BGH, Beschluss vom 01.06.2022 – 1 StR 65/22 – Versuchte schwere Zwangsprostitution: Tatvollendung und unmittelbares Ansetzen 1. Auf die Revision des Angeklagten wird das…
KORE602132022 ECLI:DE:BGH:2022:010622B1STR65.22.0 BGH 1. Strafsenat 20220601 1 StR 65/22 Beschluss § 22 StGB, § 232a Abs 3 StGB, § 3 ProstSchG, §§ 3ff ProstSchG vorgehend LG München I, 8. Juli 2021, Az: 10 KLs 471 Js 115431/20 DEU Bundesrepublik Deutschland Versuchte schwere Zwangsprostitution: Tatvollendung und unmittelbares Ansetzen 1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts München I vom 8. Juli 2021 mit den Feststellungen aufgehoben; jedoch bleiben die Feststellungen zur objektiven Tatseite aufrechterhalten.
1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen versuchter schwerer Zwangsprostitution in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung und mit versuchter Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt; daneben hat es eine Adhäsionsentscheidung getroffen. Die gegen die Verurteilung gerichtete Revision des Angeklagten, mit der er die Verletzung formellen und materiellen Rechts beanstandet, hat mit der Sachrüge überwiegend Erfolg (§ 349 Abs. 4 StPO); im Übrigen ist das Rechtsmittel unbegründet (§ 349 Abs. 2 StPO).
2 1. Nach den Feststellungen des angefochtenen Urteils belog der in Deutschland ansässige Angeklagte Ende Oktober 2019 die 20-jährige rumänische Geschädigte P. über Chatnachrichten, er wolle mit ihr in Deutschland eine Familie gründen, sie solle einen Sprachkurs besuchen und er werde ihr ein besseres Leben als in Rumänien ermöglichen. Tatsächlich wollte der Angeklagte die Geschädigte in die Nähe von M. locken, damit sie dort als Prostituierte den monatlichen Lebensunterhalt für beide mit mindestens 3.000 € verdiene (UA S. 37 f.). Am 6./7. Dezember 2019 zog die Geschädigte, die noch nie Rumänien verlassen hatte und ihren Eltern vorspiegelte, sie würde in Rumänien bleiben, im Glauben an eine Liebesbeziehung mit dem Angeklagten in dessen Einzimmerwohnung in G. . Ein paar Tage später forderte der Angeklagte die Geschädigte auf, als Prostituierte zu arbeiten; um sie hierfür gefügig zu machen, würgte er sie, sodass sie kurzzeitig keine Luft bekam, und drohte ihr, sie aus dem 10. Stockwerk eines Gebäudes zu werfen oder an „die Albaner“ auszuliefern. Da sich die Geschädigte weigerte, vermittelte der Angeklagte ihr vorübergehend eine Stelle als Reinigungskraft. Als die Geschädigte in einem Supermarkt arbeiten wollte, entgegnete der Angeklagte, er entscheide, wo sie arbeite. Die Geschädigte trennte sich dennoch nicht vom Angeklagten, weil sie an ihm hing und zudem fürchtete, ohne ihn in Deutschland als Sprachunkundige nicht zurecht zu kommen.
3 Aus Furcht vor weiterer Gewalt vereinbarte die Geschädigte Ende Januar 2019 persönlich einen Termin beim Kreisverwaltungsreferat in M. , um sich als Prostituierte anzumelden. Der Angeklagte erhielt von der Hausdame N. vom Bordell „V. “ die Zusage, die Geschädigte könne dort als Prostituierte nach der behördlichen Anmeldung arbeiten. Vor dem Termin drohte der Angeklagte der Geschädigten, er werde sie umbringen, falls sie ihn bei der Anmeldung erwähne. Am 31. Januar 2020 offenbarte die Geschädigte gegenüber der Sachbearbeiterin des Kreisverwaltungsreferats, der Angeklagte zwinge sie, als Prostituierte zu arbeiten; nach dem Termin kehrte die Geschädigte nicht zum Angeklagten zurück.
4 2. Die Annahme, dass der Angeklagte bereits die Schwelle zum Versuch einer schweren Zwangsprostitution überschritten habe (§ 232a Abs. 3, § 12 Abs. 1, 3, §§ 22, 23 Abs. 1 erster Halbsatz StGB), hält sachlichrechtlicher Nachprüfung nicht stand (dazu unter a)). Auch auf den – im Strafrahmen identischen – Verbrechenstatbestand des besonders schweren Menschenhandels (§ 232 Abs. 3 Satz 2, Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 Alternative 1, Abs. 2 Nr. 1, Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. a Variante 1 StGB) lässt sich die Verurteilung nicht stützen (dazu unter b)).
