BVerfG 2 BvR 184/22
KVRE459462401 ECLI:DE:BVerfG:2024:rk20240304.2bvr018422 BVerfG 2. Senat 1. Kammer 20240304 2 BvR 184/22 Stattgebender Kammerbeschluss Art 103 Abs 1 GG, § 93c Abs 1 S 1 BVerfGG, § 139 ZPO, § 296 Abs 1 ZPO, § 520 Abs 2 ZPO, § 520 Abs 3 S 2 Nr 4 ZPO, § 530 ZPO vorgehend OLG Zweibrücken, 21. Dezember 2021, Az: 8 U 6/19, Beschlussvorgehend OLG Zweibrücken, 10. August 2021, Az: 8 U 6/19, Urteil DEU Bundesrepublik Deutschland Stattgebender Kammerbeschluss: Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör durch zivilgerichtliche Überraschungsentscheidung in der Berufungsinstanz (hier: zur Beweislastverteilung bzgl der Berechtigung des Abbruchs einer Online-Auktion) 1. Das Urteil des Pfälzischen Oberlandesgerichts Zweibrücken vom 10. August 2021 - 8 U 6/19 - und der Beschluss des Pfälzischen Oberlandesgerichts Zweibrücken vom 21. Dezember 2021 - 8 U 6/19 - verletzen die Beschwerdeführerin in ihrem grundrechtsgleichen Recht aus Artikel 103 Absatz 1 des Grundgesetzes. Das Urteil und der Beschluss werden aufgehoben. Die Sache wird an das Oberlandesgericht zurückverwiesen.
1 Die Beschwerdeführerin rügt die Verletzung rechtlichen Gehörs. Sie wendet sich gegen das Berufungsurteil sowie gegen die Zurückweisung ihrer daraufhin erhobenen Anhörungsrüge in einem Rechtsstreit betreffend den Kauf eines gebrauchten Pkw über die Internetauktionsplattform eBay.
I.
2 1. Am 7. März 2018 bot der Beklagte des fachgerichtlichen Verfahrens sein Fahrzeug auf der Internetauktionsplattform eBay unter Angabe eines Startpreises von einem Euro an und beendete die Auktion vorzeitig am 10. März 2018. Zu diesem Zeitpunkt war die Klägerin und hiesige Beschwerdeführerin mit einem Gebot von 4.160 Euro Höchstbietende. Einen Mindestpreis - der niedrigste Preis, zu dem der angebotene Artikel gekauft werden kann - legte der Beklagte nicht fest. § 6 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen von eBay lautete zum Zeitpunkt der Auktion (auszugsweise):
3 Unter der Überschrift "Berechtigte Gründe für die vorzeitige Beendigung eines Angebots" gab die Plattform eBay als möglichen Abbruchgrund unter anderem den Umstand an, dass sich der Angebotsersteller beim Eingeben eines Angebots geirrt habe. Als Beispiele hierfür wurden ein "wesentlicher Fehler bei der Beschreibung des Artikels" oder ein "Fehler bei [der] Angabe von Start- oder Mindestpreis" genannt.
4 Die Beschwerdeführerin forderte vom Beklagten schließlich im Klageweg zunächst Übergabe und Übereignung des angebotenen Pkws Zug um Zug gegen Zahlung des Kaufpreises. Die Parteien stritten im landgerichtlichen Verfahren insbesondere um die Frage, ob der Beklagte zum Abbruch der Auktion berechtigt gewesen sei. Der Beklagte berief sich insoweit insbesondere auf die irrtümlich unterbliebene Eingabe eines Start- oder Mindestpreises und auf die fehlende Angabe von Unfallschäden am streitgegenständlichen Fahrzeug.
