BGH, Beschluss vom 05.02.2024 – 3 StR 470/23 – Strafzumessung bei Anstiftung zur falschen uneidlichen Aussage: Tatbestandsmerkmal "als Zeuge" als tatbezogenes persönliches…
KORE700892024 ECLI:DE:BGH:2024:050224B3STR470.23.0 BGH 3. Strafsenat 20240205 3 StR 470/23 Beschluss § 14 Abs 1 StGB, § 26 StGB, § 28 Abs 1 StGB, § 49 Abs 1 StGB, § 153 StGB vorgehend LG Oldenburg (Oldenburg), 15. August 2023, Az: 3 KLs 14/23vorgehend BGH, 11. Januar 2023, Az: 3 StR 445/22, Beschlussvorgehend LG Aurich, 19. September 2022, Az: 11 KLs 45/20vorgehend BGH, 8. März 2022, Az: 3 StR 398/21, Beschlussvorgehend LG Aurich, 3. Juni 2021, Az: 11 KLs 45/20 DEU Bundesrepublik Deutschland Strafzumessung bei Anstiftung zur falschen uneidlichen Aussage: Tatbestandsmerkmal "als Zeuge" als tatbezogenes persönliches Merkmal Das die Strafbarkeit begründende Tatbestandsmerkmal „als Zeuge“ in § 153 StGB ist kein besonderes persönliches Merkmal im Sinne des § 28 Abs. 1 StGB, sondern ein tatbezogenes persönliches Merkmal, auf welches die Norm keine Anwendung findet.
Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Oldenburg vom 15. August 2023 wird verworfen.
Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.
I.
1 Das Landgericht Aurich hatte den Angeklagten mit Urteil vom 3. Juni 2021 wegen Anstiftung zur uneidlichen Falschaussage in Tateinheit mit Strafvereitelung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt und deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt. Auf seine Revision hatte der Senat mit Beschluss vom 8. März 2022 (3 StR 398/21, NStZ-RR 2022, 133) das Urteil im Strafausspruch unter Aufrechterhaltung der zugehörigen Feststellungen aufgehoben und die Sache in diesem Umfang zu neuer Verhandlung und Entscheidung an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
2 Im zweiten Rechtsgang hatte das Landgericht Aurich den Angeklagten mit Urteil vom 19. September 2022 auf Grundlage des rechtskräftigen Schuldspruchs zu derselben Freiheitsstrafe wie zuvor verurteilt. Auf seine Revision hatte der Senat mit Beschluss vom 11. Januar 2023 (3 StR 445/22, NStZ 2024, 154) das Urteil unter Aufrechterhaltung der Feststellungen aufgehoben und die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung an eine Strafkammer des Landgerichts Oldenburg zurückverwiesen.
3 Nunmehr hat das Landgericht Oldenburg den Angeklagten im dritten Rechtsgang zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt, deren Vollstreckung es zur Bewährung ausgesetzt hat. Hiergegen wendet sich die auf die Sachrüge gestützte Revision des Angeklagten. Das Rechtsmittel ist unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO.
II.
4 Die sachlichrechtliche Nachprüfung des Urteils hat zum noch allein in Rede stehenden Strafausspruch keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben.
5 Das Landgericht hat insbesondere rechtsfehlerfrei den sich aus den §§ 153, 26 StGB ergebenden Strafrahmen zu Grunde gelegt und keine Strafrahmenverschiebung gemäß § 28 Abs. 1, § 49 Abs. 1 StGB vorgenommen. Denn das die Strafbarkeit begründende und vom Angeklagten als Anstifter nicht verwirklichte Tatbestandsmerkmal „als Zeuge“ in § 153 StGB ist kein besonderes persönliches Merkmal im Sinne des § 28 Abs. 1 StGB, sondern ein tatbezogenes persönliches Merkmal, auf welches die Norm keine Anwendung findet (vgl. ohne ausdrückliche Erörterung BGH, Urteile vom 18. März 1976 - 4 StR 77/76, BGHSt 27, 74, 76; vom 18. Oktober 1978 - 2 StR 368/78, BGHSt 28, 155, 156; vom 5. April 2007 - 4 StR 5/07, wistra 2007, 341, 342; Beschlüsse vom 11. Dezember 2013 - 2 StR 478/13, NJW 2014, 1403; vom 29. August 2017 - 4 StR 116/17, juris Rn. 7 f.).
