BGH, Urteil vom 17.04.2025 – 3 StR 146/24 – 1. Auf die Revision der Staatsanwaltschaft wird das Urteil des Landgerichts Trier vom 5. Dezember 2023 aufgehoben, soweit das…
KORE712472025 ECLI:DE:BGH:2025:170425U3STR146.24.0 BGH 3. Strafsenat 20250417 3 StR 146/24 Urteil § 57a Abs 1 S 1 Nr 2 StGB, § 57b StGB, § 211 StGB vorgehend LG Trier, 5. Dezember 2023, Az: 1 Ks 8032 Js 36035/16 DEU Bundesrepublik Deutschland 1. Auf die Revision der Staatsanwaltschaft wird das Urteil des Landgerichts Trier vom 5. Dezember 2023 aufgehoben, soweit das Landgericht von der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld des Angeklagten abgesehen hat; jedoch bleiben die zugehörigen Feststellungen aufrechterhalten.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
Von Rechts wegen 1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Mordes unter Einbeziehung der lebenslangen Freiheitsstrafe aus dem Urteil des Landgerichts Darmstadt vom 21. Januar 2015 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe als Gesamtstrafe verurteilt. Von der Feststellung der besonderen Schwere seiner Schuld hat es abgesehen. Daneben hat es die Unterbringung des Angeklagten in der Sicherungsverwahrung vorbehalten. Die Staatsanwaltschaft wendet sich mit ihrer auf die Rüge der Verletzung materiellen Rechts gestützten Revision allein gegen die Entscheidung über die besondere Schuldschwere. Das vom Generalbundesanwalt vertretene Rechtsmittel hat weitgehend Erfolg.
I.
2 1. Das Landgericht hat folgende Feststellungen getroffen:
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5 Am 30. April 2012, etwa zwei Monate nach der hier gegenständlichen Tat, tötete der Angeklagte in R. , gemeinschaftlich mit seiner damaligen Lebensgefährtin handelnd, einen potentiellen Nebenbuhler aus Eifersucht. Der Angeklagte wollte den Mann für dessen „Annäherungsversuche“ mit dem Tod bestrafen. Zunächst würgte er ihn bis zur Bewusstlosigkeit. Sodann versetze er ihm zahlreiche massive Tritte gegen den Kopf und den Oberkörper. Im Einvernehmen mit dem Angeklagten durchtrennte schließlich die Lebensgefährtin mit einem abgebrochenen Fläschchen die Halsschlagader des bereits schwerstverletzten Opfers.
6 2. Das Landgericht hat die gegenständliche Tat ebenfalls als Mord bewertet, weil es das Tatbestandsmerkmal der heimtückischen Tatbegehung als erfüllt erachtet hat. Deswegen hat es auf eine lebenslange Freiheitsstrafe erkannt. Diese Strafe und diejenige aus dem Urteil des Landgerichts Darmstadt hat es auf eine lebenslange Gesamtfreiheitsstrafe zurückgeführt. Die besondere Schwere der Schuld des Angeklagten (§ 57a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 StGB) hat die Strafkammer nach Prüfung verneint, sowohl im Hinblick auf die gegenständliche Tat als auch unter Berücksichtigung der rechtskräftig abgeurteilten Tat (§ 57b StGB).
II.
7 1. Die Revision ist wirksam auf das Absehen von der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld beschränkt. Die Beschränkung ist zulässig, weil der Beschwerdepunkt nach dem inneren Zusammenhang des Urteils losgelöst von seinem nicht angefochtenen Teil rechtlich und tatsächlich unabhängig beurteilt werden kann, ohne eine Überprüfung des Urteils im Übrigen erforderlich zu machen (vgl. BGH, Urteile vom 22. April 1993 – 4 StR 153/93, BGHSt 39, 208, 209 f.; vom 2. März 1995 – 1 StR 595/84, BGHSt 41, 57; Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 67. Aufl., § 344 Rn. 7a). Dies gilt auch für die Anordnung des Vorbehalts der Unterbringung in der Sicherungsverwahrung. Denn zwischen der Strafe und dem Maßregelausspruch gemäß § 66a StGB besteht grundsätzlich keine der Rechtsmittelbeschränkung entgegenstehende Wechselwirkung (vgl. BGH, Urteil vom 24. Februar 2010 – 2 StR 509/09, NStZ-RR 2010, 238; Fischer, StGB, 72. Aufl., § 66 Rn. 77). Eine solche wird zudem in den Urteilsgründen nicht konkret hergestellt.