5 Im Laufe des landgerichtlichen Verfahrens stellte sich heraus, dass der Beklagte das Fahrzeug bereits vor der streitgegenständlichen Internetauktion auf eBay angeboten und im Auktionsangebot ebenfalls nicht auf die noch nicht reparierten Unfallfolgen hingewiesen sowie auch hier keinen Start- oder Mindestpreis angegeben hatte. Der zum damaligen Zeitpunkt Höchstbietende hatte die Erfüllung des Kaufvertrags unter Hinweis auf die Unfallschäden abgelehnt. Daraufhin hatte der Beklagte das alte Angebot ohne Änderungen erneut bei eBay eingestellt. Er hatte die Auktion nach fünf Tagen abgebrochen. In der Zeit waren 74 Gebote abgegeben worden. Auf Nachfrage hatte der Beklagte gegenüber dem Bruder der Beschwerdeführerin geäußert, dass er die Auktion deshalb abgebrochen habe, weil er den Unfallschaden selbst habe reparieren wollen.
6 Mit Urteil vom 20. Dezember 2018 wies das Landgericht Frankenthal (Pfalz) die Klage mit der Begründung ab, der Beklagte sei zur Rücknahme des Angebots berechtigt gewesen, weil er irrtumsbedingt vergessen habe, einen Start- oder Mindestpreis anzugeben. Von den dahingehenden Angaben des Beklagten sei das Gericht nach dessen persönlicher Anhörung im Termin überzeugt. Es entspreche zudem "allgemeiner Lebenserfahrung" und liege "auf der Hand", dass der Beklagte das Fahrzeug nicht zum Preis von einem Euro habe verkaufen wollen.
7 2. Gegen das Urteil legte die Beschwerdeführerin Berufung ein. Aufgrund des Unfallschadens verlangte sie statt Erfüllung nunmehr Schadensersatz statt der Leistung in Höhe von 2.340 Euro. Die Beschwerdeführerin begründete die Berufung unter anderem damit, das Landgericht sei zu Unrecht davon ausgegangen, dass der Beklagte zum Abbruch der Internetauktion berechtigt gewesen sei. Der vom Beklagten behauptete Irrtum beim Einstellen des Angebots sei von der Beschwerdeführerin bestritten worden und der insoweit darlegungs- und beweisbelastete Beklagte habe weder Beweis angeboten, noch habe das Landgericht eine entsprechende Beweisaufnahme durchgeführt. Schon deshalb sei das landgerichtliche Urteil fehlerhaft. Ohnehin sei nicht nachvollziehbar, weshalb das Landgericht angesichts der Umstände von der Richtigkeit der Ausführungen des Beklagten überzeugt gewesen sei.
8 Mit Beschluss vom 6. Juli 2021 wies das Pfälzische Oberlandesgericht Zweibrücken die Parteien des Berufungsverfahrens unter anderem darauf hin, dass es seiner Ansicht nach auf die Frage ankomme, ob die Voraussetzungen für einen berechtigten Abbruch der Auktion gegeben seien. Es sei jedenfalls nicht ausgeschlossen, dass ein solcher Abbruchgrund nicht vorliege. Ausführungen zur Beweislast erfolgten in dem Beschluss nicht.
9 Mit Urteil vom 10. August 2021 wies das Pfälzische Oberlandesgericht Zweibrücken die Berufung zurück und ließ die Revision gegen das Urteil nicht zu. Zur Begründung führte es aus, die Beschwerdeführerin trage die Darlegungs- und Beweislast auch hinsichtlich des Umstands, dass der Beklagte die Auktion vorzeitig unberechtigt im Sinne der Allgemeinen Geschäftsbedingungen von eBay abgebrochen habe. Dem Beklagten komme hinsichtlich der Umstände, aus denen sich eine Berechtigung zum Abbruch ergebe, nur eine sekundäre Darlegungslast zu.
10 Das Oberlandesgericht sei "nach Wiederholung der Parteianhörung des Beklagten […] nicht davon überzeugt, dass beim Beklagten nicht zugleich auch noch ein zur vorzeitigen Beendigung berechtigender Abbruchgrund gegeben" war. Insgesamt habe "die Klägerin ihrer Darlegungs- und Beweislast hinsichtlich der anspruchsbegründenden Umstände in Gestalt des Abschlusses eines Kaufvertrages durch eine unberechtigte vorzeitige Beendigung der Auktion auf der Grundlage der Bestimmung in § 6 Nr. 6 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Firma 'eBay' nicht nachzukommen [vermocht], sodass sie beweisfällig geblieben" sei.