6 Hierzu gilt:
7 1. Im Ausgangspunkt ist zwischen täterbezogenen persönlichen Merkmalen, die als besondere persönliche Merkmale im Sinne des § 28 Abs. 1 StGB behandelt werden, und tatbezogenen persönlichen Merkmalen, auf welche die Vorschrift keine Anwendung findet, zu unterscheiden (st. Rspr.; vgl. BGH, Urteile vom 29. September 1993 - 2 StR 336/93, BGHSt 39, 326, 327 f.; vom 25. Januar 1995 - 5 StR 491/94, BGHSt 41, 1 f. mwN; vom 23. Oktober 2018 - 1 StR 454/17, BGHSt 63, 282 Rn. 15; Beschluss vom 24. März 2021 - 4 StR 416/20, BGHSt 66, 66 Rn. 8; kritisch Herzberg, ZStW 88 [1976], S. 68, 79 ff.; Geppert, ZStW 82 [1970], S. 40, 57 f.; Langer, FS Lange, 1976, S. 241, 258; vgl. auch Fischer, StGB, 71. Aufl., § 28 Rn. 3 f.).
8 Die Abgrenzung hängt davon ab, ob das betreffende Merkmal im Schwergewicht die Tat oder die Persönlichkeit des Täters kennzeichnet (st. Rspr.; vgl. BGH, Urteile vom 29. September 1993 - 2 StR 336/93, BGHSt 39, 326, 328; vom 25. Januar 1995 - 5 StR 491/94, BGHSt 41, 1, 2 mwN; vom 23. Oktober 2018 - 1 StR 454/17, BGHSt 63, 282 Rn. 16; Beschlüsse vom 22. Januar 2013 - 1 StR 234/12, BGHSt 58, 115, 117 f.; vom 24. März 2021 - 4 StR 416/20, BGHSt 66, 66 Rn. 9). Umstände, die eine besondere Gefährlichkeit des Täterverhaltens anzeigen oder die Ausführungsart des Delikts beschreiben, sind in der Regel tatbezogen. Die Einordnung muss in wertender Betrachtung unter Beachtung des Charakters und der Schutzrichtung des jeweiligen Tatbestandes erfolgen (vgl. BGH, Urteil vom 23. Oktober 2018 - 1 StR 454/17, BGHSt 63, 282 Rn. 16 mwN).
9 Im Bereich der durch Pflichten gekennzeichneten Merkmale ist für die Abgrenzung letztlich maßgeblich, welche Art von Pflicht das Merkmal umschreibt. Handelt es sich um eine vorstrafrechtliche Sonderpflicht, wird eher die Persönlichkeit des Täters gekennzeichnet und ist daher das Merkmal täterbezogen. Handelt es sich dagegen um ein strafrechtliches, an jedermann gerichtetes Gebot, wird eher die Tat gekennzeichnet und ist damit das Merkmal tatbezogen (vgl. BGH, Urteile vom 25. Januar 1995 - 5 StR 491/94, BGHSt 41, 1, 4 f. mwN; vom 23. Oktober 2018 - 1 StR 454/17, BGHSt 63, 282 Rn. 17 mwN; Beschlüsse vom 22. Januar 2013 - 1 StR 234/12, BGHSt 58, 115 Rn. 8 ff.; vom 24. März 2021 - 4 StR 416/20, BGHSt 66, 66 Rn. 9).
