BGH, Urteil vom 01.06.2021 – X ZR 8/20 – Ausgleichsanspruch des Pauschalreisenden wegen Flugannullierung: Anrechenbarkeit einer Entschädigungsleistung des…
KORE304492021 ECLI:DE:BGH:2021:010621UXZR8.20.0 BGH 10. Zivilsenat 20210601 X ZR 8/20 Urteil Art 7 Abs 1 EGV 261/2004, Art 12 Abs 1 S 2 EGV 261/2004, Art 14 Abs 5 EURL 2015/2302, Erwägungsgrund 34 EURL 2015/2302, Erwägungsgrund 36 EURL 2015/2302, § 249 Abs 1 BGB, § 651f Abs 2 BGB vom 02.01.2002 vorgehend LG Frankfurt, 20. Dezember 2019, Az: 2-24 S 129/19, Urteilvorgehend AG Frankfurt, 9. Mai 2019, Az: 29 C 658/19 (46) DEU Bundesrepublik Deutschland Ausgleichsanspruch des Pauschalreisenden wegen Flugannullierung: Anrechenbarkeit einer Entschädigungsleistung des Reiseveranstalters für nutzlos aufgewendete Urlaubszeit Eine Entschädigungsleistung, die ein Fluggast nach Stornierung eines zu einer Pauschalreise gehörenden Flugs vom Reiseveranstalter für nutzlos aufgewendete Urlaubszeit erhalten hat, stellt eine Schadensersatzleistung dar, die gemäß Art. 12 Abs. 1 Satz 2 FluggastrechteVO auf Ansprüche auf Ausgleichszahlungen nach Art. 7 Abs. 1 FluggastrechteVO nach Maßgabe der Grundsätze über die Vorteilsausgleichung anrechenbar ist.
Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil der 24. Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt am Main vom 20. Dezember 2019 aufgehoben, soweit darin zum Nachteil der Beklagten entschieden wurde.
Die Berufung der Klägerin gegen das Urteil des Amtsgerichts Frankfurt am Main vom 9. Mai 2019 wird zurückgewiesen.
Die Klägerin trägt die Kosten des Rechtsstreits.
Von Rechts wegen 1 Die Klägerin buchte bei einer Reiseveranstalterin für die Zeit vom 5. bis 12. Oktober 2016 eine Urlaubsreise, die von der Beklagten durchzuführende Flüge von Frankfurt am Main auf die Kapverden und zurück umfasste. Der Hinflug wurde annulliert.
2 Die Reiseveranstalterin kündigte die Reise. Die Klägerin nahm sie erfolgreich auf Entschädigung wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit in Höhe von 750 Euro in Anspruch.
3 Von der Beklagten hat die Klägerin eine Ausgleichszahlung nach Art. 5 Abs. 1 Buchst. c und Art. 7 Abs. 1 Satz 1 Buchst. b FluggastrechteVO für den annullierten Hinflug und den nicht angetretenen Rückflug in Höhe von insgesamt 1.200 Euro sowie Erstattung vorgerichtlicher Rechtsanwaltskosten verlangt.
4 Das Amtsgericht hat die Klage abgewiesen.
5 Das Landgericht hat die Beklagte wegen des Hinflugs zur Zahlung von 600 Euro nebst anteiligen Anwaltskosten verurteilt und die weitergehende Berufung der Klägerin zurückgewiesen.
6 Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt die Beklagte ihren Antrag auf vollständige Abweisung der Klage weiter. Die Klägerin tritt dem Rechtsmittel entgegen.
7 Die zulässige Revision ist begründet und führt zur Wiederherstellung des erstinstanzlichen Urteils.
8 I. Das Berufungsgericht hat angenommen, die Beklagte sei wegen der Annullierung des Hinflugs zur Leistung einer Ausgleichszahlung verpflichtet. Sie müsse sich Zahlungen der Reiseveranstalterin wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit nicht gemäß Art. 12 FluggastrechteVO anrechnen lassen. Der Zweck der nach § 651f Abs. 2 BGB aF geschuldeten Entschädigung wegen Reisevereitelung und der Zweck der Ausgleichsleistung nach Art. 7 FluggastrechteVO stimmten nicht überein. Die Ausgleichsleistung kompensiere nicht entgangene Urlaubszeit, sondern allein die Unannehmlichkeiten eines Zeitverlusts infolge der Flugannullierung.
9 II. Diese Beurteilung hält der revisionsrechtlichen Überprüfung im entscheidenden Punkt nicht stand.
10 1. Rechtsfehlerfrei und insoweit nicht angegriffen hat das Berufungsgericht angenommen, dass die Voraussetzungen des Art. 5 Abs. 1 Buchst. c FluggastrechteVO im Streitfall vorliegen.
11 2. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts stellt die Entschädigungsleistung, die die Klägerin von der Reiseveranstalterin für nutzlos aufgewendete Urlaubszeit erhalten hat, eine Schadensersatzleistung dar, die gemäß Art. 12 Abs. 1 Satz 2 FluggastrechteVO auf Ansprüche auf Ausgleichszahlungen nach Art. 7 Abs. 1 FluggastrechteVO anrechenbar ist.
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14 Aus dem Wortlaut und der Entstehungsgeschichte des § 651f Abs. 2 BGB aF ergibt sich die gesetzgeberische Wertung, dass bei Vereitelung der Reise von einer so schwerwiegenden Beeinträchtigung des vertraglich geschuldeten Leistungserfolgs auszugehen ist, dass eine Entschädigung dafür geboten ist, dass der Kunde seine Urlaubszeit nicht so verbringen konnte wie vom Veranstalter geschuldet.
