BGH, Urteil vom 25.09.2024 – 3 StR 32/24 – Volksverhetzung: Übersendung eines den Holocaust leugnenden Schreibens an eine Behörde Die Revision der Staatsanwaltschaft gegen…
KORE710912024 ECLI:DE:BGH:2024:250924U3STR32.24.0 BGH 3. Strafsenat 20240925 3 StR 32/24 Urteil § 11 Abs 3 StGB, § 130 Abs 2 Nr 1 StGB, § 261 StPO, § 267 StPO vorgehend LG München II, 10. August 2023, Az: 4 KLs 11 Js 44491/21 DEU Bundesrepublik Deutschland Volksverhetzung: Übersendung eines den Holocaust leugnenden Schreibens an eine Behörde Die Revision der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des Landgerichts München II vom 10. August 2023 wird verworfen.
Die Staatskasse trägt die Kosten des Rechtsmittels und die der Angeklagten dadurch entstandenen notwendigen Auslagen.
Von Rechts wegen 1 Das Landgericht hat die Angeklagte vom Vorwurf der Volksverhetzung freigesprochen. Hiergegen wendet sich die Staatsanwaltschaft mit ihrer zuungunsten der Angeklagten eingelegten, auf die Sachrüge gestützten Revision. Das vom Generalbundesanwalt vertretene Rechtsmittel bleibt ohne Erfolg.
I.
2 1. Das Landgericht hat folgende Feststellungen und Wertungen getroffen:
3 Die bereits zweifach wegen Volksverhetzungsdelikten zu Freiheitsstrafen verurteilte Angeklagte schickte im Oktober 2021 per Telefax ein 339-seitiges Schreiben an das Finanzamt M. zu sie betreffenden Steuernummern. Zu Beginn des Schreibens führte sie aus, dass drei im Vormonat ergangene Bescheide weder sachlich noch rechtlich berechtigt seien. Darüber hinaus befasste sie sich unter anderem mit Corona-Maßnahmen und über mehr als fünfzig Seiten mit der „Verfolgung sogenannter ‚Holocaustleugner‘“. Hierbei stellte sie den geschichtlich anerkannten Holocaust mehrere Male bewusst in Abrede. An anderer Stelle schrieb sie: „Der Hinweis auf Verbrechen von Immigranten bzw. Ausländern gegenüber Deutschen, wird als ‚Haßrede‘ bezeichnet und u.U. wegen ‚Volksverhetzung‘ bestraft. Tatsache ist, daß von Immigranten bzw. Ausländern viele schwerwiegende Verbrechen begangen werden.“ Ferner diskreditierte sie bewusst und gewollt Menschen aus anderen Ländern pauschal als Straftäter und stellte sie gezielt aufgrund ihrer Herkunft in einen vermeintlichen Gegensatz zu deutschen Staatsangehörigen. Das Schreiben endete mit einem den Leser ansprechenden Absatz: „Soweit die ausführliche Begründung. Vielleicht sind Sie der Meinung, um die Hintergründe Ihrer Tätigkeit bräuchten Sie sich keine Gedanken zu machen, da dies nicht in Ihren ‚Zuständigkeitsbereich‘ fällt. […] Was sind Sie bereit, für Wahrheit und Recht und ein Leben in Freiheit einzusetzen?“ 4 Die Angeklagte ging bei Einreichen des Schreibens davon aus, dass es als Einspruch behandelt werde und sich daher nur die mit dem Steuervorgang befassten Personen, namentlich der jeweilige Sachbearbeiter, gegebenenfalls ein Vertreter und Vorgesetzte, damit inhaltlich befassen könnten. Sie zielte darauf ab, durch den Umfang ihrer Ausführungen die Sachbearbeitung zu erschweren, und rechnete damit, dass das Schreiben nicht im vollständigen Wortlaut zur Kenntnis genommen, sondern nur kursorisch geprüft werde. Mit der Weitergabe an einen größeren Mitarbeiterkreis innerhalb des Finanzamts oder an Personen außerhalb der Behörde, möglicherweise abgesehen von weiteren Prüfungen durch Finanz- oder Strafverfolgungsorgane, rechnete sie weder, noch zielte sie darauf ab.