10 2. Nach diesem Maßstab, der eine dem jeweiligen Tatbestand gerecht werdende Bestimmung des Unrechtsgehalts der Teilnahmehandlung ermöglicht, ist das Merkmal „als Zeuge“ in § 153 StGB ein tatbezogenes persönliches Merkmal, auf welches § 28 Abs. 1 StGB keine Anwendung findet (im Ergebnis ebenso MüKoStGB/Müller, 4. Aufl., Vor § 153 Rn. 19; LK/Wolters/Ruß, StGB, 13. Aufl., Vor § 153 Rn. 7; Schönke/Schröder/Bosch/Schittenhelm, StGB, 30. Aufl., Vor §§ 153 ff. Rn. 42; Fischer, StGB, 71. Aufl., Vor § 153 Rn. 2; Lackner/Kühl/Heger, StGB, 30. Aufl., § 153 Rn. 7; Matt/Renzikowski/Norouzi, StGB, 2. Aufl., Vor § 153 Rn. 3; SSW-StGB/Sinn, 6. Aufl., § 153 Rn. 4; Müller, Falsche Zeugenaussage und Beteiligungslehre, 2000, S. 339 ff.;
Grünwald, GS Kaufmann, 1989, S. 555, 563; Heidland, Die besonderen persönlichen Merkmale im Sinne des § 50 Abs. 2 StGB, 1971, S. 93 ff.; Gerl, Die besonderen persönlichen Merkmale im Sinne des § 28 StGB, 1975, S. 147 ff.; Otto, Grundkurs Strafrecht 2, 7. Aufl., § 97 Rn. 31; Stein, Die strafrechtliche Beteiligungsformenlehre, 1988, S. 338; Roeder, ZStW 69 [1957], S. 223, 252; anders dagegen LK/Schünemann/Greco, StGB, 13. Aufl., § 28 Rn. 63 ff.; MüKoStGB/Joecks/Scheinfeld, 4. Aufl., § 28 Rn. 32; NK-StGB/Vormbaum, 6. Aufl., § 153 Rn. 111; Vormbaum, Der strafrechtliche Schutz des Strafurteils, 1987, S. 282 ff.; NK-StGB/Puppe, 6. Aufl., § 28 Rn. 70; SK-StGB/Hoyer, 9. Aufl., § 29 Rn. 37; SK-StGB/Zöller, 9. Aufl., Vor § 153 Rn. 10;
Deichmann, Grenzfälle der Sonderstraftat, 1994, S. 108 f.; Herzberg, GA 1991, 145, 182; ders., ZStW 88 [1976], S. 68, 103; Langer, FS Wolf, 1985, S. 335, 345 ff.; ders., FS Lange, 1976, S. 241 ff.; Hake, Beteiligungsstrafbarkeit und „besondere persönliche Merkmale“, 1994, S. 111 f.; Hirsch, ZStW 88 [1976], S. 752, 771).
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15 Im Fall der Teilnahme am Parteienmeineid gemäß § 154 Abs. 1 StGB ergäben sich aus der Anwendung des § 28 Abs. 1 StGB beim Zeugen im Rahmen der falschen uneidlichen Aussage gemäß § 153 StGB erhebliche Wertungswidersprüche. Denn es fehlt im Tatbestand des § 154 Abs. 1 StGB, der ausdrücklich nur „falsches Schwören“ voraussetzt, ein besonderes persönliches Merkmal, das den Zivilprozessparteien eine Sonderpflicht zur Wahrheit auferlegt. Zur Vermeidung einer Ungleichbehandlung müsste die Gegenauffassung entweder auf die Anwendung des § 28 Abs. 1 StGB in Fällen des § 154 StGB gänzlich verzichten oder auch für die Zivilprozesspartei eine Pflichtenstellung hinsichtlich der Wahrheitspflicht annehmen (vgl. Müller, Falsche Zeugenaussage und Beteiligungslehre, 2000, S. 358).
