BAG, Beschluss vom 26.11.2024 – 1 ABR 37/20 – SE - Nachholung des Arbeitnehmerbeteiligungsverfahrens Das Verhandlungsverfahren über eine Beteiligung der Arbeitnehmer ist nicht…
KARE600070102 ECLI:DE:BAG:2024:261124.B.1ABR37.20.0 BAG 1. Senat 20241126 1 ABR 37/20 Beschluss § 4 SEBG, § 18 SEBG, § 11 SEBG, § 43 SEBG, Art 2 EGV 2157/2001, Art 12 EGV 2157/2001, Art 4 EGRL 86/2001, Art 3 EGRL 86/2001 vorgehend ArbG Hamburg, 28. Februar 2020, Az: 17 BV 20/19, Beschlussvorgehend Landesarbeitsgericht Hamburg, 29. Oktober 2020, Az: 3 TaBV 1/20, Beschlussvorgehend BAG, 17. Mai 2022, Az: 1 ABR 37/20 (A), EuGH-Vorlagevorgehend EuGH, 16. Mai 2024, Az: C-706/22, Urteil DEU Bundesrepublik Deutschland SE - Nachholung des Arbeitnehmerbeteiligungsverfahrens Das Verhandlungsverfahren über eine Beteiligung der Arbeitnehmer ist nicht nachzuholen, wenn es bei Gründung und vor Eintragung einer SE in das Register eines Mitgliedstaats der Europäischen Union unterblieben ist, weil deren Gründungsgesellschaften keine Arbeitnehmer beschäftigten.
Die Rechtsbeschwerde des Konzernbetriebsrats gegen den Beschluss des Landesarbeitsgerichts Hamburg vom 29. Oktober 2020 - 3 TaBV 1/20 - wird zurückgewiesen.
1 A. Die Beteiligten streiten über die Einleitung eines Verfahrens zur Verhandlung über eine Arbeitnehmerbeteiligung in einer Europäischen Gesellschaft (SE) und damit im Zusammenhang stehende Informationsansprüche.
2 Antragsteller ist der bei der O SE & Co. KG (O KG) gebildete Konzernbetriebsrat. Beteiligter zu 2. ist der Vorstand der O Holding SE (Holding SE) als deren Leitungsorgan.
3 Die Holding SE wurde Anfang 2013 nach Art. 2 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 2157/2001 (SE-VO) durch die O Ltd. und die O GmbH mit Sitz in England gegründet. Da die Gründungsgesellschaften keine Arbeitnehmer beschäftigten und auch nicht über Tochtergesellschaften verfügten, bei denen Arbeitnehmer beschäftigt waren, fanden vor der Eintragung der Holding SE in das Register für England und Wales keine Verhandlungen über die Beteiligung von Arbeitnehmern statt.
4 Die Holding SE war ab März 2013 alleinige Gesellschafterin der O Holding GmbH (Holding GmbH) mit Sitz in Hamburg. Die Holding GmbH wurde im Juni 2013 im Weg eines Formwechsels in die O KG umgewandelt. Diese beschäftigt ca. 800 Mitarbeiter und hat Tochtergesellschaften in mehreren Mitgliedstaaten der Europäischen Union, bei denen insgesamt ca. 2.200 Arbeitnehmer tätig sind. Persönlich haftende Gesellschafterin der O KG ist die im Jahr 2013 gegründete O Management SE. Deren alleinige Anteilseignerin ist die Holding SE, die zudem alleinige Kommanditistin der O KG war und ist.
5 Im Oktober 2017 verlegte die Holding SE ihren Sitz nach Hamburg.
6 Der Konzernbetriebsrat hat die Auffassung vertreten, die - grundsätzlich vor Eintragung der SE durchzuführenden - Verhandlungen über eine Arbeitnehmerbeteiligung seien nachzuholen. Die Holding SE habe gegenüber der O KG eine beherrschende Stellung inne, sodass ihr sowohl deren Arbeitnehmer als auch die ihrer Tochtergesellschaften zuzurechnen seien.
7 Der Konzernbetriebsrat hat zuletzt sinngemäß beantragt, 1. den Vorstand der Holding SE zu verpflichten, das besondere Verhandlungsgremium gemäß § 4 Abs. 1 SEBG zu bilden;
8 Der Vorstand der Holding SE hat beantragt, die Anträge abzuweisen.
9 Das Arbeitsgericht hat die Anträge abgewiesen. Das Landesarbeitsgericht hat die Beschwerde des Konzernbetriebsrats zurückgewiesen. Mit seiner Rechtsbeschwerde verfolgt der Konzernbetriebsrat sein Begehren weiter.