8 2. Das Rechtsmittel ist im Umfang der Anfechtung weitgehend begründet. Die Entscheidung des Landgerichts zu § 57a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 StGB hält – mit Ausnahme der zugehörigen Feststellungen – sachlichrechtlicher Nachprüfung nicht stand.
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10 Die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld kann dabei nur dann in Betracht kommen, wenn Umstände vorliegen, die Gewicht haben. Dies allein wird der nach § 57a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 StGB zu treffenden Entscheidung gerecht, welche die Möglichkeit eines 15 Jahre überschreitenden Freiheitsentzuges trotz Vorliegens der weiteren Aussetzungsvoraussetzungen eröffnet. Solche Umstände können beispielsweise die besondere Verwerflichkeit der Tatausführung oder der Motive, mehrere Opfer bei einer Tat, die Begehung mehrerer Mordtaten (im Einzelfall etwa BGH, Beschluss vom 2. März 1995 – 4 StR 67/95, BGHR StGB § 57a Abs. 1 Schuldschwere 19) oder – im oder ohne Zusammenhang mit dem Mord begangene – weitere schwere Straftaten sein. Stets ist jedoch zu bedenken, dass solche Umstände nicht ohne Weiteres, sondern nur im Rahmen der erforderlichen Gesamtwürdigung zur Annahme einer besonders schweren Schuld führen können (zum Ganzen BGH, Beschluss vom 22. November 1994 – GSSt 2/94, BGHSt 40, 360, 370; des Weiteren BGH, Urteile vom 22. April 1993 – 4 StR 153/93, BGHSt 39, 208, 211; vom 27. Juni 2012 – 2 StR 103/12, BGHR StGB § 57 Abs. 1 Schuldschwere 27 Rn. 11; vom 4. Juli 2018 – 5 StR 46/18, NStZ 2018, 652, 653; LK/Ceffinato/Hubrach, StGB, 13. Aufl., § 57a Rn. 15 mwN).
11 Bei der Nachprüfung der Entscheidung ist dem Revisionsgericht eine ins einzelne gehende Richtigkeitskontrolle versagt; insbesondere ist es gehindert, seine eigene Wertung an die Stelle derjenigen des Tatgerichts zu setzen. Es hat allerdings zu prüfen, ob das Tatgericht alle maßgeblichen Umstände bedacht und rechtsfehlerfrei abgewogen hat (s. etwa BGH, Beschlüsse vom 22. November 1994 – GSSt 2/94, BGHSt 40, 360, 370; vom 20. August 1996 – 4 StR 361/96, BGHSt 42, 226, 227; Urteil vom 1. Juli 2004 – 3 StR 494/03, NStZ 2005, 88; Beschluss vom 18. Oktober 2018 – 3 StR 408/18, NStZ 2019, 202).