15 Mit dem Ausgleichsanspruch nach der Fluggastrechteverordnung wird eine pauschalierte Entschädigung für die Unannehmlichkeiten gewährt, die einem Fluggast mit der Annullierung eines Flugs entstehen (EuGH, Urteil vom 23. Oktober 2012 - C-581/10 und C-629/10, NJW 2013, 671 Rn. 74 - Nelson). Nicht erfasst sind hiervon individuelle Schäden, die der Fluggast über die allgemeinen Unannehmlichkeiten hinaus erlitten hat (EuGH, Beschluss vom 28. Mai 2020 - C-153/19, RRa 2020, 190 Rn. 35 - DER Touristik GmbH).
16 Der Gerichtshof hat entschieden, dass das zuständige nationale Gericht die nach der Verordnung gewährte Ausgleichszahlung auf den weitergehenden Schadensersatzanspruch anrechnen lassen kann, aber nicht dazu verpflichtet ist und dass die Fluggastrechteverordnung dem nationalen Gericht keine Bedingungen für die Anrechnung vorgibt (EuGH, Beschluss vom 28. Mai 2020 - C-153/19, RRa 2020, 190 Rn. 32 - DER Touristik GmbH; Urteil vom 29. Juli 2019 - C-354/18, RRa 2019, 280 Rn. 44 ff. - Rusu).
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19 Der Anspruch auf Ausgleichszahlung und der Anspruch auf Schadensersatz wegen vertaner Urlaubszeit sind beide auf eine pauschale Entschädigung dafür gerichtet, dass der mit der geschuldeten Leistung angestrebte Zweck nicht erreicht wurde und der Reisende seine Zeit nicht wie geplant verbringen konnte.
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21 Wie die Revision zutreffend ausführt, dient auch die Ausgleichsleistung nach Art. 7 FluggastrechteVO jedenfalls nicht allein dem Ausgleich von Unannehmlichkeiten während der Zeit des geplanten Flugs. Sie trägt vielmehr in erster Linie dem Umstand Rechnung, dass eine Flugannullierung und ein dadurch verursachter Zeitverlust typischerweise die Dispositionen für den Zeitraum nach der geplanten Ankunft beeinträchtigen.
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23 Die Ausgleichsleistung nach Art. 7 FluggastrechteVO entschädigt die Fluggäste dafür, dass sie über ihre Zeit nicht wie geplant verfügen konnten. Die Situation eines Pauschalreisenden unterscheidet sich insoweit nicht grundlegend von der Situation anderer Fluggäste. Pauschalreisende haben lediglich den Vorteil, dass sie eine Entschädigung wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit auch vom Reiseveranstalter verlangen können.
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25 Diesbezügliche Unterschiede haben zwar in der Regel Einfluss auf die Höhe der nach § 651f Abs. 2 BGB aF geschuldeten Entschädigung. Ungeachtet dessen umfasst diese Entschädigung aber auch die Unannehmlichkeiten, die infolge der Stornierung des Flugs entstanden sind. Dass ein Fluggast deshalb im Einzelfall bessergestellt sein kann, wenn die Auswirkungen auf die Reise gering bleiben und die nach § 651f Abs. 2 BGB aF geschuldete Entschädigung deshalb hinter dem nach Art. 7 FluggastrechteVO zu zahlenden Betrag zurückbleibt, rechtfertigt keine abweichende Beurteilung. Solche Effekte sind eine immanente Folge der in Art. 7 FluggastrechteVO vorgesehenen Pauschalierung. Diese kann auch in anderem Zusammenhang dazu führen, dass ein Fluggast bessergestellt ist, wenn er im Einzelfall nur geringe Unannehmlichkeiten erlitten hat.
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27 Ein Anspruch auf Geldleistung als Ausgleich für nutzlos aufgewendete Urlaubszeit ist ein Anspruch auf Schadensersatz im Sinne von Art. 14 Abs. 5 der Pauschalreise-Richtlinie. Dies ergibt sich aus Erwägungsgrund 34 der Richtlinie, wonach der Schadenersatz auch immaterielle Schäden umfassen sollte, wie beispielsweise entgangene Urlaubsfreuden infolge erheblicher Probleme bei der Erbringung der betreffenden Reiseleistungen.
28 Vor diesem Hintergrund kann eine Ausgleichsleistung nach Art. 7 FluggastrechteVO nicht abweichend qualifiziert werden. Auch diese stellt einen pauschalierten Ausgleich für materielle und immaterielle Beeinträchtigungen und damit für Schäden im Sinne der Pauschalreise-Richtlinie dar.
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32 Dabei kann dahingestellt bleiben, ob die Kündigung durch die Stornierung des Flugs verursacht worden ist oder auf anderen Gründen beruht. Auch im zuletzt genannten Fall deckt die Entschädigung nach § 651f Abs. 2 BGB die Unannehmlichkeiten mit ab, die die Klägerin erlitten hat, weil sie den geplanten Flug nicht absolvieren konnte und deshalb in ihren zeitlichen Dispositionen beeinträchtigt worden ist.
33 III. Der Rechtsstreit ist zur Entscheidung reif (§ 562 Abs. 3 ZPO).
34 Wie oben dargelegt wurde, steht der Klägerin auf der Grundlage des vom Berufungsgericht festgestellten Sachverhalts ein Anspruch auf Ausgleichszahlung nicht zu. Damit besteht auch kein Anspruch auf Erstattung vorgerichtlicher Rechtsanwaltskosten.
35 Ergänzender Parteivortrag, der zu einer abweichenden Beurteilung führen könnte, ist nicht ersichtlich.
36 IV. Die Kostenentscheidung beruht auf § 91 Abs. 1 und § 97 Abs. 1 ZPO.
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