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17 Nach § 160 Halbsatz 1 StGB ist strafbar, wer einen anderen zur Ableistung eines falschen Eides verleitet. Die Vorschrift soll die Lücke schließen, die sich daraus ergibt, dass es sich bei den §§ 153 ff. StGB um eigenhändige Delikte handelt, die deshalb nicht in mittelbarer Täterschaft begangen werden können (Schönke/Schröder/Bosch/Schittenhelm, StGB, 30. Aufl., § 160 Rn. 1; Fischer, StGB, 71. Aufl., § 160 Rn. 2; kritisch Küper, JZ 2012, 992, 996 f.).
18 Mit Blick darauf, dass sich die Norm ohnehin nicht bruchlos in die Gesetzessystematik der Aussagedelikte einfügt, können Folgerungen aus ihr jedenfalls nicht ohne Weiteres gezogen werden (vgl. Heidland, Die besonderen persönlichen Merkmale im Sinne des § 50 Abs. 2 StGB, 1971, S. 97; Müller, Falsche Zeugenaussage und Beteiligungslehre, 2000, S. 383 f.). So lässt die geringere Strafandrohung in § 160 Halbsatz 1 StGB für den Nichtzeugen, der täterschaftlich auf das Rechtsgut einwirkt, nicht den Schluss zu, dass die bewusste Falschaussage gemäß § 153 StGB eine besondere Pflichtwidrigkeit des zur Aussage Verpflichteten darstellt, in der ein personaler Unwert zu sehen ist, der die Anstiftung zur Falschaussage gemäß §§ 153, 26 StGB strafwürdiger erscheinen lässt als eine Verleitung nach § 160 StGB (aA SK-StGB/Hoyer, 9. Aufl., § 28 Rn. 37;
Herzberg, GA 1991, S. 145, 182; ders., ZStW 88 [1976], S. 68, 103 f.; Gallas, FS Engisch, 1969, S. 600, 607 ff., 614 f.; Vormbaum, Der strafrechtliche Schutz des Strafurteils, 1987, S. 283; Deichmann, Grenzfälle der Sonderstraftat, 1994, S. 60 ff.; Hake, Beteiligungsstrafbarkeit und „besondere persönliche Merkmale“, 1994, S. 112). Vielmehr ist der Strafrahmen des § 160 StGB, der den mittelbaren Täter erheblich privilegiert, historisch zu erklären. Er knüpft an die Vorstellung des Meineids als Sakraldelikt an (vgl. BGH, Beschluss vom 24. Oktober 1955 - GSSt 1/55, BGHSt 8, 301, 309; Urteil vom 13. Juli 1966 - 4 StR 178/66, BGHSt 21, 116, 117). Danach bestand zwischen einem vorsätzlichen Meineid gemäß § 154 StGB und einem nur unvorsätzlichen Falscheid im Sinne von § 160 Halbsatz 1 StGB ein erheblicher Wertungsunterschied.
Denn das im sakralen Moment der Vereidigung liegende Schutzgut war im letzteren Fall nicht betroffen. Daher erschien die Verleitung zu diesen Delikten weniger strafwürdig als die Anstiftung zu jenen (MüKoStGB/Joecks/Scheinfeld, 4. Aufl., § 28 Rn. 32; Schönke/Schröder/Bosch/Schittenhelm, StGB, 30. Aufl., § 160 Rn. 3/4; Fischer, StGB, 71. Aufl., Vor § 153 ff. Rn. 1; Heidland, Die besonderen persönlichen Merkmale im Sinne des § 50 Abs. 2 StGB, 1971, S. 95 ff.; Müller, Falsche Zeugenaussage und Beteiligungslehre, 2000, S. 354 ff., 381 ff.).
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Schäfer Anstötz Erbguth Kreicker Voigt http://www.rechtsprechung-im-internet.de/jportal/?quelle=jlink&docid=jb-KORE700892024&psml=bsjrsprod.psml&max=true Deutschland deutsch BMJV public