11 Im Urteil ist nicht erläutert, weshalb das Oberlandesgericht von dieser Beweislastverteilung ausgeht.
12 3. Mit Schriftsatz vom 24. August 2021 erhob die Beschwerdeführerin Anhörungsrüge und beantragte die Fortführung des Verfahrens gemäß § 321a Abs. 5 ZPO. Zur Begründung führte sie aus, das Oberlandesgericht sei überraschenderweise von einer Beweislast der Beschwerdeführerin hinsichtlich des Nichtvorliegens der den Auktionsabbruch rechtfertigenden Umstände ausgegangen. Aus dem bisherigen Verfahrensverlauf sei erkennbar gewesen, dass sowohl die Beschwerdeführerin und der Beklagte als auch das Landgericht Frankenthal (Pfalz) insoweit von einer Beweislast des Beklagten ausgegangen seien. Diese Beweislastverteilung entspreche auch der ständigen Rechtsprechung. Der Hinweisbeschluss des Oberlandesgerichts vom 6.
Juli 2021 sei ebenfalls dahingehend zu verstehen gewesen. Daher habe das Oberlandesgericht jedenfalls gemäß § 139 Abs. 2 ZPO darauf hinweisen müssen, dass es die Beweislast abweichend davon bei der Beschwerdeführerin sehe. Da es dies nicht getan habe, liege eine unzulässige Überraschungsentscheidung vor, die zu einer Gehörsverletzung der Beschwerdeführerin führe. Durch den unterbliebenen Hinweis sei es der Beschwerdeführerin nicht möglich gewesen, das Verfahren sachgerecht zu führen und unter Berücksichtigung der Rechtsansicht des Oberlandesgerichts auf eine andere Entscheidung hinzuwirken. Insbesondere habe sich die Beschwerdeführerin ohne den Hinweis nicht veranlasst gesehen, weitere Fragen an den Beklagten zu stellen, weil deutlich gewesen sei, dass dessen Angaben ohnehin nicht ausgereicht hätten, um seiner Darlegungs- und Beweislast nachzukommen.
Des Weiteren sei ein - von der Beschwerdeführerin nunmehr im Rahmen der Anhörungsrüge nachgeholtes - Beweisangebot allein deshalb unterblieben, weil die Beschwerdeführerin nicht von einer ihr obliegenden Beweislast ausgegangen sei. Gleiches gelte für den Antrag auf Zulassung der Revision, der aufgrund des fehlenden Hinweises unterblieben sei. Die Zulassung der Revision sei auch zwingend erforderlich gewesen, weil das Oberlandesgericht in seiner Rechtsauffassung von einhelliger Rechtsprechung verschiedener Oberlandesgerichte und auch des Bundesgerichtshofs abgewichen sei.
13 Das Pfälzische Oberlandesgericht Zweibrücken wies die Anhörungsrüge mit Beschluss vom 21. Dezember 2021 zurück. Zur Begründung führte es aus, dass eine Gehörsverletzung nicht gegeben sei. Zunächst sei der von der Beschwerdeführerin im Rahmen der Anhörungsrüge gestellte Beweisantrag gemäß § 530, § 520 Abs. 2 und Abs. 3 Satz 2 Nr. 4 in Verbindung mit § 296 Abs. 1 ZPO präkludiert, weil das Beweisangebot nicht bereits im Rahmen der Berufungsbegründung erfolgt sei. Zudem trage die Klägerin nicht vor, welche Fragen sie gestellt und welche Vorhalte sie gemacht hätte, sodass nicht festgestellt werden könne, ob diese für die Entscheidung des Oberlandesgerichts möglicherweise erheblich gewesen wären.