10 B. Die Rechtsbeschwerde des Konzernbetriebsrats ist unbegründet.
11 I. Die Anträge sind zulässig. Sie bedürfen jedoch der Auslegung.
12 1. Der Konzernbetriebsrat erstrebt - wie sich aus seinem Vortrag ergibt - die nachträgliche Einleitung eines Verhandlungsverfahrens iSv. §§ 11 ff. SEBG. Dies erfordert zunächst die Bildung eines besonderen Verhandlungsgremiums. Deshalb sind die Anträge - bei gebotener rechtsschutzgewährender Auslegung (vgl. dazu BAG 28. Juli 2020 - 1 ABR 41/18 - Rn. 11 mwN, BAGE 171, 340) - abweichend von ihrer sprachlichen Fassung als einheitliches Begehren zu verstehen. Mit ihm soll der Leitung der SE entsprechend § 4 Abs. 1 und 2 SEBG aufgegeben werden, die hierfür vorgesehenen Handlungen vorzunehmen (vgl. auch BAG 17. Mai 2022 - 1 ABR 37/20 (A) - Rn. 15, BAGE 178, 47). Der Vorstand der Holding SE soll danach alle Arbeitnehmervertretungen ihrer Tochtergesellschaften iSv. § 2 Abs. 3 SEBG - bei Fehlen solcher Vertretungen deren Arbeitnehmer - schriftlich auffordern, ein besonderes Verhandlungsgremium zu bilden und ihnen zu diesem Zweck entsprechend § 4 Abs. 2 Satz 1 und 2 SEBG die erforderlichen Auskünfte iSv.
Abs. 3 der Norm erteilen. Die begehrten Informationen umfassen die Namen und Rechtsformen aller Tochtergesellschaften der SE in der Europäischen Union und deren Betriebe sowie Auskünfte über die Existenz der dort ggf. bestehenden Arbeitnehmervertretungen, die Anzahl der in den betreffenden Gesellschaften und Betrieben jeweils beschäftigten Arbeitnehmer sowie die daraus zu errechnende Gesamtzahl der in einem Mitgliedstaat beschäftigten Arbeitnehmer. Zudem soll - soweit vorhanden - die Anzahl derjenigen Arbeitnehmer mitgeteilt werden, denen Mitbestimmungsrechte iSv. § 2 Abs. 12 SEBG in den Organen der Tochtergesellschaften zustehen.
13 2. Der so verstandene - einheitliche - Antrag ist iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO hinreichend bestimmt (vgl. zu den Anforderungen BAG 22. Januar 2020 - 7 ABR 18/18 - Rn. 14 mwN, BAGE 169, 267; 22. Juli 2014 - 1 ABR 9/13 - Rn. 12). Der Vorstand der Holding SE kann erkennen, welche Handlungen er vornehmen soll.
14 II. Der Konzernbetriebsrat ist antragsbefugt.
15 1. Die Zulässigkeit eines im arbeitsgerichtlichen Beschlussverfahren zur Entscheidung gestellten Antrags setzt die Antragsbefugnis des Antragstellers voraus. Dieses Erfordernis dient dazu, „Popularanträge“ auszuschließen. Eine Antragsbefugnis ist - abgesehen von den Fällen zulässiger Prozessstandschaft - daher nur gegeben, wenn eigene Rechte geltend gemacht werden und dies nicht von vornherein als aussichtslos erscheint (etwa BAG 23. März 2023 - 1 ABR 43/18 - Rn. 40 mwN, BAGE 180, 290).
16 2. Der Antragsteller macht mit seinem Antrag eigene Rechte geltend. Er behauptet, als Arbeitnehmervertretung sei er berechtigt, die Einleitung eines Verfahrens zur Bildung eines besonderen Verhandlungsgremiums gerichtlich durchzusetzen.
17 III. An dem Beschlussverfahren ist neben dem Konzernbetriebsrat als Antragsteller der Vorstand der Holding SE beteiligt.
