BVerfG 2 BvR 1155/23
KVRE462732501 ECLI:DE:BVerfG:2025:rk20250630.2bvr115523 BVerfG 2. Senat 2. Kammer 20250630 2 BvR 1155/23 Stattgebender Kammerbeschluss Art 3 Abs 1 GG, Art 104 Abs 4 GG, § 90 Abs 2 S 1 BVerfGG, § 93c Abs 1 S 1 BVerfGG, § 7 Abs 5 S 2 FamFG, § 10 Abs 3 FamFG, § 418 Abs 3 Nr 2 FamFG vorgehend AG Gelsenkirchen, 1. August 2023, Az: 702 XIV(B) 15/23, Beschlussvorgehend AG Gelsenkirchen, 24. Juli 2023, Az: 702 XIV(B) 15/23, Beschluss DEU Bundesrepublik Deutschland Stattgebender Kammerbeschluss: Verletzung des Willkürverbots (Art 3 Abs 1 GG) durch Wahl einer eklatant falschen Rechtsgrundlage für die Zurückweisung einer Vertrauensperson im FamFG-Verfahren 1. Der Beschluss des Amtsgerichts Gelsenkirchen vom 25. Juli 2023 - 702 XIV(B) 15/23 - verletzt den Beschwerdeführer in seinem Grundrecht aus Artikel 3 Absatz 1 des Grundgesetzes und wird aufgehoben. Damit wird der Beschluss des Amtsgerichts Gelsenkirchen vom 2. August 2023 - 702 XIV(B) 15/23 - gegenstandslos.
I.
1 1. Der Beschwerdeführer wurde mit einem als "Vollmacht" übertitelten Schreiben vom 22. Juni 2023 unter anderem als Vertrauensperson im Sinne des Art. 104 Abs. 4 GG eines marokkanischen Staatsangehörigen benannt, gegen den das Amtsgericht am 17. Mai 2023 die Abschiebungshaft angeordnet hatte.
2 2. Als Vertrauensperson wandte sich der Beschwerdeführer an das Amtsgericht, beantragte Haftaufhebung, Akteneinsicht und die Fortsetzung des Verfahrens als Feststellungsverfahren für den Fall der Haftentlassung.
3 3. Mit angegriffenem Beschluss vom 25. Juli 2023 wies das Amtsgericht den Beschwerdeführer als Vertrauensperson auf Grundlage von § 10 Abs. 3 FamFG zurück.
4 Das Gericht verkenne nicht, dass der Bundesgerichtshof die Benennung der Vertrauensperson durch den Betroffenen auch ohne besonderes Näheverhältnis ausreichen lasse. Auch bei weiter Auslegung der Norm könne die alleinige Auflistung als Vertrauensperson in einer für eine Vielzahl von Fällen vorformulierten Mustervollmacht jedoch nicht ausreichen.
5 4. Eine dagegen gerichtete Anhörungsrüge wies das Amtsgericht mit angegriffenem Beschluss vom 2. August 2023 zurück.
6 Klarstellend werde darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer nicht als Bevollmächtigter, sondern als Vertrauensperson zurückgewiesen worden sei. Auch dies richte sich nach § 10 FamFG.
II.
7 Am 17. August 2023 hat der Beschwerdeführer Verfassungsbeschwerde gegen die Beschlüsse des Amtsgerichts erhoben. Er rügt die Verletzung von Art. 3 Abs. 1 GG.
8 Das Amtsgericht verstoße gegen das Willkürverbot. Das Amtsgericht habe den Beschwerdeführer willkürlich nicht als Verfahrensbeteiligten im Sinne der §§ 7, 418 FamFG, sondern als Bevollmächtigten nach § 10 FamFG behandelt. Da nach § 10 Abs. 3 FamFG die Entscheidung vom 25. Juli 2023 unanfechtbar sei, sei dem Beschwerdeführer das Rechtsmittel gegen die Entscheidung genommen. Zudem sei die Ablehnung mit Blick auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs inhaltlich falsch.
III.
9 Das Ministerium der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen und die Stadt Gelsenkirchen haben Gelegenheit erhalten, sich zum Verfahren zu äußern.
IV.