14 Einen Hinweis zur Frage der Beweislast habe der Senat nicht erteilen müssen, weil er zuvor nicht zu erkennen gegeben habe, dass er die Beweislast bei dem Beklagten sehe. Weiter führt das Oberlandesgericht aus, dass auch ein Rechtsfehler bei der Beurteilung der Beweislast nicht zu einer erfolgreichen Anhörungsrüge führe, weil das "Gehörsrügeverfahren […] nicht der allgemeinen 'Richtigkeitskontrolle' einer nicht anfechtbaren gerichtlichen Entscheidung" diene. Schließlich begründe auch der fehlende Antrag auf Zulassung der Revision keine Gehörsverletzung, da der Senat von Amts wegen eine mögliche Zulassung der Revision prüfe und es keines entsprechenden Antrags bedürfe.
II.
15 1. Die Beschwerdeführerin rügt mit ihrer Verfassungsbeschwerde die Verletzung ihres Rechts auf Gewährung rechtlichen Gehörs aus Art. 103 Abs. 1 GG sowohl durch das angefochtene Urteil als auch durch den angefochtenen Beschluss.
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17 Bereits aus der Formulierung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen von eBay ergebe sich der Ausnahmecharakter der Berechtigung zur Angebotsrücknahme und entsprechend eine Beweislast des Beklagten.
18 Auch widerspreche die Rechtsansicht des Oberlandesgerichts zur Beweislastverteilung der ständigen Rechtsprechung. Schließlich folge aus dem bisherigen Verfahrensverlauf, dass sämtliche Verfahrensbeteiligte vor der Entscheidung des Oberlandesgerichts von einer Beweislast des Beklagten ausgegangen seien. So habe die Beschwerdeführerin ihre Rechtsauffassung zur Beweislast bereits in der Klageschrift dargetan, der Beklagte habe sich dieser Ansicht angeschlossen und entsprechend Beweis angeboten. Auch das Landgericht gehe in seinem Urteil von einer Darlegungs- und Beweislast des Beklagten aus, indem es die Klageabweisung mit der positiven Überzeugung vom Vorliegen eines Abbruchgrundes begründe. In der Berufungsbegründung habe sich die Beschwerdeführerin insoweit gerade auf den fehlenden Beweis des Beklagten bezogen und der Beklagte habe auch in seiner Erwiderung die von der Beschwerdeführerin angenommene Beweislastverteilung nicht angegriffen. Das Oberlandesgericht habe sich trotz dieser erkennbaren Auffassungen nicht anderweitig geäußert.
19 Das Urteil beruhe auch auf der Gehörsverletzung, weil der fehlende Hinweis es der Beschwerdeführerin unmöglich gemacht habe, das Verfahren unter Berücksichtigung der Rechtsansicht des Oberlandesgerichts zu führen. So führt die Beschwerdeführerin aus, dass sie bei Vorliegen eines entsprechenden Hinweises zum einen die Beweislastverteilung weiter thematisiert und auf die entgegenstehende Rechtsprechung hingewiesen und zum anderen den Beklagten im Verfahren weiter befragt und mit Widersprüchen in seiner Aussage konfrontiert hätte, um seinen Vortrag im Rahmen der - vom Oberlandesgericht angenommenen - sekundären Darlegungslast zu entkräften. Auch verweist die Beschwerdeführerin darauf, dass sie bei Kenntnis der vom Oberlandesgericht vertretenen Beweislastverteilung ergänzend Beweis angeboten und schließlich auch die Zulassung der Revision beantragt hätte.
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21 2. Das Ministerium der Justiz Rheinland-Pfalz sowie der Beklagte des Ausgangsverfahrens hatten Gelegenheit zur Stellungnahme.
22 Das Ministerium hat mitgeteilt, von einer Stellungnahme abzusehen.
23 Der Beklagte des Ausgangsverfahrens hat beantragt, die Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung anzunehmen. Er hält die Verfassungsbeschwerde für unzulässig. Jedenfalls habe die Beschwerdeführerin zu den entscheidungserheblichen Aspekten vortragen können. Das Oberlandesgericht habe den gesamten Vortrag der Beschwerdeführerin zur Kenntnis genommen und sich rechtlich damit auseinandergesetzt, sodass eine Gehörsverletzung nicht erkennbar sei.