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14 Zwar hat das Landgericht diese Prüfung auf den bereits rechtskräftig abgeurteilten Mord erstreckt und in Bedacht genommen, dass bei der Vorverurteilung nicht die besondere Schwere der Schuld festgestellt worden war. Es hat jedoch bei der nach § 57b StGB gebotenen zusammenfassenden Beurteilung beider Taten das Vorliegen der Voraussetzungen des § 57a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 StGB – unter Bezugnahme auf das Urteil des 4. Strafsenats vom 21. Januar 1993 (4 StR 560/92, BGHSt 39, 121) – allein mit folgender Begründung verneint: Ein „enger zeitlicher, örtlicher und situativer Zusammenhang“ von mehreren Taten spreche „in der Regel“ gegen die Annahme einer besonders schweren Schuld. Ein derartiger Zusammenhang sei hier im Hinblick auf das jeweilige Mordmotiv und den zeitlichen Abstand zwischen den Tatgeschehen gegeben. Dies erweist sich in zweierlei Hinsicht als rechtsfehlerhaft:
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16 Aus dem vom Landgericht in Bezug genommenen Urteil vom 21. Januar 1993 (4 StR 560/92, BGHSt 39, 121) ergibt sich nichts anderes. Die Entscheidung hat nicht die Begehung von zwei Mordtaten zum Gegenstand, sondern von einem Mord und einer vorausgegangenen materiellrechtlich, nicht aber prozessual selbständigen Straftat zum Nachteil desselben Opfers. Für diese Konstellation hat der 4. Strafsenat entschieden, unter der Voraussetzung, dass die Annahme einer besonders schweren Schuld nur aufgrund einer nach § 57b StGB vorzunehmenden Gesamtwürdigung tatmehrheitlich verwirklichter Straftatbestände in Betracht komme, spreche ein enger zeitlicher, örtlicher und situativer Zusammenhang der einzelnen Straftaten in der Regel gegen die Annahme. Etwas anderes könne nur gelten, wenn die neben dem Mord zu berücksichtigende selbständige Tat für sich genommen von einer solchen Schwere gekennzeichnet sei, dass sie die Feststellung besonders schwerer Schuld notwendig mache (aaO, S. 126). Anders als das Landgericht offensichtlich gemeint hat, bedeutet dies nicht, dass diese andere Tat bereits für sich gesehen die Annahme einer besonders schweren Schuld rechtfertigen muss. Anderenfalls hätte der 4. Strafsenat im dort zugrundeliegenden Fall nicht den konkreten Schuldgehalt des gesamten tatsächlichen Geschehens unter Einbeziehung der weiteren – lediglich zeitige Freiheitsstrafen vorsehenden – Strafnormen (Vergewaltigung und gefährliche Körperverletzung) geprüft (aaO, S. 127).
17 Ungeachtet dessen, ob diesen Rechtsausführungen, die vor der grundlegenden Entscheidung des Großen Senats für Strafsachen (s. Beschluss vom 22. November 1994 – GSSt 2/94, BGHSt 40, 360, 368 f.) datieren, in jeder Hinsicht beizutreten ist, lassen sie sich somit auf den vorliegenden Fall zweier sachlichrechtlich wie prozessual selbständiger vollendeter Morde nicht übertragen. Ohnehin sind sie nach dem Vorstehenden nicht dahin zu verstehen, dass auf die wertende Beurteilung der durch die weitere Straftat verwirklichten Schuld verzichtet werden könnte.
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19 Das Landgericht hat angenommen, der in T. und der in R. begangene Mord seien „nicht unzusammenhängend“, sondern stünden beide „im Kontext der Eifersucht“ betreffend die Beziehung des Angeklagten zu seiner damaligen Lebensgefährtin. Zudem lägen zwischen den Taten lediglich „wenige Wochen“ (UA S. 47). Daraus geht ein solcher enger Zusammenhang nicht nachvollziehbar hervor. Dies gilt auch für das jeweilige Tatmotiv: Während es dem Angeklagten bei der rechtskräftig abgeurteilten Tat darum ging, einen potentiellen Nebenbuhler auszuschalten, lässt die gegenständliche Tat nicht erkennen, inwiefern Eifersucht des Angeklagten ein prägender Beweggrund gewesen sein sollte. Nach den Urteilsfeststellungen war vielmehr tatbestimmend sein „Groll“ wegen vermeintlich von der Getöteten verursachter Beziehungsstreitigkeiten mit seiner damaligen Lebensgefährtin. Aus welchem Grund es für den Zusammenhang auf deren Eifersucht (UA S. 41 f.) ankommen sollte, bleibt unklar.
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23 Die zugehörigen rechtsfehlerfrei getroffenen Feststellungen bleiben von den Wertungsmängeln unberührt. Sie können daher bestehen bleiben (§ 353 Abs. 2 StPO). Weitergehende Feststellungen, die den bisherigen nicht widersprechen, sind möglich und namentlich im Hinblick darauf geboten, welches Mordmerkmal oder welche Mordmerkmale das Landgericht Darmstadt als erfüllt erachtet hat.
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