18 1. Nach § 83 Abs. 3 ArbGG haben in einem Beschlussverfahren neben dem Antragsteller diejenigen Stellen ein Recht auf Anhörung, die nach dem jeweiligen Gesetz im einzelnen Fall beteiligt sind. Die Vorschrift regelt nicht selbst, wer Beteiligter eines Beschlussverfahrens ist. Sie ordnet lediglich an, dass die genannten Personen und Stellen zu hören sind. Maßgeblich ist, welche Personen oder Stellen durch die vom Antragsteller begehrte Entscheidung in ihrer kollektivrechtlichen Stellung unmittelbar betroffen sind (vgl. BAG 23. März 2023 - 1 ABR 43/18 - Rn. 26, BAGE 180, 290; 28. April 2021 - 7 ABR 20/20 - Rn. 9 mwN).
19 2. Danach ist der Vorstand der Holding SE am Verfahren beteiligt. Als deren Leitungsorgan (Art. 38 Buchst. b SE-VO) ist er möglicher Anspruchsverpflichteter aus § 4 Abs. 1 SEBG. Die Leitung einer SE ist grundsätzlich beteiligtenfähig iSd. § 2a Abs. 1 Nr. 3e, § 10 ArbGG (vgl. Forst Die Beteiligungsvereinbarung nach § 21 SEBG S. 380 f.; Weth in Schwab/Weth ArbGG 6. Aufl. § 83 Rn. 93b).
20 IV. Der - einheitlich zu verstehende - Antrag, der nach § 3 Abs. 1 Satz 1 SEBG nach deutschem Sachrecht zu beurteilen ist, ist unbegründet.
21 1. Eine Pflicht zur Nachholung eines Verhandlungsverfahrens über eine Arbeitnehmerbeteiligung ergibt sich weder aus § 4 noch aus § 18 SEBG.
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26 2. Eine analoge Anwendung dieser Vorschriften kommt nicht in Betracht. Es fehlt an einer planwidrigen Regelungslücke.
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33 3. Ein Anspruch auf Nachholung von Verhandlungen ergibt sich auch nicht aus § 43 SEBG unter dem Gesichtspunkt des Rechtsmissbrauchs. Dabei kann dahinstehen, unter welchen Voraussetzungen von einem Missbrauch einer SE auszugehen ist. Jedenfalls kommt im Rahmen des SE-Beteiligungsgesetzes die Nachholung einer Arbeitnehmerbeteiligung als Rechtsfolge eines solchen Missbrauchs nicht in Betracht.
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Der Gesetzgeber verweist in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf, dass Art. 11 der Richtlinie 2001/86/EG geeignete Maßnahmen der Mitgliedstaaten verlangt, um zu verhindern, dass eine SE dazu missbraucht wird, Arbeitnehmern Beteiligungsrechte zu entziehen oder vorzuenthalten. Ausgehend von der Annahme, dass es bei einem Missbrauch „aus gesellschaftsrechtlichen Gründen … nur eingeschränkt möglich sein“ werde, „vollzogene grenzüberschreitende Maßnahmen rückgängig zu machen“, soll gerade der „präventiven Wirkung der Strafandrohung“ in § 45 Abs. 1 Nr. 2 SEBG eine „besondere Bedeutung“ zukommen (BT-Drs. 15/3405 S. 57). Neben einer möglichen Unwirksamkeit von Maßnahmen und ihrer - sich hieraus ergebenden - Rückgängigmachung sollte daher mit der Regelung über die Strafbarkeit die unionsrechtliche Vorgabe von Art. 11 der Richtlinie 2001/86/EG umgesetzt werden.
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Art. 160l Abs. 3 Buchst. f) in Bezug genommene - Art. 11 der Richtlinie 2001/86/EG den Mitgliedstaaten lediglich vorschreibe, geeignete Maßnahmen zur Verhinderung des Missbrauchs zu treffen. Er hat sich stattdessen dafür entschieden, bei einem Verstoß gegen das - dortige - Missbrauchsverbot eine Pflicht zur Durchführung von Verhandlungen über die Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer entsprechend den §§ 6 bis 24 MgFSG anzuordnen. Damit hat der Gesetzgeber - in Ausübung seines ihm bekannten Gestaltungsspielraums - im Rahmen des SEBG und des MgFSG bewusst unterschiedliche Sanktionen gewählt. Eine der Regelung des § 36 Satz 3 MgFSG entsprechende Auslegung von § 43 SEBG ist - selbst wenn man § 45 SEBG als nicht geeignete Sanktion iSv.
Art. 11 der Richtlinie 2001/86/EG ansähe (vgl. dazu NK-ArbR/Sagan 2. Aufl. SEBG § 45 Rn. 5 f.) - daher nicht möglich.
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