24 3. Die Akte des Ausgangsverfahrens hat dem Bundesverfassungsgericht vorgelegen.
III.
25 Die Kammer nimmt die Verfassungsbeschwerde zur Entscheidung an und gibt ihr statt. Die Annahme der Verfassungsbeschwerde ist gemäß § 93a Abs. 2 Buchstabe b BVerfGG zur Durchsetzung des Anspruchs der Beschwerdeführerin auf Gewährung rechtlichen Gehörs nach Art. 103 Abs. 1 GG angezeigt. Die maßgeblichen verfassungsrechtlichen Fragen für die Beurteilung der Verfassungsbeschwerde hat das Bundesverfassungsgericht bereits entschieden. Die Verfassungsbeschwerde ist zulässig und offensichtlich begründet.
26 1. Die Verfassungsbeschwerde ist zulässig, insbesondere genügt die Begründung den Anforderungen aus § 23 Abs. 1 Satz 2 Halbsatz 1, § 92 BVerfGG.
27 2. Die Verfassungsbeschwerde ist begründet. Die angegriffenen Entscheidungen verletzen die Beschwerdeführerin in ihrem Anspruch auf Gewährung rechtlichen Gehörs gemäß Art. 103 Abs. 1 GG.
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29 Lediglich in besonderen Fällen ist es von Verfassungs wegen geboten, den Verfahrensbeteiligten auf eine Rechtsauffassung hinzuweisen, die das Gericht der Entscheidung zugrunde legen will (vgl. BVerfGE 86, 133 <144>; 98, 218 <263>). Es kann im Ergebnis der Verhinderung eines Vortrags zur Rechtslage gleichkommen, wenn das Gericht ohne vorherigen Hinweis auf einen rechtlichen Gesichtspunkt abstellt, mit dem auch ein gewissenhafter und kundiger Verfahrensbeteiligter selbst unter Berücksichtigung der Vielfalt vertretbarer Rechtsauffassungen nicht zu rechnen brauchte (vgl. BVerfGE 86, 133 <144 f.>; 98, 218 <263>; 108, 341 <345 f.>). Art. 103 Abs. 1 GG enthält damit ein auf die Rechtslage bezogenes Verbot von Überraschungsentscheidungen (vgl. BVerfGE 107, 395 <410>).
30 Aus diesem Grund dürfen die Parteien des Berufungsverfahrens grundsätzlich darauf vertrauen, dass ihnen das Berufungsgericht, wenn es in einem entscheidungserheblichen rechtlichen Gesichtspunkt von der Rechtsauffassung des vorinstanzlich mit der Sache befassten Gerichts abweicht, einen Hinweis gemäß § 139 ZPO erteilt (vgl. BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 7. Oktober 2016 - 2 BvR 1313/16 -, Rn. 11). Der Umfang des Äußerungsanspruchs im Berufungsverfahren entspricht in diesem Fall dem eines vom Gericht noch nicht angehörten Beteiligten in erster Instanz und hängt nicht davon ab, ob neue Tatsachen oder Beweisergebnisse vorliegen (vgl. BVerfGE 65, 227 <234>). Das Äußerungsrecht im Rechtsmittelverfahren ist insbesondere deshalb erforderlich, weil sich in weiteren Instanzen aufgrund neuer tatsächlicher Gegebenheiten oder anderer rechtlicher Auffassungen der nun entscheidenden Richter neue oder veränderte relevante Gesichtspunkte ergeben können. Deshalb müssen die Parteien ihren Sachvortrag danach ausrichten können. Wird ihnen dies verwehrt, ist die Garantie rechtlichen Gehörs verletzt (vgl. BVerfGE 107, 395 <410>).