5 2. Die Strafkammer hat dies rechtlich dahin gewertet, dass die Angeklagte zwar den unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangenen Völkermord an den europäischen Juden als historische Tatsache geleugnet habe. Allerdings liege keine Tathandlung nach § 130 Abs. 3 oder Abs. 2 i.V.m. Abs. 5 StGB in der zur Tatzeit geltenden Fassung vor. Insbesondere fehle für ein Verbreiten die dazu erforderliche subjektive Komponente. Die Ausländer betreffende Äußerung unterfalle inhaltlich § 130 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2 Nr. 1 Buchst. c StGB, sei jedoch ebenfalls nicht verbreitet worden. Für eine Strafbarkeit fehle es im Übrigen auch an der Eignung, den öffentlichen Frieden zu stören.
II.
6 Die zulässige Revision ist unbegründet. Die vom Landgericht getroffenen Feststellungen werden von der Beweiswürdigung getragen. Nach ihnen ist kein Straftatbestand erfüllt.
7 1. Die Beweiswürdigung des Landgerichts weist keinen Rechtsfehler auf.
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Liegt ein Rechtsfehler nicht vor, so ist die tatgerichtliche Überzeugungsbildung auch dann hinzunehmen, wenn eine abweichende Würdigung der Beweise möglich oder sogar näherliegend gewesen wäre. Gleichermaßen Sache des Tatgerichts ist es, die Bedeutung und das Gewicht der einzelnen be- und entlastenden Indizien zu bewerten. Das Revisionsgericht ist insoweit auf eine Vertretbarkeitskontrolle beschränkt und nicht befugt, auf der Grundlage einer abweichenden Beurteilung der Bedeutung der Indiztatsachen in dessen Überzeugungsbildung einzugreifen (st. Rspr.; s. etwa BGH, Urteil vom 25. August 2022 - 3 StR 359/21, NJW 2023, 89 Rn. 17).
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10 Dies gilt namentlich für die Erwägung, angesichts der nur geringen Bezüge des an das Finanzamt gerichteten Schreibens zum steuerrechtlichen Verfahren könnten diese nur vorgeschoben sein. Das Landgericht hat in diesem Zusammenhang ausdrücklich berücksichtigt, dass sich ein Großteil des Textes nicht unmittelbar auf den steuerrelevanten Sachverhalt bezieht, allerdings mit näherer Begründung den möglichen Schluss gezogen, die Angeklagte habe ihr übriges Schreiben noch als Begründung dafür verfasst, dass die zugrundeliegenden Vorschriften ungültig seien. Dem angefochtenen Urteil ist ferner zu entnehmen, dass die Strafkammer in Bedacht genommen hat, die Angeklagte könnte das Schreiben an das Finanzamt nur als Plattform für die Streuung der Inhalte, gleichsam als Deckmantel, genutzt haben. Dies hat das Landgericht unter Heranziehung der Vorverurteilungen letztlich verneint. Dass es diesen einen anderen Bedeutungsgehalt zugesprochen hat als die Revision, stellt keinen Rechtsfehler dar.
11 Im Übrigen liegt kein den Bestand des Urteils gefährdender Widerspruch darin, dass die Angeklagte nach den Urteilsfeststellungen einerseits davon ausging, das Schreiben werde als Einspruch behandelt und es könnten sich daher nur die mit dem Steuervorgang befassten Personen damit inhaltlich auseinandersetzen, andererseits sie eine weitere Prüfung durch Finanz- oder Strafverfolgungsorgane für möglich hielt. Nach den einheitlich zu betrachtenden Urteilsgründen ergibt sich, dass das Landgericht zugrunde gelegt hat, die Angeklagte habe auf eine Behandlung des Schreibens innerhalb des Finanzamts abgezielt, indes eine Übermittlung an nicht unmittelbar mit dem Steuervorgang befasste Personen innerhalb der Finanzbehörde oder zur Strafverfolgung nicht ausgeschlossen.
12 Schließlich kommt es für den im Rahmen der Beweiswürdigung herangezogenen Gesichtspunkt, im Bereich der Finanzverwaltung seien die allgemeine beamtenrechtliche Verschwiegenheitspflicht und das Steuergeheimnis nach § 30 AO zu berücksichtigen, nicht entscheidend darauf an, inwieweit diese Vorschriften aus Rechtsgründen einer Weiterleitung tatsächlich entgegenstanden; denn es stellt zumindest einen möglichen Schluss dar, dass vor diesem Hintergrund die Überlassung an eine größere Personenzahl nicht vom Vorsatz der Angeklagten umfasst war.
13 2. Nach den mithin hier maßgeblichen Feststellungen hat sich die Angeklagte nicht strafbar gemacht.
