht werden, die für sie mit Kosten verbunden sind. Haben jedoch die Partei oder deren Prozessbevollmächtigter die aus ihrer Sicht notwendigen Prozesshandlungen schon vor der ordnungsgemäßen Beantragung der Prozesskostenhilfe vorgenommen, so hängen diese Prozesshandlungen nicht mehr davon ab, dass die Partei zuvor die entsprechenden Kosten - etwa durch einen Vorschuss gemäß § 9 RVG - deckt. Eine weiter rückwirkende Bewilligung diente nur noch dazu, einem Prozessbevollmächtigten durch die nachträgliche Bewilligung von Prozesskostenhilfe einen Zahlungsanspruch gegen die Staatskasse zu verschaffen.
Das ist nicht Zweck der Prozesskostenhilfe (BAG 30. April 2014 - 10 AZB 13/14 - Rn. 9; 16. Februar 2012 - 3 AZB 34/11 - Rn. 13 f. mwN; 3. Dezember 2003 - 2 AZB 19/03 - zu II 2 b der Gründe).
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24 III. Die Kostenentscheidung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO. Eine Kostenerstattung findet nach § 127 Abs. 4 ZPO nicht statt.
Treber Rennpferdt Klug http://www.rechtsprechung-im-internet.de/jportal/?quelle=jlink&docid=jb-KARE600069944&psml=bsjrsprod.psml&max=true Deutschland deutsch BMJV public