WBRE202300373 ECLI:DE:BVerwG:2023:090523B2AV2.23.0 BVerwG 2. Senat 20230509 2 AV 2/23 Beschluss § 13 Abs 2 S 1 BDG, § 9 BDG, § 10 BDG, § 27 Abs 1 S 3 BDG, § 266 Abs 2 StGB, § 263 Abs 3 S 2 Nr 1 StGB, § 263 Abs 3 S 2 Nr 4 StGB, § 102 StPO, § 110 Abs 3 S 1 StPO DEU Bundesrepublik Deutschland Durchsuchungs- und Beschlagnahmeanordnung im behördlichen Disziplinarverfahren 1. Die Durchsuchung der Wohnung des Antragsgegners (...) einschließlich aller Nebenräume sowie der dort befindlichen EDV-Anlagen sowie elektronischen Kommunikations- und Speichermedien wird angeordnet. Die Durchsuchungsanordnung bezieht sich auch auf von den vorgenannten Durchsuchungsobjekten räumlich getrennte Speichermedien, soweit auf sie von den durchsuchten Räumen aus zugegriffen werden kann. 2. Die Beschlagnahme folgender bei der Durchsuchung aufgefundener Gegenstände wird angeordnet, sofern sie nicht freiwillig herausgegeben werden: Laptops, Personal Computer, Tablets, Handys, SIM-Karten, USB-Sticks, Speicherkarten, Spielekonsolen, sonstige elektronische Kommunikations- und Speichermedien, sowie Kaufbelege, Bestellbestätigungen, Versandbestätigungen, Nachweise über Bargeldzahlungen, Abrechnungen von Kreditkarten, Belege über Bankeinzug, Belege über Zahlungen per Zahlungsdienstleister wie Paypal oder Klarna, Kontounterlagen sowie Unterlagen von Zahlungsdienstleistern, sofern sie den Zeitraum von Oktober 2019 bis Mai 2021 betreffen. Angeordnet wird ferner die Beschlagnahme von Barmitteln, sofern sie den Betrag von 1 000 € übersteigen. 3. Etwaige Mitgewahrsamsinhaber bezüglich der genannten Wohnung und der zu durchsuchenden sowie zu beschlagnahmenden Gegenstände haben die angeordneten Maßnahmen zu dulden. 4. Der Antragstellerin wird die Durchsicht und Auswertung der aufgefundenen Papiere, elektronischen Speichermedien und elektronischen Postfächer übertragen. 5. Vor Durchführung der Durchsuchung und Beschlagnahmemaßnahmen ist dem Antragsgegner dieser Beschluss zusammen mit der Antragsschrift vom 22. Februar 2023 und dem Schriftsatz vom 20. März 2023 durch die Antragstellerin auszuhändigen. 6. Die Durchsuchungs- und Beschlagnahmeanordnung gilt für vier Monate ab dem Datum des Beschlusses. I 1 Die Antragstellerin beantragt im Rahmen eines Disziplinarverfahrens gegen den Antragsgegner den Erlass einer Durchsuchungs- und Beschlagnahmeanordnung. 2 Der Antragsgegner ist seit September 2015 beim Bundesnachrichtendienst (BND) beschäftigt und war im Bereich der Technischen Einsatzunterstützung eingesetzt. Zu seinen dienstlichen Aufgaben gehörte die Beschaffung von Hard-und Softwareprodukten für den Betrieb des BND. Gegen den Antragsgegner wurde am 3. September 2021 das Disziplinarverfahren wegen des Vorwurfs eingeleitet, er habe im Zeitraum von Oktober 2019 bis Mai 2021 in 40 Fällen die Beschaffung von technischen Geräten (z. B. Laptops, PCs, Smartphones und Drohnen) sowie Guthaben (z. B. Prepaid-Guthaben) teilweise nur vorgetäuscht, sodann keine oder nur minderwertige Ware beschafft und inventarisiert und die Differenz zwischen den Kosten der beantragten und der tatsächlich vorgenommenen Beschaffung für sich behalten, wodurch ein Gesamtschaden von 66 387,11 € entstanden sei. Am 24. Juni 2022 ist