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BGH aaO; zur Kettenverbreitung auch BVerfG, Beschluss vom 9. November 2011 - 1 BvR 461/08, NJW 2012, 1498 Rn. 23 ff.; BT-Drucks. 12/4825 S. 6). Eine feste Grenze, ab welcher Anzahl ein Verbreiten vorliegt, lässt sich nicht bestimmen (s. bereits RG, Urteile vom 5. Oktober 1882 - Rep. C. 2/82, RGSt 7, 113, 114; vom 22. Oktober 1883 - Rep. 2137/83, RGSt 9, 292, 293 f.). Die allgemein bestehende abstrakte Gefahr der Weitergabe durch den Empfänger an weitere Personen genügt allerdings nicht (vgl. BGH, Beschluss vom 4. August 2009 - 3 StR 174/09, juris Rn. 27).
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18 Da es ihr mithin nicht auf die Weitergabe an andere Personen ankam, müsste es sich bei den von ihr für möglich gehaltenen Empfängern um eine nicht mehr zu kontrollierende Personenzahl handeln (vgl. zu diesem Merkmal LK/Krauß, StGB, 13. Aufl., § 130 Rn. 93; Heinrich, ZJS 2016, 569, 574; Hoven/Witting, NStZ 2022, 589, 591; Schwarz/Heger, ZStW 2024, 57, 65 f.). Dies ist mit Blick auf die konkreten Umstände und das gesetzliche Regelungsgefüge nicht der Fall. Insofern ist hier von Belang, dass der Angeklagten die aus ihrer Sicht potentiell mit dem Steuerverfahren befassten Personen zwar nicht namentlich bekannt waren, es sich indes nach ihrer Erwartung um einen überschaubaren, zudem durch rechtliche Vorgaben gebundenen und so an einer willkürlichen Weitergabe gehinderten Bearbeiterkreis handelte (vgl. zum Kriterium des individuell nicht miteinander Verbundenseins BGH, Urteile vom 24. März 1999 - 3 StR 240/98, BGHR StGB § 184 Verbreiten 1; vom 30. März 1977 - 4 StR 28/77, NJW 1977, 1695). Soweit die Angeklagte nicht mehr beeinflussen konnte, wie die Empfänger tatsächlich mit dem Schreiben umgingen, ist dies bei der Herausgabe eines Schreibens an eine andere Person regelmäßig der Fall und führt für sich genommen noch nicht zu einem Verbreiten.
19 Die Möglichkeit, dass einer der Empfänger den Inhalt zur Prüfung der Strafbarkeit an Strafverfolgungsbehörden weiterleitet, eröffnet - zumindest ohne Hinzutreten weiterer besonderer Umstände - ebenfalls keinen unkontrollierbaren Empfängerkreis. In dem Fall, in dem der in Rede stehende Inhalt in einem einzigen Schreiben verkörpert ist, verhindert dessen Eingang bei den Strafverfolgungsbehörden vielmehr in der Regel, dass der Inhalt an andere Personen gelangen und weiter gestreut werden kann (vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 9. November 2011 - 1 BvR 461/08, NJW 2012, 1498 Rn. 26; BT-Drucks. 19/31115, 16; LK/Krauß, StGB, 13. Aufl., § 130 Rn. 121). Einer Breitenwirkung wird dadurch mithin entgegengewirkt, anstatt eine solche zu schaffen. Dass im Rahmen eines Ermittlungs- und Strafverfahrens mehrere Personen Kenntnis von dem Schreiben erhalten, liegt in der Natur der Sache und ist in diesem Zusammenhang jedenfalls regelmäßig nicht geeignet, ein strafbewehrtes Verbreiten zu begründen. Andernfalls würde die Strafbarkeit in Fallkonstellationen wie der vorliegenden maßgeblich bewirkt durch die Vorstellung des potentiellen Täters von der Möglichkeit seiner eigenen Strafverfolgung, gegebenenfalls einschließlich deren näheren Ausgestaltung. Dies widerstritte Sinn und Zweck der Verbreitungstatbestände. Ob Ausnahmefälle denkbar sind, in denen anderes gelten könnte, bedarf auf der Grundlage der hiesigen Feststellungen keiner Entscheidung.
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Schäfer Berg Hohoff Kreicker Voigt http://www.rechtsprechung-im-internet.de/jportal/?quelle=jlink&docid=jb-KORE710912024&psml=bsjrsprod.psml&max=true Deutschland deutsch BMJV public