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34 Zudem ergibt sich diese Beweislastverteilung auch aus der rechtlichen Konstruktion des Vertragsschlusses über die Plattform eBay - unabhängig davon, wie man die Möglichkeit der berechtigten Angebotsrücknahme nach den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von eBay dogmatisch im Einzelnen einordnet. So wertet der Bundesgerichtshof die Erstellung einer Internetauktion auf der Plattform eBay in ständiger Rechtsprechung als ein unter dem Vorbehalt der berechtigten Rücknahme abgegebenes Verkaufsangebot (vgl. BGH, Urteil vom 23. September 2015 - VIII ZR 284/14 -, juris, Rn. 16 m.w.N.). Dem schließt sich die Kommentarliteratur einhellig an (vgl. etwa Busche, in: Münchener Kommentar zum BGB, 9. Aufl. 2021, § 145 Rn. 20; Armbrüster, in: Erman, BGB, 17. Aufl. 2023, § 145 Rn. 16b; Brinkmann, in: PWW, BGB, 18. Aufl. 2023, vor §§ 145 ff. Rn. 55; Mansel, in: Jauernig, BGB, 19. Aufl. 2023, § 145 Rn. 8; Ellenberger, in: Grüneberg, BGB, 83. Aufl. 2024, § 156 Rn. 3). Demgegenüber wird die Möglichkeit der Angebotsrücknahme nach anderer Ansicht als "anfechtungsähnliches Gestaltungsrecht" (vgl. Alexander, JR 2015, S. 289 <295>) oder als auflösende Bedingung des Angebots (vgl. Wagner/Zenger, MMR 2013, S. 343 <346>) gewertet.
35 Sowohl unter Zugrundelegung der Rechtsansicht des Bundesgerichtshofs als auch bei Annahme eines "anfechtungsähnlichen Gestaltungsrechts" beziehungsweise einer auflösenden Bedingung des Angebots ist aber nach hergebrachten Grundsätzen von einer Beweislast des Beklagten auszugehen. Denn es entspricht bislang einhelliger Auffassung, dass die zu einem vertraglichen Loslösungsrecht führenden Umstände - anders als die den Vertragsschluss begründenden Umstände - von demjenigen zu beweisen sind, der sich auf das entsprechende Recht beruft. Das gilt sowohl für den Widerrufsvorbehalt (vgl. Bork, in: Staudinger, BGB, Neubearbeitung 2020, § 145 Rn. 38; Riesenhuber, in: Soergel, BGB, 14. Aufl. 2022, § 145 Rn. 37; Armbrüster, in: Erman, BGB, 17. Aufl. 2023, § 145 Rn. 16b; Otto, in: jurisPK-BGB, 10. Aufl. 2023, § 145 Rn. 129; Ellenberger, in: Grüneberg, BGB, 83. Aufl. 2024, § 145 Rn. 4) als auch für die Anfechtung (vgl. Armbrüster, in: Münchener Kommentar zum BGB, 9. Aufl. 2021, § 119 Rn. 153; Ellenberger, in: Grüneberg, BGB, 83. Aufl. 2024, Einf. v. § 116 Rn. 21) und die auflösende Bedingung (vgl. Mansel, in: Jauernig, BGB, 19. Aufl. 2023, § 158 Rn. 15 m.w.N.; Ellenberger, in: Grüneberg, BGB, 83. Aufl. 2024, Einf. v. § 158 Rn. 14).
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37 Auch in der Kommentarliteratur wird folgerichtig davon ausgegangen, dass der Anbietende die Beweislast für den berechtigten Abbruch eines Angebotes im Rahmen einer Internetauktion trägt (ausdrücklich zur Internetauktion auf der Plattform eBay insoweit Brinkmann, in: PWW, BGB, 18. Aufl. 2023, vor §§ 145 ff. Rn. 55). Gegenteilige Ansichten werden - soweit ersichtlich - nicht vertreten.