das Disziplinarverfahren auf den Vorwurf ausgedehnt worden, der Antragsgegner habe mehrere Wochen krankheitsbedingter Dienstunfähigkeit lediglich vorgetäuscht, um während dieser Zeit die für die Erteilung eines Jagdscheins erforderliche Ausbildung absolvieren zu können. II 3 Nach § 27 Abs. 1 BDG kann das Gericht auf Antrag durch Beschluss Beschlagnahmen und Durchsuchungen anordnen. Das Ersuchen darf nur von dem Dienstvorgesetzten, seinem allgemeinen Vertreter oder einem beauftragten Beschäftigten gestellt werden, der die Befähigung zum Richteramt hat. Die Anordnung darf nur getroffen werden, wenn der Beamte des ihm zur Last gelegten Dienstvergehens dringend verdächtig ist und die Maßnahme zu der Bedeutung der Sache und der zu erwartenden Disziplinarmaßnahme nicht außer Verhältnis steht. Diese Voraussetzungen sind vorliegend erfüllt. 4 1. Das Anschreiben des BND vom 22. Februar 2023, präzisiert durch die Angaben im Schriftsatz des BND vom 20. März 2023, erfüllt die Voraussetzungen eines Antrags i. S. v. § 27 Abs. 1 Satz 1 BDG. Der Vizepräsident für zentrale Aufgaben ist allgemeiner Vertreter des Präsidenten des BND i. S. v. § 27 Abs. 1 Satz 1 Halbs. 2 i. V. m. § 25 Abs. 3 BDG. Zuständig ist nach § 45 Satz 5 BDG i. V. m. § 50 Abs. 1 Nr. 4 VwGO das Bundesverwaltungsgericht. 5 2. Der Antragsgegner ist des ihm zur Last gelegten Dienstvergehens dringend verdächtig. 6 Dringender Tatverdacht, der dem Strafprozessrecht entnommen ist (§ 112 Abs. 1 Satz 1 StPO) und über die Kategorie "tatsächliche Anhaltspunkte" i. S. v. § 17 Abs. 1 Satz 1 BDG weit hinausgeht, ist anzunehmen, wenn nicht nur ein auf vage Anhaltspunkte oder bloße Vermutungen, sondern ein auf Tatsachen gestützter hoher Grad an Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass der Antragsgegner das ihm zur Last gelegte Dienstvergehen begangen hat und die Rechtswidrigkeit seines Verhaltens sowie seine Schuld nicht ausgeschlossen sind (BVerfG, Kammerbeschluss vom 14. Januar 2005 - 2 BvR 1975/03 - NJW 2005, 1707 f. zum Strafprozessrecht). Davon ist hier auszugehen. 7 Die Einlassungen des Antragsgegners bei seiner Vernehmung am 20. Januar 2022 und die in der dem Gericht vorliegenden Akten enthaltenen Beweismittel (z. B. Auskünfte von Elektronikhändlern und Prüfberichte zu technischen Geräten) legen die Annahme besonders nahe, dass der Antragsgegner bei 40 Vorgängen zur Beschaffung von technischen Geräten und Berechtigungen (Guthaben) vorsätzlich - zu seinem finanziellen Vorteil - gehandelt hat, damit vorsätzlich und schuldhaft gegen die ihm nach § 61 Abs. 1 BBG obliegenden Dienstpflichten verstoßen und der Antragstellerin einen großen wirtschaftlichen Schaden zugefügt hat. Ferner ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Antragsgegner durch das Vortäuschen krankheitsbedingter Dienstunfähigkeit aus Anlass der Jagdausbildung im November und Dezember 2020 vorsätzlich und schuldhaft gegen die ihm obliegende Pflicht zur Dienstleistung (§ 96 Abs. 1 Satz 1 BBG) verstoßen hat. 8 3. Die Maßnahmen stehen zu der Bedeutung der Sache und der zu erwartenden Disziplinarmaßnahme auch nicht außer Verhältnis. 9
KI-Erklärung auf Basis des amtlichen Gesetzestextes. Orientierend, ersetzt keine Rechtsberatung.