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7 Der Wortlaut „Aufnahme der Prostitution“ begrenzt dieses Tatbestandsmerkmal dahin, dass das Nötigungsopfer sexuelle Handlungen gegen Entgelt zumindest anbietet, und zwar in der Absicht, solche mit wechselnden Personen zu wiederholen, sich also in diesem Sinne für potentielle Freier wahrnehmbar „bereithält“ (vgl. BGH, Urteil vom 21. Oktober 1999 – 4 StR 376/99 Rn. 8, BGHR StGB § 181 Abs. 1 Nr. 1 Drohung 1; Beschluss vom 20. Juni 2001 – 3 StR 135/01 Rn. 12, BGHR StGB § 181 Abs. 1 Nr. 1 Konkurrenzen 2; je mwN; BT-Drucks. 18/9095, S. 27). Mit einer solchen auf eine sexuelle Dienstleistung abzielenden Handlung des Tatopfers ist die Tat vollendet (vgl. BGH, Urteil vom 21. Oktober 1999 – 4 StR 376/99 Rn. 11, BGHR StGB § 181 Abs. 1 Nr. 1 Drohung 1;
Beschluss vom 20. Juni 2001 – 3 StR 135/01 Rn. 12, BGHR StGB § 181 Abs. 1 Nr. 1 Konkurrenzen 2). Aufgrund dieses erforderlichen Bezugs zu unmittelbar nachfolgenden sexuellen Dienstleistungen genügen Verhandlungen mit einem Bordellbetreiber über eine Beschäftigung (vgl. dazu BGH, Beschluss vom 25. März 1997 – 4 StR 556/96 Rn. 5 mwN, BGHR StGB § 181 Abs. 1 Nr. 1 Prostitution 2) ebenso wenig wie die Erfüllung der Anmeldepflicht nach §§ 3 ff. ProstSchG. Zur Abgrenzung des Vorbereitungsstadiums vom Versuchsstadium kann hier offenbleiben, ob § 232a Abs. 3 StGB ein eigenständiger Tatbestand (so etwa MüKoStGB/Renzikowski, 4. Aufl., § 232a Rn. 35; S/S-Eisele, StGB, 30. Aufl., § 232a Rn. 24; Lackner/Kühl/Heger, StGB, 29.
Aufl., § 232a Rn. 7; SK-StGB/Wolters, 9. Aufl., § 232a Rn. 32; vgl. zu § 232 Abs. 4 StGB aF BGH, Urteil vom 9. Oktober 2013 – 2 StR 297/13 Rn. 22; dazu unter [a]) neben oder eine Qualifikation (so etwa Fischer, StGB, 69. Aufl., § 232a Rn. 26; dazu unter [b]) zu § 232 StGB ist.
8 (a) Mit Ausführung der tatbestandsmäßigen Handlung ist die Tat im Versuchsstadium. Bei Erfolgsdelikten ist jedoch eine Wertung erforderlich, ob die in Rede stehende Handlung den Erfolgseintritt unmittelbar herbeiführen soll oder noch weitere Akte erforderlich sind (vgl. BGH, Urteile vom 22. Dezember 2021 – 3 StR 255/21 Rn. 13 und vom 9. Mai 2017 – 1 StR 265/16 Rn. 95; Beschluss vom 12. Januar 2011 – 1 StR 540/10 Rn. 7). Dies bedeutet für die Tathandlung des § 232a Abs. 3 StGB „mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel veranlasst“, also eine für den Erfolg zumindest mitursächliche Handlung (BT-Drucks. 18/9095, S. 32 f.), dass nur solche Nötigungen dem Versuchsbeginn unterfallen, die dem tatbestandlichen Erfolg, der Aufnahme der Prostitution, mithin dem Anbieten von sexuellen Handlungen im vorgenannten Sinne, unmittelbar vorgelagert sind (vgl. MüKoStGB/Renzikowski, 4. Aufl., § 232a Rn. 60; S/S-Eisele, StGB, 30. Aufl., § 232a Rn. 22; Lackner/Kühl/Heger, StGB, 29. Aufl., § 232a Rn. 6; SK-StGB/Wolters, 9. Aufl., § 232a Rn. 31).
9 (b) Nichts anderes gilt bei Annahme eines Qualifikationstatbestandes. Denn der Versuch muss sich auf das Verwirklichen des Grunddelikts beziehen; das Ausführen der die Tat qualifizierenden Handlung allein ist nicht ausschlaggebend. Für den Versuchsbeginn kommt es den allgemeinen Grundsätzen entsprechend vielmehr darauf an, ob das geschützte Rechtsgut aus Sicht des Täters schon dadurch konkret gefährdet wird, weil sein Handeln nach seinem Tatplan in die Tatbestandsverwirklichung münden soll, ohne dass es eines neuen Willensimpulses bedarf (st. Rspr.; BGH, Beschlüsse vom 19. Mai 2021 – 6 StR 28/21 Rn. 6 und vom 20. September 2016 – 2 StR 43/16, BGHR StGB § 22 Ansetzen 40 Rn. 3; vgl. auch BGH, Beschluss vom 14. Januar 2020 – 4 StR 397/19; je mwN).
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