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42 (a) Der Zurückweisungsbeschluss ist nicht dazu geeignet, den Verstoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG im Anhörungsrügeverfahren zu heilen. Das Oberlandesgericht setzt sich nämlich nicht hinreichend mit den von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Einwänden hinsichtlich der von ihr gerügten Gehörsverletzung auseinander. Soweit das Oberlandesgericht ausführt, es könne nicht feststellen, ob der von der Beschwerdeführerin nach einem gerichtlichen Hinweis nachgeholte Vortrag "für die Entscheidung des Senats (möglicherweise) erheblich gewesen" wäre, überspannt es die Beruhensanforderungen des Art. 103 Abs. 1 GG, weil danach lediglich erforderlich ist, dass die Erheblichkeit für den Verfahrensausgang nicht ausgeschlossen werden kann (im Einzelnen vgl. nachfolgend Rn. 47 ff.).
43 Soweit das Oberlandesgericht die Anhörungsrüge auch mit der Begründung zurückweist, dass der Gehörsgrundsatz "keinen Anspruch darauf [vermittle], dass das Gericht auch [der] rechtlichen Beurteilung" der Beschwerdeführerin folge, so verkennt es, dass die Beschwerdeführerin sich gerade nicht gegen die rechtliche Beurteilung in der Sache, sondern gegen das Unterbleiben eines gerichtlichen Hinweises aufgrund der abweichenden rechtlichen Beurteilung wendet. Gleiches gilt für die Ausführung, dass "eine 'falsche rechtliche Einschätzung' […] nicht per se eine Verletzung rechtlichen Gehörs" begründe und "das Gehörsrügeverfahren […] nicht der allgemeinen 'Richtigkeitskontrolle' einer nicht anfechtbaren gerichtlichen Entscheidung" diene. Auf die vorgebachten Argumente der Beschwerdeführerin in der Sache, insbesondere die in der Anhörungsrüge ausführlich zitierte entgegenstehende Rechtsprechung zur Beweislastverteilung, geht das Oberlandesgericht dagegen nicht ein. Damit gehen seine Ausführungen im Anhörungsrügeverfahren in weiten Teilen inhaltlich am Vorbringen der Beschwerdeführerin vorbei.
44 (b) Zudem liegt eine eigenständige Gehörsverletzung darin, dass das Oberlandesgericht das im Anhörungsrügeverfahren vorgebrachte Beweisangebot unter Verweis auf die Präklusionsvorschriften der § 530, § 520 Abs. 2 und Abs. 3 Satz 2 Nr. 4 in Verbindung mit § 296 Abs. 1 ZPO zurückweist.
45 Den Parteien ist im Berufungsverfahren nach einem Hinweis des Berufungsgerichts, dass und aufgrund welcher Erwägungen es der Beurteilung der Vorinstanz nicht folgen will, auch Gelegenheit zu geben, ihren Tatsachenvortrag sachdienlich zu ergänzen oder weiteren Beweis anzutreten (vgl. BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 7. Oktober 2016 - 2 BvR 1313/16 -, Rn. 11). Die Hinweispflicht des Berufungsgerichts und die Berücksichtigung neuen Vorbringens gehören insoweit zusammen. Die Pflicht zum Hinweis auf eine von der ersten Instanz abweichende Beurteilung liefe nämlich leer, wenn ein daraufhin erfolgter entscheidungserheblicher neuer Vortrag präkludiert wäre. Neues Vorbringen der Parteien des Berufungsverfahrens, das auf einen solchen Hinweis des Berufungsgerichts erfolgt und den Prozessverlust wegen einer von der ersten Instanz abweichenden rechtlichen oder tatsächlichen Beurteilung durch das Berufungsgericht vermeiden soll, ist daher zuzulassen, ohne dass es darauf ankommt, ob es schon in erster Instanz hätte vorgebracht werden können (vgl.
BVerfGE 65, 227 <234>). So führt etwa ein Übersehen der richtigen Beweislastverteilung durch das erstinstanzliche Gericht dazu, dass der nach einem entsprechenden Hinweis in zweiter Instanz erfolgende Beweisantritt nach § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO zugelassen werden muss (vgl. BGH, Beschluss vom 26. September 2007 - IV ZR 145/07 -, juris, Rn. 5; BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 7. Oktober 2016 - 2 BvR 1313/16 -, Rn. 12).