10 Die Kammer nimmt die Verfassungsbeschwerde zur Entscheidung an und gibt ihr statt. Die Voraussetzungen des § 93c Abs. 1 Satz 1 BVerfGG für eine stattgebende Entscheidung liegen vor. Die Annahme der Verfassungsbeschwerde ist gemäß § 93a Abs. 2 Buchstabe b BVerfGG zur Durchsetzung eines in § 90 Abs. 1 BVerfGG genannten Rechts des Beschwerdeführers - namentlich von Art. 3 Abs. 1 GG - angezeigt. Die für die Beurteilung der Verfassungsbeschwerde maßgeblichen verfassungsrechtlichen Fragen hat das Bundesverfassungsgericht bereits geklärt; die Verfassungsbeschwerde ist zulässig und offensichtlich begründet.
11 1. Die Verfassungsbeschwerde wahrt den sich aus § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG ergebenden Grundsatz der Subsidiarität (vgl. BVerfGE 107, 395 <414>; 112, 50 <60>; 134, 106 <115>; 134, 242 <285 Rn. 150>; stRspr).
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Rn. 151>), wenn also eine andere Beurteilung schlechterdings unvertretbar ist. Die Einlegung eines Rechtsmittels ist dem Beschwerdeführer daher regelmäßig zumutbar, wenn die Zulässigkeit des Rechtsmittels unterschiedlich beurteilt werden kann, da in solchen Fällen die Monatsfrist des § 93 Abs. 1 BVerfGG mit der Zurückweisung des Rechtsmittels neu in Lauf gesetzt wird (vgl. BVerfGE 16, 1 <2 f.>; 47, 168 <175>). Es ist grundsätzlich Aufgabe der Fachgerichte, über Zulässigkeitsfragen nach einfachem Recht unter Berücksichtigung der hierzu vertretenen Rechtsansichten zu entscheiden (vgl. BVerfGE 18, 85 <92 f.>; 68, 376 <381>). Wird das Rechtsmittel als unzulässig verworfen, weil die Gerichte die Zulässigkeitsfrage zuungunsten eines Beschwerdeführers beurteilen, bleibt es ihm unbenommen, nach Ergehen einer letztinstanzlichen Entscheidung innerhalb der Frist des § 93 Abs. 1 BVerfGG Verfassungsbeschwerde einzulegen und etwaige Grundrechtsverletzungen durch eine vorangegangene Sachentscheidung zu rügen (vgl.
BVerfGE 68, 376 <381>).
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Anders als in Fällen, in denen die Statthaftigkeit eines Rechtsmittels fraglich ist oder die Erfolgsaussichten eines statthaften Rechtsmittels zweifelhaft, durfte der Beschwerdeführer mit Gewissheit davon ausgehen, dass eine gleichwohl erhobene sofortige Beschwerde - oder jedes sonstige Rechtsmittel - gegen den auf Grundlage von § 10 Abs. 3 FamFG ergangenen Beschluss als unstatthaft zurückgewiesen werden würde. Es war ihm nicht zuzumuten, sich (schon) zur Erschöpfung des Rechtswegs über die ausdrückliche und auf entsprechenden Vorhalt hin nochmals bestätigte Wahl der Rechtsgrundlage des Amtsgerichts hinwegzusetzen, auch wenn er diese der Sache nach für grob fehlerhaft hielt.
14 2. Der Beschluss des Amtsgerichts vom 25. Juli 2023 verletzt den Beschwerdeführer in seinem Grundrecht aus Art. 3 Abs. 1 GG.
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Abgesehen vom Grundsatz "iura novit curia" ist der Fehlgriff der Rechtsgrundlage augenfällig, weil sowohl § 418 als auch § 7 FamFG mit "Beteiligte" überschrieben sind, § 10 FamFG dagegen mit "Bevollmächtigte". Den mit der Anhörungsrüge erfolgten Verweis des Beschwerdeführers auf den offenkundigen Rechtsfehler nahm das Gericht nicht etwa zum Anlass, seinen Fehler - gegebenenfalls unter Auslegung der Anhörungsrüge als Gegenvorstellung - zu korrigieren, sondern es insistierte im Anhörungsrügebeschluss ohne jedes inhaltliche Argument ausdrücklich darauf, dass sich auch die Zurückweisung von Vertrauenspersonen nach § 10 FamFG richte. Die unbegründete und in keiner Weise nachvollziehbare Wahl der falschen Rechtsgrundlage stellt einen so eklatanten Rechtsverstoß dar, dass die äußerste Grenze, die das Willkürverbot der Anwendung einfachen (Prozess-)Rechts durch die Fachgerichte setzt, überschritten ist.
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18 3. Von einer weiteren Begründung wird gemäß § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen. http://www.rechtsprechung-im-internet.de/jportal/?quelle=jlink&docid=jb-KVRE462732501&psml=bsjrsprod.psml&max=true Deutschland deutsch BMJV public