46 Entsprechendes muss gelten, wenn der Berufungskläger - wie hier - im Anhörungsrügeverfahren weiteren Beweis anbietet, weil das Berufungsgericht in seiner Entscheidung ohne vorherigen Hinweis und unter Verletzung des Gehörsanspruchs des Berufungsklägers von einer nicht erwartbaren Beweislastverteilung ausgeht. Auch in diesem Fall darf das Berufungsgericht das im Anhörungsrügeverfahren nachgeholte Beweisangebot, das überhaupt erst durch die überraschende Beurteilung der Beweislast erforderlich wird, nicht unter Verweis auf die Präklusionsvorschriften des Berufungsverfahrens zurückweisen.
47 3. Die angefochtenen Entscheidungen beruhen auch auf dem Verstoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG.
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50 Des Weiteren legt die Beschwerdeführerin in der Beschwerdebegründung wie auch in der Begründung der Anhörungsrüge dar, dass sie im Falle eines entsprechenden Hinweises des Oberlandesgerichts ergänzend Beweis zur Frage der Gründe des Auktionsabbruches angeboten hätte. Auch insoweit ist nicht ausgeschlossen, dass die Vernehmung der von der Beschwerdeführerin im Anhörungsrügeverfahren insoweit benannten Zeugen zur Überzeugungsbildung des Oberlandesgerichts im Sinne der Beschwerdeführerin hätte beitragen können.
51 Weiter führt die Beschwerdeführerin aus, sie hätte auf die Zulassung der Revision hingewirkt, wenn sie von der zur ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs abweichenden Rechtsansicht des Oberlandesgerichts gewusst hätte. Zwar ist die Revision gemäß § 543 Abs. 2 ZPO unabhängig von einem Antrag der Parteien zuzulassen, sofern einer der in der Norm genannten Zulassungsgründe vorliegt. In Anbetracht der Tatsache, dass das Oberlandesgericht vorliegend jedoch in seiner Entscheidung von der bislang einhellig vertretenen Auffassung zur Beweislastverteilung anderer Oberlandesgerichte und des Bundesgerichtshofs in entscheidungserheblicher Weise abweicht und damit jedenfalls eine Zulassung der Revision nach § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO angezeigt war (vgl. Feskorn, in: Zöller, ZPO, 35. Aufl. 2024, § 543 Rn. 16), ist davon auszugehen, dass ein Vortrag der Beschwerdeführerin zu diesem Umstand das Oberlandesgericht mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu einer entsprechenden Zulassung veranlasst hätte. Erneut wird das Oberlandesgericht hier den verfassungsrechtlichen Anforderungen des Art. 103 Abs. 1 GG nicht gerecht, wenn es in der Entscheidung über die Anhörungsrüge zwar einerseits ausführt, dass es die Zulassungsgründe nach § 543 ZPO von Amts wegen prüfe, andererseits aber mit keinem Wort darauf eingeht, mit welchen Erwägungen es die Revisionszulassung ablehnt.
52 Auch die Entscheidung über die Anhörungsrüge beruht nach den dargelegten Maßstäben auf der insoweit vorliegenden eigenständigen Gehörsverletzung. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass das Oberlandesgericht eine andere Entscheidung getroffen hätte, wenn es die im Rahmen der Anhörungsrüge von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Beweisangebote nicht unter Verweis auf die Präklusionsvorschriften des Berufungsverfahrens zurückgewiesen hätte. Vielmehr hätte es bei Berücksichtigung der Beweisangebote nahegelegen, Termin zur Beweisaufnahme zu bestimmen.
53 4. Die Verfassungsbeschwerde ist zur Entscheidung anzunehmen, da dies zur Durchsetzung der verfassungsmäßigen Rechte der Beschwerdeführerin angezeigt ist (§ 93a Abs. 2 Buchstabe b BVerfGG).
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IV.
56 Die Entscheidung über die Auslagenerstattung beruht auf § 34a Abs. 2 BVerfGG. http://www.rechtsprechung-im-internet.de/jportal/?quelle=jlink&docid=jb-KVRE459462401&psml=bsjrsprod.psml&max=true Deutschland deutsch BMJV public